Als Philipp Heise beschloss, das Abitur nachzuholen und anschließend Informatik zu studieren, galt seine Sorge zunächst nur einem: Würde er das Lernpensum an der Hochschule schaffen? Im zweiten Semester stand er vor einem unerwarteten Problem. Seine Krankenkasse versicherte ihn nicht mehr zum Studententarif. Begründung: Der ermäßigte Beitrag gelte nur bis zu einem Alter von 30 Jahren. Statt 78,50 Euro sollte er monatlich 154,50 Euro zahlen.

"Wäre ich Langzeitstudent, würde ich die Forderung der Krankenkasse verstehen", sagt Philipp Heise, der seinen richtigen Namen nicht online lesen will. Doch der Berliner hat erst mit 29 Jahren angefangen zu studieren. Vorher hat er sein Abitur an einer Abendschule nachgeholt. Deswegen erhält er für sein Informatik-Studium elternunabhängiges Bafög, also 670 Euro im Monat. Für die Krankenkasse sind wie bei jedem Studierenden 62 Euro veranschlagt.

Den günstigen Versicherungstarif bei Krankenkassen erhalten Studierende bis zum 14. Fachsemester oder 30. Lebensjahr. So hat es der Gesetzgeber 1989 festgelegt. Einerseits, um die Studiendauer einzuschränken. Andererseits, um die Kosten für andere Versicherte zu verringern. Denn der günstigere Tarif wird von anderen Beitragszahlern getragen. "Die Obergrenze von 30 Jahren soll die Belastung der Solidargemeinschaft in vertretbaren Grenzen halten", sagt eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums. Eine Änderung der Rechtslage sei nicht geplant.

In Ausnahmefällen dürfen Krankenkassen Studierenden über 30 Jahre den günstigeren Tarif aber doch bewilligen. Zum Beispiel, wenn sie krank oder schwanger sind. Allerdings müssen diese Gründe den Studierenden "objektiv" daran hindern, ein Studium aufzunehmen oder abzuschließen. So entschied das Bundessozialgericht, als eine Studentin gegen den erhöhten Versicherungsbeitrag klagte. Ihre Eltern waren gegen ein Studium gewesen, daher begann sie erst spät zu studieren. Die Richter erkannten dies nicht als "objektiven" Grund an.

Eine weitere Ausnahme gilt für Studierende, die über den zweiten Bildungsweg ihren Hochschulzugang erworben haben. Allerdings werden sie nicht wie junge Studienanfänger bis zu 14 Fachsemestern zum Studententarif versichert, sondern nur so lange, wie sie für das Nachholen des Abiturs benötigt haben – also meist zwei oder drei Jahre. Und das auch nur, wenn das Studium vor dem 30. Lebensjahr begonnen wurde.

Ein Nachteil für Bildungsaufsteiger?

Demnach müsste Philipp Heise den ermäßigten Tarif bekommen, zumindest ein paar Jahre lang. Doch bevor Heise drei Jahre zur Abendschule ging, arbeitete er rund fünf Jahre in einem Unternehmen. Damit war er vor seinem Studium länger berufstätig als in der Abendschule. Den Studententarif bekommt man nur, wenn das Verhältnis andersherum ist. Heise sieht darin einen Nachteil für Bildungsaufsteiger. "Wieso werde ich dafür bestraft, dass ich später angefangen habe zu studieren?"

Lisa Seifert hat Ähnliches erlebt. Sie ist 33 Jahre alt und studiert in Niedersachsen. Sie will ebenfalls anonym bleiben. Sie kritisiert, dass die Krankenkassen ihre Versicherten nicht genug informieren: "Die Krankenkasse schreibt einem nur: Du bist jetzt 30 Jahre, also gilt der Studententarif nicht mehr." Seifert suchte nach einer Lösung, weiter den günstigen Beitrag zu zahlen, schrieb Briefe an die Krankenkasse, telefonierte mit Mitarbeitern. Nach mehreren Anläufen erkannte die Krankenkasse ihre zweijährige Ausbildung zur Krankenpflegerin an, die ihr den Hochschulzugang gewährte.

So hartnäckig ist nicht jeder. Freunde der Studentin haben den Brief der Krankenkasse hingenommen, gezahlt oder gar das Studium abgebrochen. "Wir brauchen bessere Informationen, entweder von den Krankenkassen oder den Universitäten", sagt Lisa Seifert. Als bei ihr nach zwei Jahren der Studententarif auslief, stand sie erneut vor der Frage, wie es weitergehen soll. Eine Mitarbeiterin des Bafög-Amts riet ihr, Sozialhilfe zu beantragen. Aber das wollte Lisa Seifert nicht. Sie wollte für ihre Kosten selbst gerade stehen.

Lisa Seifert versteht, dass Unternehmen ihr Rabatte verweigern. Im Hallenbad, bei der Deutschen Bahn oder im Kino gelten Studentenangebote oft nur bis 27 Jahre. "Aber da kann ich zumindest entscheiden, ob ich mir das trotzdem leisten kann oder nicht." Bei der Krankenkasse besteht Versicherungspflicht.