Krebserkrankung Chemo-WG gesucht

Die Studentin Friederike Kaup erkrankte an Krebs und musste zurück zu ihren Eltern ziehen. Nun will sie eine WG gründen, in der Patienten ihre Eigenständigkeit behalten. von Lisa Altmeier

Die Soziologie-Studentin Friederike Kaup

Die Soziologie-Studentin Friederike Kaup   |  © privat

Als Friederike Kaup vor zwei Jahren nachfragte, wo sie während ihrer Chemotherapie wohnen könnte, machte ihr jemand den Vorschlag: "Ziehen Sie doch ins Hospiz. Da ist gerade ein Zimmer frei geworden." Mit Sterbenden zusammenwohnen? Nee, soweit bin ich noch lange nicht, dachte die Studentin – dann doch lieber zurück zu den Eltern.

Heute ist ihr erster Tag ohne Krücken. Sie geht vorsichtig in Richtung eines Spielplatzes und setzt sich auf eine Bank. Von hier aus kann sie den Rhein sehen. 500 Meter weiter ist sie hier in Lahnstein, Rheinland-Pfalz, zur Schule gegangen, bevor sie für das Studium nach Darmstadt zog. Soziologie, Nebenfächer Städtebau und Psychologie. An der Uni hat sie gelernt, dass das Wohnumfeld einer der wichtigsten Faktoren für die persönliche Zufriedenheit ist.

Anzeige

Als sie das selbstständige Wohnen in der Studenten-WG aufgab, war das der zweite große Einschnitt in Friederikes Leben nach der Krebsdiagnose. Zurück bei den Eltern fühlte sie sich, als wäre sie gerade 15 geworden. Sie störte "alles, was du als Teenie auch fies findest". Die Eltern umsorgten sie liebevoll, sie fühlte sich aber nicht mehr zu Hause. Ihr Zimmer war ein Provisorium ohne Internet und Fernsehen. Immer wuselte jemand aus der Familie um sie herum. "In einer WG kann man einfach mal für sich sein. Und Besuch bekommen soviel man will. Das fehlt dir bei den Eltern."

Über ihr Blog hält Friederike Kontakt zu anderen Patienten

Jetzt, wo es der Soziologie-Studentin wieder besser geht, entwickelt sie in Koblenz genau das, was sie damals so dringend gesucht hat. Eine Wohngemeinschaft für junge Menschen mit besonderen Bedürfnissen: die Chemo-WG.

Dort sollen drei bis vier Patienten zusammenwohnen. "Andere Krebspatienten können viel besser nachvollziehen, was man während einer Chemotherapie erleiden muss", sagt Friederike. Doch für Erkrankte in Friederikes Alter gibt es kaum spezielle Angebote, das Gesundheitssystem unterstützt vor allem alte Menschen und Kinder. Für die Kinderkrebshilfe gelten Anfang Zwanzigjährige nicht mehr als Kinder. Dabei kommt die Erkrankung bei jungen Erwachsenen in einer Phase, in der sie gerade erst gelernt haben, einigermaßen selbstständig zu leben.

Friederike hat mittlerweile Kontakt zu vielen anderen Patienten, die über ihr Blog das Projekt verfolgen: "Wir, die jungen Erwachsenen mit Krebs, fühlen uns alleingelassen."  

Leserkommentare
  1. viel Erfolg dafür!

    6 Leserempfehlungen
  2. [...] Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf haltlose Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/kvk

    Ob man dass dann Chemo-Wg nennen muss ist dahingestellt, da gibt man einer mangelhaften Methode zuviel Ehre.
    Aber ich wuensche ein gutes Durchhaltevermögen im Behördendschungel und Erfolg

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Der Kommentarteil auf den Sie sich kritisch beziehen, wurde inzwischen entfernt. Die Redaktion/kvk

  3. "Auch die hygienischen Bedingungen in Wohngemeinschaften sind für Menschen in der Chemotherapie problematisch. WGs sind nicht gerade für ihre Sauberkeit bekannt."

    Aha. Woher stammt denn diese Weisheit?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Weder eine in der ich selbst lebt noch bei andern. das war aber eigentlich immer mehr eine Typfrage, ich bin auch alleine nicht übermäßig ordentlich. Ich kann aber nicht sagen, wie es in einer WG aussähe, wo sich sich sehr ordentliche Menschen zusammengetan haben. Aber wieso soll es die nicht geben?

  4. 4. [...]

    Der Kommentarteil auf den Sie sich kritisch beziehen, wurde inzwischen entfernt. Die Redaktion/kvk

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "eine gute Idee"
  5. Weder eine in der ich selbst lebt noch bei andern. das war aber eigentlich immer mehr eine Typfrage, ich bin auch alleine nicht übermäßig ordentlich. Ich kann aber nicht sagen, wie es in einer WG aussähe, wo sich sich sehr ordentliche Menschen zusammengetan haben. Aber wieso soll es die nicht geben?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Natürlich gibt es auch WGs, in denen sehr ordentliche Menschen leben. Man sucht sich eben entsprechende Mitbewohner. Reinliche Menschen werden bereits beim WG-Casting verbindliche Putzpläne und Mindeststandards besprechen, das schreckt nichtganzsoreinliche Bewerber durchaus ab.

    Per se von einer Wohnform auf die hygienischen Verhältnisse zu schließen halte ich für überzogen und würde an anderer Stelle als "billiges Klischee" gebrandmarkt.

    Dass Chemo-Patienten eine Putzhilfe benötigen, kann ich andererseits sehr gut nachvollziehen. Aber nicht weil sie in einer WG wohnen.

  6. 6. Eben!

    Natürlich gibt es auch WGs, in denen sehr ordentliche Menschen leben. Man sucht sich eben entsprechende Mitbewohner. Reinliche Menschen werden bereits beim WG-Casting verbindliche Putzpläne und Mindeststandards besprechen, das schreckt nichtganzsoreinliche Bewerber durchaus ab.

    Per se von einer Wohnform auf die hygienischen Verhältnisse zu schließen halte ich für überzogen und würde an anderer Stelle als "billiges Klischee" gebrandmarkt.

    Dass Chemo-Patienten eine Putzhilfe benötigen, kann ich andererseits sehr gut nachvollziehen. Aber nicht weil sie in einer WG wohnen.

  7. Ich kann aus persönlicher Erfahrung sehr gut nachempfinden, was sie da vorhat. Hoffentlich etabliert sich eine solche Form der Wohngemeinschaft. Der Titel 'Chemo-WG' zeigt die nette Selbstironie, der man verständlicherweise eher unter Betroffenen begegnet :).

    Auch wenn Mitbewohner reinlich sind, so können sie vielleicht trotzdem nicht jede Situation nachvollziehen...darum ging es sicher nur.

    Ich wünsche ihr auf jeden Fall alles Gute, und hoffe, dass sie alles gut übersteht!!

    Eine Leserempfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service