Als verkündet wurde, dass Brasilien in den nächsten Jahren Gastgeber für die Fußball-WM und die Olympischen Spiele sein wird, sagten sich ein paar Studenten aus Rio de Janeiro: "Das ist unser großer Moment!" So erzählt es der 20-jährige Rafael Rezende, während er sich in der Uni-Mensa eine Ladung Bohnen auf den Teller klatscht. Der Student der Kommunikationswissenschaften und seine Freunde hatten lange auf eine Gelegenheit gewartet, um die Politik in ihrer Stadt zu verändern. "Wir dachten: Jetzt ist die internationale Aufmerksamkeit da. Jetzt legen wir los", sagt Rafael. Sie gründeten die Organisation Meu Rio, "Mein Rio". Dort können die Einwohner Rio de Janeiros selbst politische Kampagnen für ihre Stadt starten.

Seit Juni protestieren täglich junge Leute in brasilianischen Großstädten gegen die Politik in ihrem Land. Mit Plakaten für bessere Schulen, Transportsysteme und Krankenhäuser ziehen sie durch ihre Straße. Doch die Studenten von Meu Rio machen mehr als das: Sie überlegen sich übergeordnete Konzepte dafür, wie sie die Stimmung im Land für eine neue Form der Politik nutzen können.

Müllberge in der Wohnsiedlung, fehlende Toilettenabflüsse in der Favela, viel zu hohe Buspreise – all das beschäftigt die Leute in Rio de Janeiro. Früher interessierte das niemanden, gerade die Probleme der weniger Wohlhabenden wurden ignoriert. Jetzt gibt es die von Meu Rio entwickelte Internet-Seite Panela de Pressao, "Schnellkochtopf".

Gerade ist Mittagspause an der Uni von Rafael Rezende, der UFRJ. Sie ist eine der besten Universitäten des Landes. Auf dem iPad zeigt er am Mensa-Tisch, wie der Schnellkochtopf funktioniert. "Wenn jemand etwas in der Stadt verändern will, schreibt er uns eine Nachricht und wir starten passend dazu eine politische Kampagne." Rafael und seine Freunde prüfen bei jedem Vorschlag, ob Problem und Lösungsvorschlag konkret genug sind. Wenn ja, streuen sie die Kampagne per Internet und Telefon: Bei anderen Einwohnern und bei denen, auf die es ankommt: den Politikern. Mit einem Knopfdruck kann man auf Meu Rio dem zuständigen Politiker eine E-Mail schicken – und ihn neuerdings direkt in seinem Büro anrufen. 50.000 Menschen haben diese Möglichkeiten schon genutzt.

Schnellkochtopf heißt die Seite deshalb, weil es in Brasilien ein Sprichwort gibt, das besagt: Politiker arbeiten nur im Schnellkochtopf. Also nur dann, wenn sie sehr stark unter Druck gesetzt werden. Genau das ist das Ziel der Studenten. "Wir nerven die Politiker so lange, bis sie sich um uns und die Bewohner der Stadt kümmern," sagt Rafael. "Wir bitten sie einfach darum, ihren Job zu machen."