Eine Frau mit Lernschwäche markiert einen Text in Leichter Sprache. © Jana Ritchie/dpa

Der Weg durch die Bleiwüste ist weit, es geht verschwundene Bandwurmsätze entlang, vorbei an Hürden aus Fremdwörtern, bis sich endlich – irgendwann, wenn überhaupt – der Pfad der Erkenntnis auftut. Das Gefühl dazu kennt jeder, der sich fürs Studium durch Fachliteratur kämpfen muss: Bin ich zu doof? Zu müde? Oder ist das, was da steht, einfach zu kompliziert?

Im Alltag geistig behinderter Menschen schwingt dieses Gefühl häufig mit. Die meisten von ihnen haben ohnehin Schwierigkeiten, Sprache aufzunehmen. Wenn dann auch noch ein Behördenbrief in Amtsdeutsch daherkommt oder ein Redner mit Fremdwörtern jongliert und Sätze verschachtelt, wird es sehr anstrengend. Seit den 1990er Jahren setzen sich Vereine wie Mensch zuerst deshalb dafür ein, solche Sprachbarrieren abzubauen. 

Das erste Büro für Leichte Sprache in Deutschland wurde 2004 von der Lebenshilfe Bremen eingerichtet. Hier übersetzen, verfassen und prüfen Menschen mit und ohne Behinderung Texte, die für alle verständlich sein sollen. Ähnliche Einrichtungen sind in den vergangenen Jahren auch in anderen Städten entstanden. In erster Linie bearbeiten sie Briefe von Ämtern, Gesetzestexte und Verträge. Doch auch die Homepage des Bundestags, eine Nachrichtenwebsite des Deutschlandradios und die UN-Behindertenkonvention gibt es mittlerweile in Leichter Sprache.

Studenten entdecken die Leichte Sprache für sich

Zur Zielgruppe gehören Migranten, Kinder, Menschen mit geringem Bildungsstand — und manchmal auch Studenten. "Studierende lesen ab und zu gerne Kurzzusammenfassungen in Leichter Sprache, um schnell an Informationen zu kommen — sie sollen aber auch die schwierigen Texte lesen und verstehen", sagt Simone Seitz, Professorin für Inklusive Pädagogik an der Universität Bremen. Unter ihrer Leitung wurde dieses Jahr erstmals ein wissenschaftliches Fachbuch in Leichte Sprache übersetzt. Sein Titel: Ist Inklusion gerecht?

"Wir wollten diejenigen, über die wir forschen, an den Ergebnissen teilhaben lassen", sagt Seitz. Außerdem sollen sich auch Eltern ohne akademischen Hintergrund über Inklusion informieren können, um die Interessen ihrer behinderten Kinder besser zu vertreten. 

Damit sie ein wissenschaftliches Fachbuch auch für geistig Behinderte verständlich aufbereiten können, wurden die Studenten von Seitz im Büro für Leichte Sprache geschult. Das 2005 gegründete Netzwerk Leichte Sprache, zu dem auch das Bremer Büro gehört, hat dafür einen Regelkatalog erstellt.

Betroffene lesen die Texte — was sie nicht verstehen, wird geändert

"Mit kurzen Sätzen, einfachen, umgangssprachlichen Wörtern und einer klaren Gestaltung – zum Beispiel durch große Schrift – ist man auf dem richtigen Weg", sagt Volker Uhle vom Büro für Leichte Sprache in Bremen. Darüber hinaus gebe es zahlreiche Details, die beachtet werden müssen: Wie schreibt man ein Datum? Was sind schwierige Wörter? Wie erkläre oder ersetze ich sie?

Die gesprochene Sprache zu Papier zu bringen, genügt Uhle zufolge aber nicht. "Manche Wörter aus dem Alltag sind schwer zu lesen", sagt er. "Chef" zum Beispiel kann auch "kef" ausgesprochen und beim Lesen zu "Kaffee" werden. Abstrakte Begriffe wie "Würde" müsse man mit Beispielen erklären. Um auf solche Probleme aufmerksam zu werden, lässt das Büro für Leichte Sprache alle Texte von Menschen mit Lernbehinderung gegenlesen. Was sie nicht verstehen, muss geändert werden.

Auch Alexander Lasch, Linguist an der Universität Kiel, setzt sich für eine Vereinfachung der Sprache ein. Zurzeit plant er ein Projekt, das eine eigene, leichte Grammatik entwerfen soll. "Es reicht nicht immer, große Texte einfach zu übersetzen", sagt der Forscher. Stattdessen schlägt er vor, mehr eigene Texte mit einer neuen Grammatik und einem eigenen Vokabular zu verfassen. So ließen sich zum Beispiel von Anfang an schwierige Fremd- und Lehnwörter vermeiden.