Der Bachelor ist ein Schmalspurstudium, die Lehre an deutschen Hochschulen taugt nichts, die Unis können international nicht mithalten – für diese Vorwürfe findet man in Deutschland viel Zustimmung. Zu Unrecht. Das Studium hierzulande ist besser als sein Ruf, das belegen nicht zuletzt der Erfolg der Absolventen auf dem Arbeitsmarkt und das hohe Ansehen, das deutsche Studenten an ausländischen Unis genießen.

Das drängendste Problem des Bildungssystems ist nicht die Qualität, sondern die fehlende soziale Durchlässigkeit. Laut der am Mittwoch veröffentlichten Sozialerhebung des Studentenwerks sind die zukünftigen Akademiker in Deutschland vor allem Kinder von Akademikern, Arbeiterkinder schaffen es nur selten an die Uni. Betrachtet man die Bildung der Eltern, dann seien bei der Herkunft der Studenten "seit 2006 keine wesentlichen Änderungen zu verzeichnen", schreiben die Autoren der aktuellen Sozialerhebung.

Die Nachricht kann eigentlich niemanden mehr erschrecken. Die Studien der Studentenwerke belegen den Zusammenhang zwischen Herkunft und Bildungschancen in Deutschland stets aufs neue, die OECD kam erst kürzlich zu einem ähnlichen Ergebnis.

Das Problem ist allgemein bekannt, aber weil die Mechanismen der sozialen Auslese so vielschichtig sind, fühlt sich niemand so recht zuständig. Was können denn die Hochschulen tun, schließlich sind die Chancen schon bei den Abiturienten ungleich verteilt. Was können die Gymnasien noch ausrichten, die Vorsortierung der Schüler findet doch schon in der Grundschule statt. Und so weiter.

Bafög muss verlässlicher werden

Statt vor der Komplexität des Problems zu erstarren, muss auf jeder Bildungsstufe ein Teil der Verantwortung übernommen werden. Für die Hochschulen und Stipendiengeber bedeutet das etwa, bei der Vergabe von Studienplätzen und Förderungen die Leistung von Kindern aus nicht-akademischem Elternhaus besonders zu würdigen.

Der Gesetzgeber hat die Verantwortung für eine Bafög-Reform. Dabei geht es nicht in erster Linie um die Höhe der Förderung. Wichtiger ist Verlässlichkeit: Studenten mussten in diesem Jahr zum Teil monatelang auf ihr Geld warten, weil die Ämter überlastet waren oder bürokratische Hürden beim Übergang zwischen Bachelor und Master auftraten. Diese Probleme müssen dringend behoben werden. Zudem müssen auch solche Familien Bafög erhalten, die zwar nicht bettelarm sind, es sich aber trotzdem nicht leisten können, ein Studium zu finanzieren. Hier großzügige Regeln zu schaffen, ist mehr wert als eine schmale Erhöhung der Bafög-Höchstsätze.

Man kann dem Bildungswesen in Deutschland nur wünschen, dass die Zahlen der Sozialerhebung diesmal größere Konsequenzen haben als die Vorgängerstudien. In drei Jahren steht der nächste Bericht an.

Der Autor ist Chefredakteur von ZEIT CAMPUS