"Ich kann ja nix, ich bin Geisteswissenschaftler." Dieser Satz klingt nicht gerade selbstbewusst, doch Jan Wagner sagt ihn mit trotzigem Stolz. Wagner hat Anglistik, Geschichte und Politik studiert. Eigentlich wollte er – wie viele seiner Studienfreunde – eine akademische Laufbahn einschlagen. Doch nun arbeitet er in einer Branche, die es zu seinen Studienzeiten noch gar nicht gab: Er ist Gründer und Geschäftsführer von Cliffhanger Productions, einer mittelständischen Firma, die Computerspiele produziert.

Jan Wagner war einer der Gäste beim ZEIT CAMPUS Dialog auf der Frankfurter Buchmesse am vergangenen Samstag. Mit der E-Book-Verlegerin Nikola Richter von Mikrotext und Franz Ambelang, einem Management-Trainee der Onlinejobbörse Absolventa, diskutierte er über Berufschancen für Absolventen der Geisteswissenschaften im digitalen Bereich. "Grundsätzlich gilt, dass alle Akademiker am Arbeitsmarkt unterkommen", sagt Franz Ambelang, "die Frage ist nur, wie sie unterkommen." Gerade Geisteswissenschaftler landeten oft in befristeten Anstellungen mit mäßigen Gehältern. 

Wagner sieht gute Perspektiven in der noch relativ jungen Computerspielebranche: Zwei Drittel seiner Mitarbeiter seien Programmierer und Grafiker. Das übrige Drittel sei für das Gamedesign, also das Erfinden von Handlungen, Regeln und das Ausbalancieren der Spiele, zuständig. "Das kann man bisher nur sehr begrenzt studieren", sagt Wagner. "Ich glaube, dass Geisteswissenschaftler überall da gefragt sind, wo es noch kein klares Berufsprofil gibt."

Ähnliches erlebte auch Nikola Richter: Nach dem Literaturstudium machte sie sich mit einer Firma selbstständig, die Blogs für Kultureinrichtungen entwickelt. Parallel gab sie Seminare und unterrichtete Studenten in der Nutzung sozialer Medien. "Es war eine interessante Erfahrung, dass die Verlage gerade in Netzthemen schlecht aufgestellt sind und keine Ahnung haben", sagt sie. "Das ist eine Chance." Viele ihrer Studenten seien wegen ihrer digitalen Zusatzqualifikationen in Verlagen untergekommen.

"Die meisten Leute, die BWL machen, können nur BWL", sagt Jan Wagner. "Die meisten Geisteswissenschaftler sind Leute, die nebenbei noch anderes machen, die Spiele erfinden oder Kurzgeschichten schreiben." Man müsse seine Fähigkeiten selbstbewusst vertreten. "Ich kann ja nix, ich bin Geisteswissenschaftler" – diesen Satz sollte man im Vorstellungsgespräch lieber für sich behalten.

Den Mitschnitt der Veranstaltung finden Sie hier als Audiostream