Ulrike Eichmanns Finger fliegen über die Tastatur. Sie füllt Zeile um Zeile ihres eben noch blanken Word-Dokuments, keine Sekunde lang stehen ihre Hände still. Schreiben, immer weiterschreiben, das ist die Idee des Fokussierten Freewritings, das die 26-Jährige gerade ausprobiert.

Der Workshop ist Teil der Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Alles dreht sich an diesem Abend darum, wie die Worte endlich aufs Papier kommen. Angesprochen fühlen dürften sich viele: Studien zufolge neigt jeder zweite Student zu Prokrastination, also dem Aufschieben unangenehmer Tätigkeiten. In der Gruppe sollen die Studenten das Problem in den Griff kriegen.

Die Studenten rund um Ulrike sind zwar hochkonzentriert, übermäßig gestresst sehen sie aber nicht aus. Nach vier Minuten unterbricht die Workshop-Leiterin das Freewriting: "Jetzt fasst ihr das Geschriebene in einem Satz zusammen. Der wird dann eure Überschrift für die nächsten vier Minuten." Drei Mal geht das so, am Ende kann ein gefestigter Gedanke herauskommen, eine genaue Fragestellung oder auch ein ganz neuer Aspekt. 457 Wörter hat Ulrike nach fünfzehn Minuten in ihrem Dokument stehen. Dass viele davon rot unterkringelt sind, stört sie nicht, denn auf Perfektion kommt es nicht an. Die Übung soll Schreibhemmungen abbauen. Für Ulrike hat das funktioniert: "Ich versuche eigentlich immer, gleich richtig zu formulieren", sagt sie. "Aber es ist gut, Gedanken erst mal in irgendeiner Form festzuhalten."

Draußen dämmert es, statt Club Mate holt Ulrike sich einen Kräutertee. Seit gut einer Stunde ist sie schon hier, mindestens bis ein Uhr will sie bleiben und dann eine erste Gliederung für ihre Masterarbeit fertig haben. Zeitdruck hat sie noch lange nicht, aber das Gefühl, Ordnung in das gesammelte Material bringen zu müssen. Zwischen Job und Projekten will sie der Arbeit einmal einen ganzen Abend widmen.

Wie viele Studenten der Viadrina studiert Ulrike zwar in Frankfurt/Oder, wohnt aber in Berlin. Deshalb findet die vierte Lange Nacht in den Räumen der Humboldt-Viadrina School of Governance in Berlin statt, gleich um die Ecke vom Brandenburger Tor. 2010 organisierten die Mitarbeiter des Schreibzentrums der Frankfurter Uni die Aktion zum ersten Mal. In diesem Jahr wird die Lange Nacht an 21 Hochschulen angeboten.

Auf die rund 30 Studenten in Berlin kommen neun Schreibberater. Betreutes Schreiben also, für die, die es nicht selbst auf die Reihe bekommen? Nein, sagt Katrin Girgensohn, wissenschaftliche Leiterin des Schreibzentrums. Man müsse sich von der Vorstellung lösen, dass man fürs Schreiben alleine am Schreibtisch sitzen muss. Produktiver sei es, mit anderen darüber zu sprechen. Dabei merkt man schnell, ob Fragestellungen präzise und Thesen logisch belegt sind.

Intensiv besprochen wird in der Schreibberatung, in den Schreibräumen aber herrscht konzentriertes Schweigen. Nur die Laptoptastaturen klappern, ab und an raschelt eine Kekstüte. Auf Rauchpausen verständigt man sich mit Gesten. Das Konzept funktioniert: Kein Abwasch lenkt von der Arbeit ab, die Konzentration der anderen spornt an. Und wer sich schon aufgerafft, seine Sachen gepackt und auf den Clubbesuch verzichtet hat, der will auch ein Ergebnis sehen.