Wenn Kim Jong Un, der Diktator von Nordkorea, dem Westen demnächst wieder mit Krieg droht, wird er vermutlich Koreanisch sprechen. Er wäre aber auch in der Lage, auf Schweizerdeutsch zu drohen.

Von 1998 bis 2001 ging ein koreanischer Junge namens Pak Un auf die Schule Liebefeld Steinhölzli nahe der Schweizer Hauptstadt Bern. Der örtlichen Schulbehörde war Pak als Sohn eines Mitarbeiters der Botschaft von Nordkorea gemeldet.  

Seit 2009 kursieren Gerüchte, dass es sich bei Pak Un um den jungen Kim Jong Un gehandelt haben soll. Ausgelöst durch eine Meldung der japanischen Zeitung Mainichi, fiel die Presse in dem Berner Vorort Köniz ein. Ein ehemaliger Sitznachbar erzählte dem Schweizer Tagesanzeiger, Kim Jong Un habe sich ihm anvertraut. Eines Nachmittages, als die beiden zusammen Musik hörten, habe Kim gesagt: "Ich bin nicht der Sohn des Botschafters, ich bin der Sohn des Präsidenten." Er habe ein Foto gezeigt, auf dem er zusammen mit seinem Vater zu sehen ist, dem damaligen Staatsoberhaupt Kim Jong Il. Der Sitznachbar erzählte, Kim und er hätten fast jeden Nachmittag zusammen Basketball gespielt: "Das war seine ganze Leidenschaft." Außerdem habe Kim sehr oft die nordkoreanische Nationalhymne gehört.

Ob die Geschichte tatsächlich stimmte, ließ sich damals nicht klären. Doch letztes Jahr lieferte der französische Anthropologe Raoul Perrot den Beweis. Er verglich im Auftrag der Schweizer SonntagsZeitung das Gesicht von Pak Un auf einem Klassenfoto aus dem Jahr 1999 mit einem aktuellen Bild von Kim Jong Un anhand der Position von 17 Gesichtsmerkmalen. Das Ergebnis: eine Übereinstimmung von 95 Prozent. Die Abweichung von fünf Prozent führt der Wissenschaftler auf Alterung und Gewichtszunahme zurück.

Kim Jong Un ist also in der Schweiz zur Schule gegangen. Schon als die ersten Gerüchte aufgekommen waren, hatten Beobachter und Experten gehofft, die Begegnung mit der westlichen Demokratie könnte den Thronfolger zu einer Öffnung seines  Landes verleiten. Diese Hoffnung wird spätestens in diesen Tagen enttäuscht. Wie kann es sein, dass sein Bildungsaufenthalt in Europa scheinbar wirkungslos blieb?