Der Professor wackelt mit dem Schnauzbart. Die Oberlippe hebt sich. Plötzlich schnellt die Zunge über die Zähne, die Mundwinkel spannen sich. Oberlippe und Unterlippe fallen aufeinander, der Schnauzbart wackelt noch einmal. Das war’s. In diesen Momenten verflucht Malu Schnauzbärte. Wieder einmal hat sie ein Wort nicht von den Lippen lesen können. War das vor nun ein L oder ein N? Der Professor ist einer von denen, die ihr das Leben schwer machen: die Bartträger, die Nuschler, die Flüsterer.

Im Hörsaal sitzt Malu in der ersten Reihe. Sie sitzt dort oft alleine. Dann spürt sie die Blicke der Kommilitonen im Rücken. Sie fühlt sich wie eine Fremde in der Welt der Hörenden. Doch sie braucht die Nähe zum Rednerpult, sonst kann sie die feinen Nuancen in den Lippenbewegungen nicht erkennen.

Malu heißt eigentlich Marie-Luise Erne. Seit in ihrer Welt die Geräusche verstummten, wurde auch ihr Name fremd für sie. Heute noch bringt sie das "r" nur schwer über die Lippen. Ihre Großmutter gab ihr deshalb den Spitznamen Malu. Malu sollte es nicht unnötig schwer haben.  

Malu hat das Abitur bestanden, lebt in einer WG in Heidelberg mit ihrem Freund und studiert dort im achten Semester Sport, Deutsch, Kunst auf Lehramt. Dennoch ist ihr Studium für sie jeden Tag eine Belastungsprobe. "Viele meiner Kommilitonen gehen mit Ellbogen ins Studium. Die wollen gute Leistungen, um jeden Preis", sagt Malu. Immer wieder muss sie erklären, warum sie bei einer Klausur eine Stunde länger schreiben darf, oder warum die Kommilitonen beim Sprechen aufstehen sollen.

In Deutschland leben rund 80.000 gehörlose Menschen. Statistisch gesehen wird jedes tausendste Kind gehörlos geboren. Wie viele Hörgeschädigte studieren, ist nicht bekannt. Malu glaubt, es seien zu wenige. Deshalb hat sie den Schwerpunkt "Hörschädigung" gewählt und ihr Studium an eine Mission geknüpft: "Ich möchte anderen Hörgeschädigten ein Vorbild sein. Ihnen zeigen, dass sie das auch schaffen können."   

Malu wollte es Scheppern hören, doch alles blieb stumm

Als Malu ein Jahr alt war, hörte sie ihrem Vater beim Klavierspielen zu. Damals plapperte sie alle Wörter nach, die sie aufschnappen konnte, erzählen ihre Eltern. Doch dann wurde sie krank. Ihre Rückenmark-Flüssigkeit war voller Bakterien. Diagnose: Hirnhaut-Entzündung. Die Ärzte kämpften gegen die Zeit und den Tod, drei Wochen lang. Sie gewannen. Ein Antibiotikum schlug an, Malu konnte das Krankenhaus wieder verlassen. Was niemand ahnte: Die Entzündung hatte ihr Gehör schwer geschädigt.

Zu Hause saß Malu in der Küche und warf Töpfe und Schüsseln auf den Fliesenboden. Sie kannte die Geräusche von früher, das Scheppern und Klirren. Doch jetzt blieb alles stumm. Die Mutter schrieb später in ein Fotoalbum: "Wir dachten, du wolltest die Schüsseln tanzen lassen. Dabei wolltest du nur Geräusche hören."