ZEIT ONLINE: Frau Vogel, haben Sie schon in Ihrer Studienzeit gemerkt, dass an der Uni vieles schief läuft und es dort Sozialarbeiter braucht?

Maria Vogel: Ich war als Studentin Mitglied der Kulturkommission an der Uni und hatte viel mit studentischen Initiativen zu tun. Ich habe sie beraten, Anträge auf Gelder für Projekte ausgefüllt und diese in Sitzungen durchgekämpft. Aber in den Gesprächen sind Studenten an mich herangetreten, die Probleme mit dem Studium hatten, sodass der Kulturauftrag in eine Sozialberatungsschiene abrutschte. Da dachte ich: Es bräuchte dauerhaft jemanden, einen Sozialberater oder Streetworker, der direkt zu den Studenten geht. Nach meinem Wissen sind wir die ersten, die den Mut dazu hatten. Das Pilotprojekt ist auf zwei Jahre ausgelegt und startet in Zwickau. Momentan arbeite ich auf einer halben Stelle, sollte das Projekt erfolgreich sein und die Studenten mich weiterhin so gut annehmen, dann möchte das Studentenwerk das auf Chemnitz ausweiten.

ZEIT ONLINE: An den meisten Universitäten gibt es verschiedene Beratungsstellen. Wo liegt der Unterschied?

Vogel: Die Sprechstunden der Sozialberatung wurden zwar besucht, aber es ging überwiegend um Probleme wie Studieren mit Kind oder Finanzierungsprobleme. Mein Ansatz ist: Ich mache die aufsuchende Sozialarbeit und gehe direkt in die Clubs und zu den studentischen Initiativen. Gerade in den Studentenclubs wissen die Leute, wer Probleme mit Drogen hat, wer Probleme zu Hause hat. An einem Abend führe ich da ungefähr sieben Gespräche. Ich habe aber auch Sprechstunden und veranstalte Vorträge und Workshops.

ZEIT ONLINE: Wie darf ich mir Ihren Besuch im Club vorstellen?

Vogel: Die Studentenclubs hier in Zwickau werden zu 100 Prozent von Studenten betrieben, die ehrenamtlich in den Wohnheimen hinter der Bar stehen. Ich gehe abends mit runter und setze mich an den Tresen. Oftmals kommen Bekannte, die mich fragen, Mensch, ich hab gehört, du machst das, erzähl doch mal. Und die am Nachbartisch hören mit. Ich werde angesprochen und gefragt, oder es ergibt sich hinten im Raucherraum. Das hatte ich letzten Freitag mit einem Studenten. Er hat erzählt, er habe sein Erststudium Sozialwissenschaften nicht geschafft, weil er ein unglaubliches Drogenproblem hatte und er würde auch nicht sagen, dass er es nicht mehr hat. Aber irgendwie habe er das Gefühl, dass er sein Leben besser im Griff hat und es neu ordnen möchte, aber er sei nicht der Kämpfer. Ihm habe immer so eine Hand gefehlt. Und dann hat er mich gefragt, was eigentlich meine Aufgabe ist.

ZEIT ONLINE: Was antworten Sie da?

Vogel: Was ich ihm nicht gesagt habe ist, dass er sofort einen Entzug machen muss, das hören die zur Genüge. Ich habe versucht herauszufinden, was er gerade macht, was ihm guttut, was seine Schwierigkeiten sind. Er hat gesagt, dass Sozialwissenschaften genau sein Fach und seine Leidenschaft war und er selber so sauer ist, dass er das verkackt habe und nicht mehr studieren kann. Wir haben über verschiedene Möglichkeiten gesprochen, er könnte eine Ausbildung machen oder etwas Ähnliches studieren. Ich konnte ihn dazu bringen, dass er sich ehrenamtlich in dem Feld engagiert.

ZEIT ONLINE: Nicht alle Studenten werden mutig genug sein, Sie anzusprechen. 

Vogel: Es gibt den Fall, dass besorgte Kommilitonen oder Freunde mich ansprechen und praktisch direkt drauf ansetzen. Wenn sich die günstige Situation ergibt, dass derjenige gerade im Studentenclub ist oder mit in meinem Vortrag sitzt, spreche ich ihn direkt an. Damit habe ich sehr positive Erfahrungen gemacht.