Robin ist versunken. Er schweift nicht ab. Alle Affekte sind unterdrückt. Seine geballte Aufmerksamkeit ist auf den Text vor ihm gerichtet. Ihn nimmt er so intensiv wahr, wie noch nie: "Mit Ohropax im Ohr, wenn alle Geräusche ausgeschaltet sind, wirkt der eigene Herzschlag plötzlich unglaublich laut, genauso wirkt Ritalin." Der Text wird zum Herzschlag.

Es beginnt an einem Septembermorgen 2008, die Sonne ist noch warm, nur die bunten Blätter kündigen bereits den Herbst an. Acht Uhr, ein normaler Lerntag beginnt: Zehn Stunden, eine Stunde Mittagspause, wie immer. Vor Robin liegen die "Deutschen Gesetze", die rote Bibel der Jura-Studierenden. Daneben wie jeden Tag Karteikarten und Federmappe. Doch heute soll es anders werden. In der Federmappe, sorgsam in Alufolie versteckt, die kleine Pille: Fünf Milligramm Methylphenidat, besser bekannt unter dem Markennamen Ritalin. Robin greift zu und schluckt.

Fünf Jahre ist das nun her. Blauweiß waren die Schachteln mit den Pillen, gestreift und mit dem Schweizer Wappen darauf. Eine hat Robin noch immer. Heute hat er sie wieder hervorgeholt, er hält sie in den Händen und erzählt: "Wenn ich heute daran zurückdenke, kann ich exakt das Gefühl zurückrufen, das Ritalin in mir auslöste."

Methylphenidat wirkt im Gehirn. Es senkt den Spiegel des Botenstoffs Dopamin, der für die Impulse zuständig ist. Das innere Impulssystem wird abgestellt. Wer Ritalin nimmt, hat weniger Bedürfnis nach Nähe, braucht weniger Schlaf, verspürt weniger Hunger und Durst. Kinder mit der Aufmerksamkeitsstörung ADHS bekommen es, um den disziplinarischen Anforderungen der Schule zu genügen.

Ritalin ist verschreibungspflichtig. Robin bekommt es damals von seiner Freundin, deren Vater Psychotherapeut ist. Sie nimmt es regelmäßig, sie empfiehlt ihm, es auszuprobieren. Bisher war Robin immer zufrieden mit seinem Lernpensum. Jetzt geht es auf das Examen zu, jetzt reicht die eigene Leistungsfähigkeit plötzlich nicht mehr. Der Druck wächst, alle anderen scheinen effektiver zu lernen, mehr zu schaffen, jeden Tag. So beschließt Robin, das mit dem Ritalin zu probieren.

Das erste Gefühl: Euphorie

Nach einer Stunde setzt die Wirkung ein. "Ich merke, wie ich innerlich ruhiger werde", beschreibt Robin den Effekt. Seine Wahrnehmung wandelt sich: "Es ist wie beim Inhalieren: Unter dem Handtuch spürt man nichts als den heißen Wasserdampf auf der Haut." Hier über den "Deutschen Gesetzen" stülpt ihm das Ritalin ein Handtuch über den Kopf. Alle Geräusche sind gedämpft. "Das Mittel schirmt mich sogar visuell ab." Robins optischer Wahrnehmungskreis verengt sich. Seine Augen sehen nicht mehr die bunten Blätter am Baum vor dem Fenster, nicht mehr die Nachbarn, nicht mehr den Tisch, nicht mehr das Handy: Nur noch die Buchstaben schwarz auf weiß.

Das erste Gefühl: Euphorie. "Diese unglaubliche Fokussierung. Kein Abschweifen mehr, nur noch der Text und ich." Später wird Robin diese erste Ritalin-Erfahrung als Glücksmoment beschreiben. Gleichzeitig ahnt er bereits: "Hier habe ich eine Grenze überschritten." Er ließ sich von etwas von außen Vorgegebenem, wie dem Examen, so sehr beeinflussen, dass er bereit war, in seinen Körper einzugreifen. "Ich habe mich vor mir selbst geschämt", sagt Robin.

Jeder fünfte Studierende in Deutschland nimmt leistungssteigernde Mittel. Das ergab eine Studie an der Universität Mainz, die im Januar veröffentlicht wurde. Neben Ritalin nehmen die Leistungswilligen Beta-Blocker oder Modafinil, ein Mittel gegen Schlafkrankheit, gegen Nervosität. Nicht jede Substanz eignet sich jedoch für jedes Fach. An einer Kunsthochschule Ritalin zu schlucken, das wäre völlig absurd, kommt es hier doch gerade auf die spontanen unkontrollierbaren Assoziationen an. Ritalin unterbindet Kreativität, in Studiengängen in denen sie nicht gefragt ist, hilft das.