StudentenlebenIch dachte, ich dürfte keine Zeit verlieren

Vor einem Jahr fragten wir drei Abiturienten, wie sie sich das Studentenleben vorstellen. Nun haben wir sie wiedergetroffen. Welche Wünsche sind in Erfüllung gegangen? von Viola Diem

Sich die Nächte auf Studentenpartys um die Ohren schlagen, neue Freunde finden, einen guten Draht zu den Dozenten bekommen und endlich Spaß beim Lernen haben: Nach ihrem Abitur fragten wir Isabell Wüst, Sören Hams und Julia Röhl, was sie vom Studium erwarten. Welche Wünsche gingen in Erfüllung und welche wurden als naive Universitätsromantik entlarvt?

Ein Résumé nach zwei Semestern.

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Isabell Wüst, 20, studiert Medienkultur in Weimar

"Niemand aus meinem Freundeskreis studiert so weit weg von zu Hause wie ich: sieben Zugstunden. Ich hatte mehrere Zusagen von Unis, aber der Studiengang Medienkultur in Weimar klang für mich am vielversprechendsten.

Die Zimmersuche war der Wahnsinn. 40, 50 Bewerber für ein Zimmer! Am Ende habe ich eine WG gefunden. Das Zimmer ist zwar nicht so schön, dafür sind die Mitbewohner wie eine Ersatzfamilie.

"Vielleicht wäre es besser gewesen, nach dem Abi eine Pause zu machen"

Isabell Wüst

Nach ein paar Wochen merkte ich, wie klein Weimar eigentlich ist. Nach dem Semesterbeginn mit Partys und Kennenlernen fiel die Stadt in einer Art Winterschlaf, alle haben sich zu Hause vergraben. Damals hat mich die Stadt total runtergezogen und ich zweifelte daran, ob Weimar die richtige Wahl war. Seit es wieder wärmer ist, zeigt die Stadt zum Glück ihre andere Seite: Überall sitzen Studenten in den Parks, quatschen und grillen.

Da Weimar eine Studentenstadt ist, war es leicht, neue Leute kennenzulernen. Ohne meine Freunde hätte ich vielleicht schon alles hingeschmissen. Denn auch das Studium ist nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. In einigen Fächern ist der Stoff sehr abstrakt. Da diskutieren wir in den Seminaren Stunden über philosophische Themen, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Oder ich habe nach 40 Seiten Lesen das Gefühl, nichts Konkretes gelernt zu haben.

Isabell Wüst
Isabell Wüst

20, wollte nach dem Abi unbedingt sofort studieren – und zweifelt nun manchmal, ob das die richtige Entscheidung war.

Ich dachte immer, es wäre der beste Weg, keine Zeit zu verlieren und gleich nach dem Abi zu studieren. Vielleicht wäre es besser gewesen, nach dem Abi eine Pause zu machen, statt alles schnell durchzuziehen. Die meisten meiner Kommilitonen sind mindestens zwei, drei Jahre älter als ich, weil sie nach dem Abi gereist sind oder ein Praktikum gemacht haben.

Meine Eltern sagen inzwischen, ich solle einfach losziehen, wenn ich merke, dass dieses Studium nichts für mich ist. Das könnte wohl passieren. Ich habe mich entschieden, diesen Herbst ein Semester auszusetzen und ein Praktikum in einer Werbeagentur in Hamburg zu machen. Danach komme ich zurück nach Weimar. Ein paar Studenten aus den höheren Semestern haben zu uns gesagt, durch die ersten Semester müsse man sich durchbeißen, dann werde es besser."

Leserkommentare
    • Supi
    • 13. September 2013 12:08 Uhr
    1. Nun ja

    "Da diskutieren wir in den Seminaren Stunden über philosophische Themen, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Oder ich habe nach 40 Seiten Lesen das Gefühl, nichts Konkretes gelernt zu haben."

    Genau das ist aber (auch) großer Bestandteil eines "richtigen" Studiums.
    Konkreter und mit Ergebnissen wäre dann eher bei FH oder In der Ausbildung.

    13 Leserempfehlungen
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    Ich studiere Chemie. Wenn ich nach 40 Seiten lesen eines Fachbuches nichts lernen würde, dann würde ich das Buch/die Texte weglegen. Denn entweder fehlen mir die Grundlagen, um die Thematik zu verstehen (dann würde man zuerst eben diese wiederholen/erlernen) oder das Buch ist didaktisch so schlecht, dass es sich nicht lohnt weiter zu lesen.
    Wenn ich nach einer Diskussion das Gefühl hab, nichts gelernt oder verstanden zu haben, dann war es keine richtige Diskussion, sondern vergeudete Zeit.

    • Supi
    • 13. September 2013 12:20 Uhr

    Aus ökonomischen Erwägungen (Ressourcen!) könnte man einen der beiden Kommentare löschen :-)

    Eine Leserempfehlung
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    Ich habe viel mehr zitiert als Sie ;).

  1. Ich habe viel mehr zitiert als Sie ;).

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Bologna"
    • malox
    • 13. September 2013 12:47 Uhr

    Mich ärgert es, dass Privathochschulen immer als non-plus-ultra in Technik, Wohlfühlen, Atmosphäre und vor allem persönlicher Betreuung gesehen werden - und man dafür offenbar irre Beträge hinlegen muss.

    Ich studiere aktuell an einer (kleinen, aber "stinknormalen" staatlichen) FH und die Dozenten kennen uns selbstverständlich alle mit Namen, wir können jederzeit bei ihnen klopfen und Fragen stellen.
    OK. Obst wird keines angeboten und Wohlfühllernecken gibt es auch nicht...

    Da gibt es allerdings nicht so hippe Fächer wie bspw. PR- und Kommunikationsmanagement.
    Auch dies findet sich vor allem an privaten Instituten, wenn die Nachfrage hoch ist. Hinterher stellt sich aber gerade die die Frage um die berufliche Zukunft.

    9 Leserempfehlungen
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    War an meiner kleinen, staatlichen Universität in der selben Stadt auch so. Nach zwei, drei Jahren sprachen mich noch Professoren direkt mit Namen an und interessierten sich sehr für die Studenten. Es gibt halt nicht nur Massenuniversitäten. Und auch dort studieren nicht alle Massenfächer. Mal gibt es Vorlesungen mit 80 Studenten und mal Seminare, wo man nur zu zehnt mit zwei Dozenten sitzt. Komische Vorstellung.

    Letztendlich tut mir die Studentin auf der letzten aber etwas leid. Die Medienbranche ist kein einfaches Pflaster. Und so 'n bißchen von allem zu machen (mal Filme, mal Texte, mal dies und morgen jenes), macht sicherlich viel Spaß, aber beruflich hat man es sehr schwer mit "Irgendwas mit Medien". Aber immerhin hat sie erkannt, daß sie an einer staatlichen Uni wohl in einigen Fächern gescheitert wäre. Und das liegt nicht nur an fehlenden Wohlfühlecken oder beantworteten Fragen kurz nach der Vorlesung.

    • IQ130
    • 13. September 2013 13:07 Uhr

    Unsere Begrüßung im WS 81 sah so aus:
    "Sehen Sie sich ihre beiden Nachbarn an. Beide werden im dritten Semester nicht mehr da sein."
    So war es auch. Durchfallquote ca. 70%. Nicht schön, aber alle wussten es vorher.
    Heute dürfen die News der Hochschulen nicht mehr so schlecht sein. Man braucht neue Studenten, um Zuschüsse zu erhalten.
    Der Vorlesungsschock des unpersönlichen Professors ist in den Massen-Unis kaum anders zu erwarten.
    Allerdings ist der Praxisschock nach dem Studium meist noch krasser.
    Erst eine Ausbildung und dann ein Studium ist heute eigentlich anzuraten.
    Es gibt ohnehin zu viele Akademiker...

    3 Leserempfehlungen
  2. Naja, ganz ehrlich:

    Vorlesungen sind gewöhnlich mit einer großen Zahl Personen bestückt, teils mit hunderten Leuten, insbesondere in beliebten Städten und an beliebten Unis.

    Da sind die Möglichkeiten der persönlichen Betreuung und des ,,Händchenhaltens" für jeden Einzelnen durch den Professor dann doch etwas begrenzt.

    Meiner Erfahrung nach werden Fragen aber auch beantwortet und man wird auch aufgefordert, Fragen zu stellen oder zu einem Tutorium zu gehen. Wer sich dann nicht selbst meldet oder zum Tutorium begibt und nur ratlos auf sein Blatt starrt, ist irgendwo ein wenig selbst Schuld ;-)

    Universitäten sind keine Schulen für Kinder, sondern idealerweise Orte zum Lernen, Lehren und Forschen für Erwachsene.

    Eine gewisse Selbstständigkeit muss da schon vorhanden sein.

    Darüber hinaus haben Professoren auch Sprechstunden und viele bieten die Möglichkeit an, individuelle Termine abzusprechen.

    Wer es ein wenig persönlicher haben will, der muss in die Seminare gehen, dort sind, je nachdem, weniger Mitstudenten, manchmal unter 10 Leute und man kann sich eher mit den Dozenten unterhalten, da gibt es auch eher die Möglichkeit, sich etwas kennen zu lernen oder ein Privatgespräch zu führen.

    Wie man allerdings das gleiche auch bei Vorlesungen mit hunderten Leuten erwarten kann, ist mir schleierhaft...

    6 Leserempfehlungen
    • Paarzeh
    • 13. September 2013 15:01 Uhr

    Studentenleben findet in der besten, gesundesten, kraftvollsten Zeit eines Menschen statt und jeder sollte daran denken, um jeden Tag zu geniessen. Morgens schon beim Aufstehen: "Noch 3 Jahre, 2 Monate und 11 Tagen und dann beginnt die Knochenmühle im Beruf und die Nerverei mit Frau und Kindern. Hurra, ich lebe noch."

    Aber Ihr werdet es alle so falsch machen wie ich, weil die Eitelkeit das Pöstchen erfordert. Besser wäre es, noch ein Studium dranzuhängen, weiter mit klugen Menschen zusammen zu sein und die Karriere sausen zu lassen.

    Es lebt sich in unserem Jahrhundert auch so ganz gut.

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  • Schlagworte Auslandssemester | Obdachlose | Praktikum | Student | Studiengebühr | Hamburg
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