Mooc : Digitale Vorlesungshäppchen revolutionieren die Bildung

Interaktive Kurz-Vorlesungen im Netz elektrisieren die akademische Welt. Unternehmen in aller Welt wollen am Boom teilhaben. Der Wettlauf beginnt.

Jörn Loviscach unterrichtet täglich Tausende Menschen. Doch einen Hörsaal betritt der Professor für Mathematik und Informatik dafür nicht. Er stellt Videos ins Internet. Neun Millionen Menschen weltweit haben seine Online-Vorlesungen bereits angeklickt.

Er hat Mitte 2009 als erster deutscher Hochschullehrer begonnen, Massenvorlesungen ins Internet auszulagern. Rund 2.000 Videos von ihm stehen derzeit im Netz. Loviscach stellt "keine 90-Minuten-Klopfer" online, sondern er teilt seine Veranstaltungen in rund zehnminütige Wissenshappen auf, die mit Aufgaben gemischt werden und in interaktiven Foren oder an der Hochschule nachbearbeitet werden können. Inverted classroom nennt sich das, umgekehrtes Klassenzimmer.

Solche Modelle zeigen, wie Onlinekurse die Lehre an den Hochschulen verändern können. "Das ist vielleicht der Anfang vom Ende der reinen Wissensvermittlung an den Universitäten", sagt Hannes Klöpper, der gerade für solche Kurse die Plattform Iversity aufbaut.

Eine Reihe renommierter US-Unis hat es vorgemacht. Stanford und Harvard stellen einen Teil ihrer Kurse ins Netz, kostenlos, ohne Aufnahmeprüfung, für jeden überall zugänglich. Staatliche Hochschulen wie etwa die San José University kaufen diese Kurse und ersetzen damit ihre Grundkurse – um mehr Menschen mit akademischer Bildung zu erreichen, die Durchfallquoten zu senken und gleichzeitig Geld zu sparen.

Die so genannten Massive Open Online Courses (Mooc) elektrisieren die akademische Welt – auch in Deutschland. Anders als beim E-Learning um die Jahrtausendwende, als nur abgefilmte Vorlesungen gezeigt oder Materialsammlungen ins Netz gestellt wurden, sind die Onlinekurse im besten Fall eine Kombination von Vorlesung und interaktivem Austausch über die Inhalte. "Das Format ist eine Revolution", sagt Christoph Meinel, Direktor des Hasso-Plattner-Instituts (HPI) an der Uni Potsdam.

Mooc ermöglichen zugleich Massenausbildung und individuelles Lernen. "Es ist doch eine enorme Verschwendung von Ressourcen, wenn bundesweit jedes Semester Dutzende Einführungsvorlesungen in die Statistik angeboten werden", sagt Hannes Klöpper. Da würde es doch reichen, eine gute für alle zu produzieren. Die Uni Duisburg-Essen etwa will bald Großveranstaltungen aus dem Grundstudium digitalisieren und durch speziell geschulte Tutoren begleiten lassen. "Mit den Mooc lässt sich der Ansturm der Studierenden viel effizienter bewältigen", sagt Volker Meyer-Guckel vom Stifterverband für die deutsche Wissenschaft. Der Verband hat gerade einen Wettbewerb ausgelobt, bei dem in der kommenden Woche die zehn besten Mooc prämiert werden. 255 Professoren haben sich beworben, darunter auch Dozenten amerikanischer Spitzenunis.

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Kommentare

35 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Bildung kostet

Als Student kann ich sagen, dass jedwede Form von online verfügbaren Inhalten das Studium erleichtern (teils erheblich). Sie machen das Studieren unabhängiger (von Zeit, Ort, usw.). Ein Problem sehe ich vor allem in den angesprochenen Kosten.
Werden Sprechstunden durch eine interaktive Online-Vorlesung ersetzt, muss diese für Studenten genauso kostenfrei sein, wie die Sprechstunden selbst.
Mag sein, dass es in Amerika sinnvoll erscheint, kostenpflichtige Online-Kurse anzubieten. (Da auch die Universitäten dort nicht gerade billig sind.)
In Deutschland jedoch sollte Bildung Allgemeingut und damit kostenlos bleiben!
Neue Konzepte ja, eine Umverteilung der Kosten vom Staat an die Studierenden nein.

Bitte

Traurig macht mich das Verhalten von dtl. fuehrender Bwl Uni. Die Uni Mannheim hat von Hasso Plattner 20mil fuer die Erneuerung der Schloss-bib bekommen, sie waren fuehrend in der umstellung der semesterzeiten und dem publizieren in us journals.

Seit jedoch der Rektorwechsel stattgefunden hat scheint die Luft raus zu sein...man hoert nicht mehr viel innovatives aus Mannheim.