Ein Auslandssemester ist eine großartige Sache. Man taucht in eine fremde Kultur ein, verbessert seine Sprachkenntnisse, trifft interessante Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern und vieles, vieles mehr. Es ist eine einmalige Erfahrung, von der man im Idealfall sein Leben lang zehrt, und eine Investition in die eigene Persönlichkeit.

Diese Investition bezahlt man aber oft nicht nur mit seinen Ersparnissen oder gar einem extra dafür aufgenommenen Kredit. An einigen Heimathochschulen muss man auch eine Verschlechterung der Abschlussnote in Kauf nehmen. Denn sobald die deutsche Hochschule versucht, die im Ausland erworbenen Noten in das deutsche System einzupassen, kommt es zwangsläufig zu einer Ungleichbehandlung.

Dabei kommt es immer wieder zu einem von zwei Extremen:

Im Extremszenario eins ist der deutsche Student mit einem Traumzeugnis aus dem Auslandssemester zurückgekehrt. Dafür hat er nicht gerade hart arbeiten müssen. Nein, die Bestnoten wurden ihm geradezu hinterhergeworfen. Die fundierte Ausbildung an deutschen Hochschulen hat sich bezahlt gemacht. Der Vorlesungsstoff im Ausland war für den Studenten lediglich eine Wiederholung der ersten Semester. Wenn er ehrlich zu sich ist, weiß er das auch.

Dem Prüfungsamt der Heimathochschule sind in diesem Fall meist die Hände gebunden. Schließlich steht im Zeugnis Schwarz auf Weiß, dass der Student Bestnoten erworben hat. Problem dabei ist, dass durch die Anrechnung dieser Noten nun alle Kommilitonen, die nicht im Ausland waren oder sich die "falsche" Universität ausgesucht haben, unfair behandelt werden.

Im Extremszenario zwei hat sich der Student im Ausland den Allerwertesten aufgerissen, um überhaupt eine Chance zu haben, seinen bisherigen Notendurchschnitt zu halten. Neben der Sprachbarriere und den alltäglichen Herausforderungen, die das Leben in einem fremden Land mit sich bringt, war die Arbeitsbelastung an der Universität enorm. Darüber hinaus musste sich der Student an das andersartige Studiensystem gewöhnen. Dies wirft ihn zusätzlich im Stoff zurück.  

Das Ergebnis mag im Vergleich mit Kommilitonen an der Gasthochschule zwar dennoch sehr gut sein, ist auf der nackten Notenskala aber nur im Mittelfeld angesiedelt. Die Bestnote gibt es nur theoretisch. Wieder in Deutschland überlegt sich der Student dann, ob er sich die Noten aus dem Ausland wirklich anrechnen lassen soll, obwohl dies seinen Notendurchschnitt verschlechtert. Die Alternative ist, das Auslandssemester als "Erfahrung" zu verbuchen und ein weiteres Studiensemester in Deutschland oder vielleicht an der "richtigen" Auslandsuniversität dranzuhängen. In diesem Fall hätte er akademisch gesehen aber eine Nullrunde gedreht und all seine Anstrengungen würden nicht gewürdigt.

An diesen zwei Extremszenarien erkennt man die große Bandbreite im Umgang mit Leistungen aus einem Auslandssemester. Und auch wenn das Leistungsniveau der ausländischen Hochschule noch grob eingeschätzt werden kann, lassen sich die kulturellen Herausforderungen überhaupt nicht bewerten. Ein Auslandssemester in China bringt sicherlich größere Herausforderungen mit sich als ein Aufenthalt in Österreich.

Die fairste und zugleich einfachste Regelung wäre, ausschließlich Creditpoints für bestandene Module zu vergeben und keine Noten. So würde niemand benachteiligt oder bevorzugt. Austauschstudenten wüssten bei ihrer Abreise ganz genau, dass sie sich bezüglich ihres Notendurchschnitts keine Gedanken machen müssen. Für die Heimatuniversität würde diese Regelung weniger Arbeit und Diskussionen bedeuten, weil die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichsten Notensystemen ausländischer Universitäten entfiele. Und auch die Personaler in Unternehmen könnten sich sicher sein, dass in die Abschlussnote eines Bewerbers nur Leistungen eingeflossen sind, die von der Hochschule stammen, die den akademischen Titel verliehen hat.

Wenn ausschließlich erworbene Creditpoints anerkannt würden und keine Noten, könnte ein Auslandssemester zu einer nachhaltigen Investition in die eigene Persönlichkeit werden, ohne dabei einen schlechten Nachgeschmack zu hinterlassen.

Malte Thies studiert Betriebswirtschaftslehre an der Fachhochschule Münster. Im vergangenen Jahr hat er ein Auslandssemester an der Universidad de Chile absolviert.