ProkrastinationLange Nacht der fleißigen Studenten

Immer mehr Unis veranstalten eine Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten. Doch sie scheint gerade die Studenten anzuziehen, die nicht an "Aufschieberitis" leiden. von Veronika Widmann

Ulrike Eichmanns Finger fliegen über die Tastatur. Sie füllt Zeile um Zeile ihres eben noch blanken Word-Dokuments, keine Sekunde lang stehen ihre Hände still. Schreiben, immer weiterschreiben, das ist die Idee des Fokussierten Freewritings, das die 26-Jährige gerade ausprobiert.

Der Workshop ist Teil der Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Alles dreht sich an diesem Abend darum, wie die Worte endlich aufs Papier kommen. Angesprochen fühlen dürften sich viele: Studien zufolge neigt jeder zweite Student zu Prokrastination, also dem Aufschieben unangenehmer Tätigkeiten. In der Gruppe sollen die Studenten das Problem in den Griff kriegen.

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Die Studenten rund um Ulrike sind zwar hochkonzentriert, übermäßig gestresst sehen sie aber nicht aus. Nach vier Minuten unterbricht die Workshop-Leiterin das Freewriting: "Jetzt fasst ihr das Geschriebene in einem Satz zusammen. Der wird dann eure Überschrift für die nächsten vier Minuten." Drei Mal geht das so, am Ende kann ein gefestigter Gedanke herauskommen, eine genaue Fragestellung oder auch ein ganz neuer Aspekt. 457 Wörter hat Ulrike nach fünfzehn Minuten in ihrem Dokument stehen. Dass viele davon rot unterkringelt sind, stört sie nicht, denn auf Perfektion kommt es nicht an. Die Übung soll Schreibhemmungen abbauen. Für Ulrike hat das funktioniert: "Ich versuche eigentlich immer, gleich richtig zu formulieren", sagt sie. "Aber es ist gut, Gedanken erst mal in irgendeiner Form festzuhalten."

Draußen dämmert es, statt Club Mate holt Ulrike sich einen Kräutertee. Seit gut einer Stunde ist sie schon hier, mindestens bis ein Uhr will sie bleiben und dann eine erste Gliederung für ihre Masterarbeit fertig haben. Zeitdruck hat sie noch lange nicht, aber das Gefühl, Ordnung in das gesammelte Material bringen zu müssen. Zwischen Job und Projekten will sie der Arbeit einmal einen ganzen Abend widmen.

Wie viele Studenten der Viadrina studiert Ulrike zwar in Frankfurt/Oder, wohnt aber in Berlin. Deshalb findet die vierte Lange Nacht in den Räumen der Humboldt-Viadrina School of Governance in Berlin statt, gleich um die Ecke vom Brandenburger Tor. 2010 organisierten die Mitarbeiter des Schreibzentrums der Frankfurter Uni die Aktion zum ersten Mal. In diesem Jahr wird die Lange Nacht an 21 Hochschulen angeboten.

Auf die rund 30 Studenten in Berlin kommen neun Schreibberater. Betreutes Schreiben also, für die, die es nicht selbst auf die Reihe bekommen? Nein, sagt Katrin Girgensohn, wissenschaftliche Leiterin des Schreibzentrums. Man müsse sich von der Vorstellung lösen, dass man fürs Schreiben alleine am Schreibtisch sitzen muss. Produktiver sei es, mit anderen darüber zu sprechen. Dabei merkt man schnell, ob Fragestellungen präzise und Thesen logisch belegt sind.

Intensiv besprochen wird in der Schreibberatung, in den Schreibräumen aber herrscht konzentriertes Schweigen. Nur die Laptoptastaturen klappern, ab und an raschelt eine Kekstüte. Auf Rauchpausen verständigt man sich mit Gesten. Das Konzept funktioniert: Kein Abwasch lenkt von der Arbeit ab, die Konzentration der anderen spornt an. Und wer sich schon aufgerafft, seine Sachen gepackt und auf den Clubbesuch verzichtet hat, der will auch ein Ergebnis sehen. 

Leserkommentare
    • bayert
    • 12. März 2013 16:34 Uhr

    die Fähigkeit, eine komplexe Arbeit zu schreiben (dazu gehört die Zeitplanung und die Disziplin), ist für mich eine Schlüsselqualifikation, die im 4. Semester vorhanden sein müsst. Andernfalls kann man an der Studierfähigkeit zweifeln.

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    • Sven88
    • 12. März 2013 20:54 Uhr

    Ach, es geht eigentlich. Ich hab im 8. auch noch Stress teilweise. Aber im Allgemeinen komme ich gut klar.

  1. ...die durchaus in der Lage sind, 30 Seiten produktiven Text innerhalb von 2 Tagen zu schreiben und 11 von 15 Punkten zu erziehlen. Deren Geheimtipp: 2 Flaschen Rotwein und eine Schachtel Kippen.

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  2. Schreibt man seine Arbeit in letzter Sekunde, muss man fokussiert arbeiten. Man verliert sich nicht in unnötigen Details, kann es sich nicht leisten. Entscheidungsfreudig muss man Inhalte aussieben und Schwerpunkte legen. Das kann so manche Arbeit aufwerten, wenn man es richtig macht. Effektivität mit dem Sprung ins kalte Wasser gelernt.

    Ich kann nicht behaupten, dass alle meine gut geplanten Arbeiten besser waren als die kurzfristigen...

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  3. Ich mag Hausarbeiten überhaupt nicht. Man muss sich durch Gerichtsurteile ab 1871 schlagen, auch wenn die nur irgendeine Mindermeinung vertreten, die heute kaum noch jemand kennt. Man muss ewig Literatur zusammenkratzen, statt einfach kurz im Kommentar nachzublättern. Ich sehe darin keinen Nutzen. Weder als Richter noch als Anwalt hat man es nötig, Gerichtsurteile zum Erbrecht aus Adolfs Zeiten zu zitieren. Die Zeit, die ich für Hausarbeiten aufwende, könnte ich viel besser ins tatsächliches Lernen investieren.

    Keine Ahnung, ob das in anderen Fächern auch so ist.

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    Entfernt, bitte verzichten Sie auf überzogene Polemik. Danke, die Redaktion/se

    • EsHaDo
    • 12. März 2013 17:34 Uhr

    Ich sehe Hausarbeiten nicht so kritisch (spreche aber eher für den groben Bereich Sozialwissenschaften): Ziel ist es doch selbstständig eine Idee in einem Themenfeld zu entwickeln, tiefer nach Informationen zu suchen und den Wissensstand zu diesem Themengebiet abzudecken.
    Ich finde, dass das in Zeiten des Bulimie-Lernens für Klausur um Klausur durchaus Sinn macht und rein organisatorisch den Arbeitsaufwand im Semester besser verteilt...

    thinktwice91... werden Sie doch mal konkret. Was sind das für Qualifikationen?

    Purecynicism hat doch insofern Recht, als dass das Thema für eine juristische Hausarbeit viel zu detailliert ist, um jemals relevantes Klausurwissen zu werden. Maximal kann man den groben Überblick über das Sachgebiet oder das Aufbauschemata verinnerlichen.

    Ich würde Purecynicism antworten, dass das Juristische Studium nicht (nur) zum Anwalt ausbildet! Eine Hausarbeit soll dem Schreiber wissenschaftliches Arbeiten näherbringen. Das heißt zum Teil auch mit älteren Texten umgehen aber in erster Linie doch Argumente zu gliedern, einen stringenten und logischen Aufbau für meine Argumentation zu entwickeln insb. mit soliden Zitaten zu untermauern. Wie man für ein wissenschaftliche Forschungsarbeit, Promotion oder Dissertation wissenschaftliche Erkenntnisse objektiv darstellt und richtig zitiert lernen Sie nicht, indem sie dem Korrektor die Definition einer fremden beweglichen Sache hinrotzen.

    Sehen Sie die Sache doch mal als Richter... Auch wenn diese sicher nicht jeden Tag aus "Adolfs Zeiten" zitieren, so machen sie doch im Grunde nichts anderes als Sie auch. Wer hat was wo schonmal gesagt? und was finde ich warum besser? (sehr grob vereinfacht)

    Es ist schon in der Rechtswissenschaft nicht ganz so.

    Wenn Sie in einer nicht rechtshistorischen Hausarbeit generell bis zu Adolfs Zeiten zurück gehen, machen Sie was falsch bzw. führen die Arbeit in eine Richtung, die man sich beim üblichen 25- bis 30-Seiten-Limit nicht erlauben kann.

    Eine Hausarbeit soll an den Problemschwerpunken den gegenwärtig relevanten Meinungsstand vertieft wiedergeben und den Streit argumentativ entscheiden. In der Fall-Hausarbeit liegt das Gewicht auf der Arbeit am Fall, also der konkreten Entscheidung. Auf Seiten des Meinungsstandes wird man für strafrechtliche Sachverhalte durchaus mal zum Reichsgericht kommen oder für das BGB mal in die "Motive" schauen müssen (über Google Books verfügbar, wenn ich mich recht erinnere), - der präzisen Darstellung wegen, allerdings ohne dass dies besondere Bedeutung hätte.
    Absolute Mindermeinungen, die noch vertreten werden, kann der Student kaum unberücksichtigt lassen, weil er sie mangels Überblick nicht zuverlässig erkennt. Er muss aber ebenso unter Beweis stellen, dass er eine historisch mehr als 20 Jahre überholte Mindermeinung als solche erkennen und unbeachtet lassen kann.

    Ich hasse Hausarbeiten ebenfalls. Mit Leidenschaft. Abgrundtief. Wenn ich den Kerl erwische, der die Dinger erfunden hat...!!! ;-)

    Irgendwo sehe ich ja einen Sinn - Erlernen des wissenschaftlichen Arbeitens und so - aber andererseits mag ich es nicht, sinnloses Zeug zu produzieren, welches außer dem Prüfer kein Mensch liest. Wie Schulaufsätze. Die mochte ich auch nicht.

    Schade, dass in vielen Fächern die Betreuerquote so schlecht ist - mir persönlich erscheint es, zumindest in meinem Studienfach, sinnvoller, ab dem 3.-4. Bachelorsemester Studenten näher in die tatsächliche aktuelle Forschung einzubeziehen und sie an echten Papers, Postern etc. mitwirken zu lassen, und Ihnen ein Gefühl von "da habe ich tatsächlich was Neues mit erarbeitet" zu geben. Aber wie gesagt: frommer Wunsch und aufgrund der hohen Studierendenzahlen nicht wirklich durchführbar.

    • EsHaDo
    • 12. März 2013 17:29 Uhr

    Ich find die Idee super. Ich habe meine Masterarbeit damals fast ausschließlich irgendwo an der Uni (Bibliothek, EDV-Raum und später eigenes Büro) geschrieben und hab privat ab und an mit Freunden ab Abends um 8 bis Morgens durchgewerkelt. So hatte man nicht das Gefühl der einzige Mensch zu sein, der etwas verpasst, konnte zwischendurch mal ne gemeinsame Pause machen und sich austauschen. Das alles mit Rahmung find ich toll. Ich halte das Angebot auch gerade für kleinere Unis für sinnvoll, wo Studenten in der vorlesungsfreien Zeit i.d.R. sehr eingeschränkte Öffnungszeiten der Bibliotheken vorfinden und ihrer Bude nicht so leicht "entkommen" können..

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  4. Entfernt, bitte verzichten Sie auf überzogene Polemik. Danke, die Redaktion/se

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    Antwort auf "Hausarbeiten"
  5. Ich finde das Konzept der "Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten" super und kann daher gar nicht verstehen, warum in dem Artikel so ein skeptischer Unterton mitschwingt. Ich selbst würde mich nicht als übermäßig organisiert bezeichnen und gerade deshalb tut es mir gut, an Veranstaltungen wie etwa der "Langen Nacht" teilzunehmen. Der Austausch mit Kommilitonen dort bringt mich meistens weg von meinem kleinen Chaos hin zu einem klareren Konzept. Mir hilft das, nicht immer alles so sehr aufzuschieben. Es heißt ja nicht, dass ein Prokrastinierer (bzw. in meinem Fall eine Prokrastiniererin) immer ein Prokrastinierer bleiben möchte...

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Student | Berlin | Frankfurt an der Oder
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