Proteste in BrasilienPolitiker in den Schnellkochtopf

Ein brasilianischer Student hat genug von Politikern, die nichts tun. Er gründet die Plattform Schnellkochtopf. Die Idee: So lange nerven, bis die Politik sich kümmert. von Lisa Altmeier und Steffi Fetz

Protestaktion in Rio de Janeiro

Protestaktion in Rio de Janeiro  |  © Vanderlei Almeida/AFP/Getty Images

Als verkündet wurde, dass Brasilien in den nächsten Jahren Gastgeber für die Fußball-WM und die Olympischen Spiele sein wird, sagten sich ein paar Studenten aus Rio de Janeiro: "Das ist unser großer Moment!" So erzählt es der 20-jährige Rafael Rezende, während er sich in der Uni-Mensa eine Ladung Bohnen auf den Teller klatscht. Der Student der Kommunikationswissenschaften und seine Freunde hatten lange auf eine Gelegenheit gewartet, um die Politik in ihrer Stadt zu verändern. "Wir dachten: Jetzt ist die internationale Aufmerksamkeit da. Jetzt legen wir los", sagt Rafael. Sie gründeten die Organisation Meu Rio, "Mein Rio". Dort können die Einwohner Rio de Janeiros selbst politische Kampagnen für ihre Stadt starten.

Seit Juni protestieren täglich junge Leute in brasilianischen Großstädten gegen die Politik in ihrem Land. Mit Plakaten für bessere Schulen, Transportsysteme und Krankenhäuser ziehen sie durch ihre Straße. Doch die Studenten von Meu Rio machen mehr als das: Sie überlegen sich übergeordnete Konzepte dafür, wie sie die Stimmung im Land für eine neue Form der Politik nutzen können.

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Müllberge in der Wohnsiedlung, fehlende Toilettenabflüsse in der Favela, viel zu hohe Buspreise – all das beschäftigt die Leute in Rio de Janeiro. Früher interessierte das niemanden, gerade die Probleme der weniger Wohlhabenden wurden ignoriert. Jetzt gibt es die von Meu Rio entwickelte Internet-Seite Panela de Pressao, "Schnellkochtopf".

Gerade ist Mittagspause an der Uni von Rafael Rezende, der UFRJ. Sie ist eine der besten Universitäten des Landes. Auf dem iPad zeigt er am Mensa-Tisch, wie der Schnellkochtopf funktioniert. "Wenn jemand etwas in der Stadt verändern will, schreibt er uns eine Nachricht und wir starten passend dazu eine politische Kampagne." Rafael und seine Freunde prüfen bei jedem Vorschlag, ob Problem und Lösungsvorschlag konkret genug sind. Wenn ja, streuen sie die Kampagne per Internet und Telefon: Bei anderen Einwohnern und bei denen, auf die es ankommt: den Politikern. Mit einem Knopfdruck kann man auf Meu Rio dem zuständigen Politiker eine E-Mail schicken – und ihn neuerdings direkt in seinem Büro anrufen. 50.000 Menschen haben diese Möglichkeiten schon genutzt.

Schnellkochtopf heißt die Seite deshalb, weil es in Brasilien ein Sprichwort gibt, das besagt: Politiker arbeiten nur im Schnellkochtopf. Also nur dann, wenn sie sehr stark unter Druck gesetzt werden. Genau das ist das Ziel der Studenten. "Wir nerven die Politiker so lange, bis sie sich um uns und die Bewohner der Stadt kümmern," sagt Rafael. "Wir bitten sie einfach darum, ihren Job zu machen." 

Leserkommentare
  1. Wie alle guten Dinge, kann eben auch diese Möglichkeit der direkten Demokratie missbraucht werden: a) Eine Kampagne steuern lassen, zu welchem Zwecke auch immer und für wen; b) das Prinzip des am-lautesten-Schreiens: Wer eben genau das tut, kommt durch. Aber manchmal ist eben nicht das, was die Masse will, am entscheidensten, egal wie sehr man das mit Begriffen wie "Volk" oder dergleichen aufheischt.
    Trotzdem ist es natürlich eine gute Idee, die hoffentlich nachhaltig das verändern wird, wo es meiner Meinung nach in gegenwärtiger Demokratie am ehesten hapert: Dem Verhältnis zwischen dem Abgeordneten vor Ort und den Wählern; sowie dem Verständnis vom Politischen an sich und eben nicht nur das, was z.B. Peer Steinbrück bei Angela Merkel als Verwaltung beschreibt (ob er eine bessere Vorstellung hat sei mal dahingestellt, doch immerhin redet er darüber!). So hoffe ich eben, dass in Brasilien das nicht dazu führt nur Politikerschelte zu befeuern, sondern eben auch die Verbindungen zwischen Vertreter und Vertretenen zu stärken.

    2 Leserempfehlungen
    • AvisFu
    • 16. August 2013 22:29 Uhr

    campact.de mit ca 900 000 Mitgliedern

  2. Einer der Gründe warum ich Journalist geworden bin: unhaltbare Zustände öffentlich machen und Politik und Justiz im Dampfdruck-Verfahren zum Handeln zu überzeugen. Geht selten, befriedigt aber.

    • fox333
    • 19. August 2013 14:34 Uhr

    Man spricht von der sogenannten Generation Y. Genau junge Leute wie dieser Student vertreten diese Stroemung, die seine Meinung laut aussprechen und den Augenmerk auf sich anziehen will. Manche stempeln ihn vielleicht als stoerrisch, rebellisch oder verrueckt, aber diejenigen Kritiker fuerchten eigentlich, dass noch mehrere Menschen ihr Widerstand gegen die allgemeingueltigen Vorgaben der Gesellschaft auspraegen werden und folglich muessen sie sich der Veraenderung unterziehen lassen.

    Eine Leserempfehlung

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