StudentenfragenHabe ich eine Chance auf ein Stipendium?

Herausragende Leistungen im Studium sind nicht alles: ZEIT ONLINE gibt Tipps, wie Studenten auch ohne Bestnoten ein Stipendium ergattern können. von Julian Kirchherr

Meine Noten sind ziemlich gut, aber nicht ausgezeichnet. Lohnt sich trotzdem eine Bewerbung für ein Stipendium?, fragt Philosophie-Studentin Julia Schendrikow.

Liebe Julia Schendrikow,

eine Bewerbung für ein Stipendium lohnt sich definitiv. Und zwar auch, wenn Sie nicht jedes Modul im Studium mit Bestnoten abgeschlossen haben. Denn verschiedene Förderer haben ganz unterschiedliche Zielgruppen im Kopf. Zensuren spielen dabei oft nur eine untergeordnete Rolle.

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Die Gustav-Schickedanz-Stiftung zum Beispiel fördert ausschließlich bedürftige evangelische Studenten, die mindestens fünf Jahre lang in Bayern gelebt haben. Die E. W. Kuhlmann-Stiftung wiederum bietet Norddeutschen in wirtschaftlicher Notlage Unterstützung in der Schlussphase ihres Studiums.

Einen ersten Überblick zu verschiedenen Stipendien in Deutschland bietet der Stipendienlotse vom Bundesbildungsministerium. Eine hilfreiches Verzeichnis mit über 700 Stipendien gibt es außerdem beim Karrierenetzwerk e-fellows.net.

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Es lohnt sich, diese Datenbanken zu durchstöbern und nach Stipendien zu suchen, die zum eigenen Profil passen. Sobald eine erste Auswahl getroffen ist, üben Sie sich bloß nicht in falscher Bescheidenheit: Bewerben Sie sich auch dort, wo Ihr Profil nur teilweise passt. Die Anforderungen der Stipendiengeber zeichnen schließlich ein Bild vom idealen Bewerber, das deutlich vom tatsächlichen Stipendiatenkreis abweichen kann. Streuen Sie zudem Ihr Risiko und bewerben Sie sich von Anfang an bei mehreren Förderern.

Falls Sie ein Stipendium von einem der großen und namhaften zwölf Begabtenförderungswerke anstreben, sind sogar hier sehr gute Noten kein Muss. "Außergewöhnliches Engagement und Persönlichkeit können akademische Leistungen, die nicht ganz so stark sind, ausgleichen", sagt etwa Kathleen Klotchkov von der Friedrich-Naumann-Stiftung. "Uns interessiert der Mensch hinter den Unterlagen. Deswegen lohnt sich eine Bewerbung bei uns immer."

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt die Heinrich-Böll-Stiftung. "Sehr gute Schul- und Studienleistungen sind zwar eine wichtige Voraussetzung für die Förderung bei uns", sagt Ulla Siebert. "Aber wir evaluieren Kandidatinnen und Kandidaten immer im Kontext ihrer Biographie und Lebensleistung." Das heißt: Ein Bewerber mit Migrationshintergrund, der es als Erster in der Familie an die Universität schafft, wird anders beurteilt als eine deutsche Zahnarzttochter.

Weltanschauung ist wichtig

Und schließlich spielt bei den großen Begabtenförderungswerken auch Ihre Weltanschauung eine gewichtige Rolle. "Bewerber müssen sich mit unseren Werten und Überzeugungen identifizieren", sagt etwa Günther Rüther von der konservativen Konrad-Adenauer-Stiftung. Zeigen Sie im Lebenslauf und im Motivationsschreiben also ganz genau Ihre Verbindung zur Philosophie Ihrer Wunsch-Stiftung auf. 

Vielleicht ist außerdem jemand in Ihrem Freundeskreis schon Stipendiatin bei Ihrem potentiellen Förderer? Nutzen Sie diese Quelle und informieren Sie sich so ganz genau. Und dann schreiben Sie, wie Sie sich als Stipendiatin konkret in den Stiftungsalltag einbringen würden und welcher Stipendiatenarbeitskreis in Ihrer Wunsch-Stiftung sie besonders reizt. Auch so zeigen Sie dem Auswahlgremium, dass Sie den richtigen "Stallgeruch" haben.  

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Leserkommentare
  1. Mein Bruder bekam mal ein Stipendium (nichts großes, lediglich 500 Euro...) das einzige was er davon hatte war mehr Aufwand mit dem Bafög Papierkram. Die 500 Euro wurden ihm beim Bafög wieder abgezogen... tolles Stipedium, es war wohl dafür gedacht den Staat zu entlasten....

    Eine Leserempfehlung
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    Und? Ein Stipendium muss man in der Regel nicht zurückzahlen (selbst bei Studienabbruch gibt es durchaus Verhandlungsspielraum), BAföG schon. Viele Stipendien - z.B. für ein Auslandssemester - liegen auch deutlich über BAföG. Also in so gut wie jedem Fall ein Gewinn.

    Lieber Homer Jay Simpson,

    was für ein Stipendium hat Ihr Bruder denn konkret erhalten?

    Beim Deutschland-Stipendium etwa wird das Geld nicht auf das BAföG angerechnet. Die Förderung des Deutschlandstipendiums ist unabhängig vom sonstigen Einkommen des Studenten oder der Eltern. Auch Sozialversicherungsbeiträge müssen nicht geleistet werden. Mehr Infos hier: http://www.e-fellows.net/...

    Folgendermaßen ist es meines Wissens und meiner Erfahrung nach bei den großten zwölf Begabtenförderungswerke: Sind Sie BAföG-Empfänger und erhalten dann ein Stipendium, teilt Ihnen der Förderer nicht nur die sog. "ideelle Förderung" zu, die auch das Büchergeld umschließt, sondern auch finanzielle Unterstützung in etwa der Höhe des (vorherigen) BAföG-Anspruchs. Im Gegenteil zum BAföG muss diese Unterstützung allerdings im Regelfall nicht zurückgezahlt werden. Sie erhalten allerdings nicht diese finanzielle Unterstützung plus BAföG. In der Tat ersetzt diese Unterstützung das BAföG.

    Nichtsdestotrotz lohnt sich ein solches Stipendium für einen (vorherigen) BAföG-Empfänger finanziell in jedem Fall. Mehr Infos: http://www.e-fellows.net/...

    Viele Grüße,
    Julian Kirchherr

    Warum denn arbeiten, wenn man auch Hartz IV in ähnlicher Höhe bekommen kann? Ist 'ne ähnliche Sache.

    BAföG ist dafür gedacht, Menschen ein Studium zu erlauben, die es sich anders nicht leisten könnten. Wenn Ihr Bruder sich ein Stipendium ergattern konnte, dann braucht der Staat nicht mehr (oder weniger) Einspringen - es sollte nämlich keine Selbstverständlichkeit sein, dass der Staat einem das Leben finanziert.

    Renommierte Stipendien machen sich übrigens auch extrem gut im Lebenslauf, ich habe Freunde, die von der deutschen Studienstiftung finanziert werden, obwohl ihre Eltern noch zehn weiteren Kindern ein Studium finanzieren könnten, fürs Geld tun die es also sicher nicht.

  2. Eine Leserempfehlung
  3. Der Artikel zeichnet ja ein sehr positives Bild des Konzepts "Stipendien".
    Man kann das ganze aber auch anders verstehen - dazu seien mal folgende Aussagen zitiert:
    1. "Zensuren spielen [...] oft nur eine untergeordnete Rolle."
    2. "[...] zeigen Sie dem Auswahlgremium, dass Sie den richtigen "Stallgeruch" haben."
    3. "Ein Bewerber mit Migrationshintergrund, der es als Erster in der Familie an die Universität schafft, wird anders beurteilt als eine deutsche Zahnarzttochter."

    Daraus könnte man auch folgern, daß der Bewerber mit Migrationshintergrund oder meinetwegen auch ohne aus nicht-akademischem Elternhaus Schwierigkeiten haben wird, das Auswahlgremium vom richtigen "Stallgeruch" zu überzeugen, und trotz guter Noten leer ausgeht.

    Anders gesagt: Stipendien sind vielleicht eine ganz nette Sache, u.a. für den Netzwerkaufbau; sie werden aber ziemlich willkürlich vergeben (im Sinne von "Nicht jeder, der eins verdient hätte, kriegt auch eins.") Wer auf finanzielle Unterstützung angewiesen ist, brauch ein leistungsfähiges BAföG.

    4 Leserempfehlungen
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    Da stimme ich Ihnen voll zu.
    Dass Noten oft eine eher untergeordnete Note spielen, beurteile ich außerdem eher negativ. Manche alternativen Auswahlkriterien wie "Stallgeruch" sagen definitiv nichts über die Leistungsfähigkeit eines potenziellen Stipendiaten aus.
    Zudem dürften sich auch einige Studenten nur deswegen sozial engagieren, um eben eine Chance auf ein Stipendium zu haben oder weil es im Lebenslauf besser aussieht.

    Lieber xyz_123,

    vielen Dank für Ihren Kommentar!

    Grundsätzlich will der Artikel in der Tat die 'Nicht-Fixierung' von vielen Förderern auf Noten durchaus positiv darstellen. Das stimmt. Schließlich bedeutet diese 'Nicht-Fixierung' auf Noten im Idealfall u. a., dass immer die tatsächlichen Umstände, unter denen Noten 'entstehen', berücksichtigt werden. Und das ist fair - gerade für Bewerber mit Migrationshintergrund etwa.

    Aber diese Nicht-Fixierung kann natürlich in der Realität auch dem "Stallgeruch" Tür und Tor öffnen. Dann bekommen genau die ein Stipendium, die in den Unterlagen z. B. ihre Persönlichkeit besonders überzeugend darstellen können, obwohl das in der Realität gar nicht stimmen muss. Laut dem Elitenforscher Michael Hartmann sind die talentiertesten Selbstdarsteller vor allen Dingen Studenten aus dem Bürger- und Großbürgertum (siehe dazu auch: http://www.zeit.de/studiu...).

    Auf diesen negativen Effekt der Nicht-Fixierung will ich im letzten Satz des Artikels in der Tat anspielen. Deswegen im letzten Satz "Stallgeruch" und - noch wichtiger - der Link zur passenden BMBF-Studie. Kernaussage dieser Studie: "Die meisten Geförderten in der Studienförderung erhalten – neben immateriellen Formen der Förderung – ausschließlich Büchergeld (42 %)," d. h. sie kommen aus - relativ - wohlhabenden Familien.

    Viele Grüße
    Julian Kirchherr

  4. Und? Ein Stipendium muss man in der Regel nicht zurückzahlen (selbst bei Studienabbruch gibt es durchaus Verhandlungsspielraum), BAföG schon. Viele Stipendien - z.B. für ein Auslandssemester - liegen auch deutlich über BAföG. Also in so gut wie jedem Fall ein Gewinn.

    4 Leserempfehlungen
  5. 5. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf diffamierende Kommentare. Danke, die Redaktion/jp

  6. Da stimme ich Ihnen voll zu.
    Dass Noten oft eine eher untergeordnete Note spielen, beurteile ich außerdem eher negativ. Manche alternativen Auswahlkriterien wie "Stallgeruch" sagen definitiv nichts über die Leistungsfähigkeit eines potenziellen Stipendiaten aus.
    Zudem dürften sich auch einige Studenten nur deswegen sozial engagieren, um eben eine Chance auf ein Stipendium zu haben oder weil es im Lebenslauf besser aussieht.

    3 Leserempfehlungen
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    Das, was Sie schreiben, deckt sich nicht nur mit meiner Meinung, sondern auch mit meiner Erfahrung.

  7. Lieber xyz_123,

    vielen Dank für Ihren Kommentar!

    Grundsätzlich will der Artikel in der Tat die 'Nicht-Fixierung' von vielen Förderern auf Noten durchaus positiv darstellen. Das stimmt. Schließlich bedeutet diese 'Nicht-Fixierung' auf Noten im Idealfall u. a., dass immer die tatsächlichen Umstände, unter denen Noten 'entstehen', berücksichtigt werden. Und das ist fair - gerade für Bewerber mit Migrationshintergrund etwa.

    Aber diese Nicht-Fixierung kann natürlich in der Realität auch dem "Stallgeruch" Tür und Tor öffnen. Dann bekommen genau die ein Stipendium, die in den Unterlagen z. B. ihre Persönlichkeit besonders überzeugend darstellen können, obwohl das in der Realität gar nicht stimmen muss. Laut dem Elitenforscher Michael Hartmann sind die talentiertesten Selbstdarsteller vor allen Dingen Studenten aus dem Bürger- und Großbürgertum (siehe dazu auch: http://www.zeit.de/studiu...).

    Auf diesen negativen Effekt der Nicht-Fixierung will ich im letzten Satz des Artikels in der Tat anspielen. Deswegen im letzten Satz "Stallgeruch" und - noch wichtiger - der Link zur passenden BMBF-Studie. Kernaussage dieser Studie: "Die meisten Geförderten in der Studienförderung erhalten – neben immateriellen Formen der Förderung – ausschließlich Büchergeld (42 %)," d. h. sie kommen aus - relativ - wohlhabenden Familien.

    Viele Grüße
    Julian Kirchherr

  8. Das, was Sie schreiben, deckt sich nicht nur mit meiner Meinung, sondern auch mit meiner Erfahrung.

    Antwort auf "zweifelhafte Selektion"

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