Studentenwerk-Umfrage : Fördert die Arbeiterkinder

Eine Umfrage des Studentenwerks belegt: Im deutschen Bildungswesen mangelt es nicht an Qualität, sondern an Chancengerechtigkeit, kommentiert Simon Kerbusk.

Der Bachelor ist ein Schmalspurstudium, die Lehre an deutschen Hochschulen taugt nichts, die Unis können international nicht mithalten – für diese Vorwürfe findet man in Deutschland viel Zustimmung. Zu Unrecht. Das Studium hierzulande ist besser als sein Ruf, das belegen nicht zuletzt der Erfolg der Absolventen auf dem Arbeitsmarkt und das hohe Ansehen, das deutsche Studenten an ausländischen Unis genießen.

Das drängendste Problem des Bildungssystems ist nicht die Qualität, sondern die fehlende soziale Durchlässigkeit. Laut der am Mittwoch veröffentlichten Sozialerhebung des Studentenwerks sind die zukünftigen Akademiker in Deutschland vor allem Kinder von Akademikern, Arbeiterkinder schaffen es nur selten an die Uni. Betrachtet man die Bildung der Eltern, dann seien bei der Herkunft der Studenten "seit 2006 keine wesentlichen Änderungen zu verzeichnen", schreiben die Autoren der aktuellen Sozialerhebung.

Die Nachricht kann eigentlich niemanden mehr erschrecken. Die Studien der Studentenwerke belegen den Zusammenhang zwischen Herkunft und Bildungschancen in Deutschland stets aufs neue, die OECD kam erst kürzlich zu einem ähnlichen Ergebnis.

Das Problem ist allgemein bekannt, aber weil die Mechanismen der sozialen Auslese so vielschichtig sind, fühlt sich niemand so recht zuständig. Was können denn die Hochschulen tun, schließlich sind die Chancen schon bei den Abiturienten ungleich verteilt. Was können die Gymnasien noch ausrichten, die Vorsortierung der Schüler findet doch schon in der Grundschule statt. Und so weiter.

Bafög muss verlässlicher werden

Statt vor der Komplexität des Problems zu erstarren, muss auf jeder Bildungsstufe ein Teil der Verantwortung übernommen werden. Für die Hochschulen und Stipendiengeber bedeutet das etwa, bei der Vergabe von Studienplätzen und Förderungen die Leistung von Kindern aus nicht-akademischem Elternhaus besonders zu würdigen.

Der Gesetzgeber hat die Verantwortung für eine Bafög-Reform. Dabei geht es nicht in erster Linie um die Höhe der Förderung. Wichtiger ist Verlässlichkeit: Studenten mussten in diesem Jahr zum Teil monatelang auf ihr Geld warten, weil die Ämter überlastet waren oder bürokratische Hürden beim Übergang zwischen Bachelor und Master auftraten. Diese Probleme müssen dringend behoben werden. Zudem müssen auch solche Familien Bafög erhalten, die zwar nicht bettelarm sind, es sich aber trotzdem nicht leisten können, ein Studium zu finanzieren. Hier großzügige Regeln zu schaffen, ist mehr wert als eine schmale Erhöhung der Bafög-Höchstsätze.

Man kann dem Bildungswesen in Deutschland nur wünschen, dass die Zahlen der Sozialerhebung diesmal größere Konsequenzen haben als die Vorgängerstudien. In drei Jahren steht der nächste Bericht an.

Der Autor ist Chefredakteur von ZEIT CAMPUS

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Kommentare

42 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

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Dann muss natürlich der Staat es richten...?
Ich kenne einige Kommilitonen neben mir, die ihr Studium komplett ohne Unterstützung der Eltern durchgezogen haben. Muss man jobben gehen und man kann nicht jeden Abend auf die Rolle. Ob das leicht war? Nein. Aber ist es möglich? Wenn man wirklich will, ja! Heute 10 Jahre später bin ich übrigens jüngster Abteilungsleiter unseres Konzerns...

Auch Taxifahrer bekommen Kinder...

Bildung sollte nicht nur dem Zweck dienen, den Zugang zu den Fleischtöpfen zu erleichtern, denn die Plätze an diesen sind beschränkt.
Es geht vielmehr um das gesamtgesellschaftliche Bildungsniveau, welches unabhängig von der jeweiligen ökonomischen Lage so hoch wie möglich sein sollte.
Auch Taxifahrer bekommen Kinder, und es ist bestimmt kein Nachteil, wenn diese ihren Nachwuchs bei schulischen Angelegenheiten unterstützen und fördern könnten.
Vor die Wahl gestellt, ist es durchaus erstrebenswerter, halbwegs gebildet arm zu sein als völlig ungebildet arm zu sein.

Genauer: "In der falschen Gesellschaft."

Wir leben in einer falschen Gesellschaft!
Die Menschen haben sich immer noch gern und messen ihren allerheiligsten mit allem was geht. Und wenn er gerade nicht stimmt, dann wird man nicht als studierter eingestellt, sondern halt einfach so! Das schlimmste ist, dass "einfach so" im Grunde mehr Wert sein müsste als mit Papier, weil man "einfach so" ja alles kann.
Gruppen (z.B. Betriebe, Institutionen, ...) definieren selbst, was toll ist, und was nicht... und bestimmten auch, ab wann etwas dann doch anders gemacht wird. Für Stelle X kommt ein Meister nur dann wenn ... (das ich nicht lache). Sogar dann wird ein neuer eingestellt, wenn so ein Meister schon längst vorhanden wäre. Die Person wird nur als das gesehen als was sie zuerst eingestellt wurde. Reduzierung der Person auf einen jetzigen Vertrag.

Guter Einwand

Das ist ein ganz berechtigter Einwand...Notenvergabe ist natürlich auch so eine Sache, na ja. Aber ich denke, ich würde das Problem folgendermaßen lösen: Ich würde für das Auswahlverfahren eine Aufgabe stellen (wie es ja hie und da auch getan wird). Dies könnte z.B. bei Anfängern ein Essay sein oder bei fortgeschrittenen Studierenden auch eine Auswahl an Studienarbeiten, die eingereicht werden. Man hätte dann also den Zensurenspiegel plus eine einzureichende Aufgabe als Auswahlkriterium.
Oder aber man lüde alle in Frage kommenden Kandidaten zu Auswahltests ein, aber das dürfte sicher anhand der schieren Masse nicht in Frage kommen.
Ich sehe die Schwierigkeiten durchaus. Aber eine positive Diskriminierung im Vergabesystem aufgrund von Bedürftigkeit halte ich auch nicht für gerecht.

Beste Grüße,

J.G.

Arbeiter. was ist das noch für ein Begriff?. Die oder der normale Büroangestellte mit ein bissche Häuschen riskiert auch, dass die Kinder kein Bafög kriegen nach dem Motto "verkaufen sie doch ihr Haus".

Und der erfolgreichen Unternehmer ohne Schulabschluss kann nach wie vor sein Einkommen runter rechnen, und alle Kinder kriegen was. Und der Beamte ohne Studium wird auch locker ein Studiendarlehen finanzieren können.

Vielleicht liegts ja auch daran, dass Bildung immer mehr Wissensvermittlung zur Arbeitsfähigkeit ist und man froh ist, wenn man heute ein Stelle bekommt. Akademisch nicht gebildete Eltern sind da sicher eher bereit, diesen Weg " sieh zu, dass du Arbeit bekommst" recht früh zu empfehlen. Gabs ja vor 40 Jahren auch.

Inetressant ist in diesem Zusammenhang aber auch ei immer noch hohe Zahl von studienabbrechern. Wie ist denn da die Quote?

Zit.: "Hier großzügige Regeln zu schaffen, ist mehr wert als eine schmale Erhöhung der Bafög-Höchstsätze."

Großzügigkeit setzt finanzielle Mittel voraus und eine gewisse unprovinzielle selbstverantwortliche Lebenshaltung des Gebers. Geld ist genug da, aber...