Gammlige Wohnblöcke an der Uni? Diese Zeiten sind vielerorts vorbei. In Osnabrück leben Studenten in umgebauten Fabriken, Bauernhöfen und auf der Stadtmauer.

Marcia geht in die Knie und lockt ihren Mitbewohner. "Der ist total zutraulich", sagt sie. Zuerst aber schenkt er Marcia einen skeptischen Blick und kräht einmal laut. Dann erst lässt er sich von ihr über den gefiederten Hals streichen. Marcia und der Hahn teilen sich ihren Garten mit 48 menschlichen Mitbewohnern und einer Handvoll Hühnern. Platz ist trotzdem genug, denn der Garten gehört zu einem der ungewöhnlichsten Studentenwohnheime Deutschlands: dem Bauernhof Luhrmann in Osnabrück.

Bis 1975 lebte die Bauernfamilie Luhrmann in dem Fachwerkhof aus dem achtzehnten Jahrhundert, 1985 zogen die ersten Studenten ein. Marcia hat ihr Zimmer im ehemaligen Schweinestall, andere Studenten dort, wo früher Heu gelagert oder Brot gebacken wurde. Die Bewohner kümmern sich selbst um mehr als 100 Quadratmeter Garten; sie schneiden Hecken, füttern Hühner, bauen Gemüse an und ernten Wildkräuter. In die Äste eines Baumes haben sie einen Traktorreifen als Schaukel gehängt. "Hier wohnen lauter Leute mit kreativen Ideen, die gerne was anpacken", sagt Marcia über ihre Mitbewohner.

Es ist gerade warm genug geworden, um barfuß zu laufen. Marcia nutzt die Gelegenheit. "Im Sommer kann man das hier wunderbar tun, Schuhe braucht man eigentlich nur für die Stadt", sagt sie. Ein weiterer Vorteil dieses Wohnheims: Das einzige Zivilisationsgeräusch kommt von der nahen Bahnlinie. Ein Gefühl wie Ferien auf dem Bauernhof – mit Anbindung an Stadt und Uni  in 15 Fahrradminuten. "Ich finde es super, dass die alten Gebäude erhalten werden und gleichzeitig Leute die Möglichkeit bekommen, auf einem Hof im Grünen zu leben, die sich das sonst nicht leisten könnten", sagt Marcia über ihr Wohnheim.

300 Studenten leben in einer ehemaligen Produktionshalle

Alte Gebäude in Wohnanlagen umzufunktionieren ist eine Spezialität des Osnabrücker Studentenwerks. "Münster liegt sehr nah und erschlägt das kleine Osnabrück als Unistadt durch seine Prominenz", sagt Ursula Rosenstock, Abteilungsleiterin Wohnen beim Studentenwerk. "Wir mussten durch etwas anderes herausstechen." Anfang der achtziger Jahre, als anderswo praktikable Heimklötze hingesetzt wurden, kaufte das Osnabrücker Studentenwerk eine alte Fabrik und baute sie zum Wohnheim um.

Heute leben in den ehemaligen Produktionshallen 300 Studenten in Appartements und WGs. Mit ihren Backsteingebäuden und Innenhöfen wirkt die ehemalige Fabrik wie ein kleines Dorf. Der Dorfälteste heißt Wilfried Mollenhauer, ist seit 30 Jahren Hausmeister des Wohnheims und sein treuester Bewohner. Er hat miterlebt, wie sich rund um die alte Fabrik in einer ehemals industriellen Gegend ein Wohnviertel entwickelt hat. "Früher war hier alles hässlich, mittlerweile ist es eine der beliebtesten Wohngegenden in Osnabrück."

Zwar ist die Inneneinrichtung etwas in die Jahre gekommen, der Teppich in ihrem Zimmer fast durchgetreten, trotzdem wohnt Karina, 22, gern in der alten Fabrik. "Viele ziehen erst mal ein, bis sie eine WG gefunden haben. Dann merken sie, wie gut es ist und bleiben", sagt sie. Auch Karina will nicht weg: Gerade hat sie sich bei Mollenhauer erkundigt, ob sie auf der Grünfläche vor ihrem Fenster einen Gemüsegarten anlegen darf.