Das Semester neigt sich dem Ende zu. Ich notiere auf Listen und Zetteln, wann wer wo Sprechstunde hat. Die letzten Scheine müssen unterschrieben werden, der Run auf die Dozenten beginnt. Alle Modulabschlüsse schaffe ich doch nicht, aber das ist auch nur halb so wild – ich kann alles machen, wenn ich wieder komme. 

Der Umzug naht und mir wird das erste Mal so richtig klar, dass damit auch ein Lebensabschnitt zu Ende geht, der so nicht wieder kommen wird. Klar, ich werde weiter studieren, es ist ja auch nur ein Semester Urlaub, aber es wird eben ganz anders. Ich werde in einer anderen Stadt leben, pendeln. Und ich werde ein richtiges Familienleben haben. Völlig verrückt.

So ganz zu zweit und dann bald zu dritt, das kenne ich nicht. Ich bin schon lange bei meiner Familie ausgezogen und lebe für mich, und jetzt ziehe ich sozusagen bei meiner eigenen, kleinen Familie ein. Nun muss ich bei allem fragen, ob das auch für den anderen gut so ist. Davor konnte ich mein Zimmer ganz allein bestimmen. Jetzt muss ich fragen, ob mein Freund die Spitzendecken meiner Uroma auch als Gardine akzeptiert. Gerade jetzt muss ich besonders viel fragen, weil er sich momentan etwas ausgeschlossen fühlt.    

Er hat mir gesagt, dass es als Mann blöd ist, weil man selber die Kinder nicht bekommen kann und zwar den Bauch wachsen sieht und auch mal die Hand darauf legt, aber es doch nie das Gleiche sein wird. Ich würde ihm gerne zeigen, dass ich alles versuche, ihn so viel teilhaben zu lassen wie möglich. Wenn ich könnte, würde ich ihm vielleicht auch ein, zwei Monate der Schwangerschaft abgeben. Vielleicht. Aber das geht nun mal nicht. 

Ich weiß also nicht, wie ich das gerecht aufteilen sollte. Und kann ihm nur anbieten, dass er dafür die ganzen pragmatischen Dinge entscheiden darf. Es gibt eben nicht die schicke Handtasche als Wickeltasche, sondern eine, die er auch gut tragen kann. Und außerdem würde er mir damit unglaublich helfen, denn ich habe 1.001 Frage. Also darf er gerne der Bestimmer sein: Wollen wir einen Wickeltisch? – Nein. Ist das rausgeschmissenes Geld? – Ja, denn es ist ein hässliches Möbelstück. Wie wichtig ist es, eine Wärmelampe zu haben? – Bei uns ist es eh immer warm. Was braucht man WIRKLICH als Erstausstattung? – Das google ich. Wie viele kleine Strampler und Mützchen muss man haben? – Wird auch gegoogelt. Und welche Größe? – 56 nicht, das passt nur drei Wochen. Und welchen Kinderwagen sollte man kaufen? – Wir nehmen den von deiner Freundin, da sparen wir Geld.

Hier gibt es alle Folgen der Serie zum Nachlesen. © Getty Images

So fühle ich mich wunderbar geborgen. Natürlich bleiben Fragen offen: Ich dachte zum Beispiel, und mein Freund dachte das auch, dass unsere Kleine bei uns mit im Bett schläft. Sie war so lange bei mir, kennt ja nur mich und meinen Herzschlag und sie dann ganz alleine in ein Bett zu legen, kommt mir schrecklich einsam vor. Aber dann haben andere gesagt, dass das viel zu gefährlich wäre, weil man sein Kind zerquetschen könnte.

Das Schlimmste, wo wir uns beide einfach ratlos anstarren, sind die Babykurse. Von BabyAquaFitness über Programme namens Emmi Pickler oder Pekip bis zu Babyzeichensprachkursen. Und dann sagt die eine, dass man unbedingt nur a oder nur b machen sollte, weil ja b oder eben a völlig das Falsche sei für eine gesunde Entwicklung des Babys. Also soll man jetzt einfach alles ausprobieren? Das stell ich mir ganz furchtbar vor. So wird aus Ihrem Kind Germany's next Superbaby. 

Langsam dämmert uns beiden, dass "Eltern werden" und "Eltern sein" wohl auch bedeutet, das Beste für sein Kind zu wollen ohne zu wissen, was genau das Beste jetzt eigentlich sein soll. Aber was auch immer wir uns fragen, ich hoffe doch, dass unser Kind eben ein eigener Mensch wird, der am besten weiß, was für ihn gut ist.