Die Studentin Tanja © Raphael Schlesinger

Du musst das den Leuten um die Ohren hauen. So richtig. So hatte es Tanja Kollodzieyskis Dozentin für Marketing formuliert, als sie die junge Frau zu ihrem Twitter-Account beraten hatte.   

Tanja ist 26 Jahre alt und sitzt im Rollstuhl. Ihr neuer Twitter-Name verrät das sofort. Warum sie nicht laufen kann und sehr langsam spricht? Sie erzählt die Geschichte immer so: "Bei der Geburt habe ich zu lange die Luft angehalten, was mein Gehirn nicht so toll fand." Oder in einem Wort: "Sauerstoffmangel."   

Sie ist motorisch eingeschränkt, mit ihrer Intelligenz hat das nichts zu tun. Das ist nicht jedem klar.

"Viele denken bei Rollstuhl gleich an eine geistige Behinderung", sagt sie.  

Seit fünf Jahren studiert sie an der Ruhr-Uni Bochum, eine Campus-Uni, alle Gebäude liegen nah beieinander. Das hilft. In der Vorlesung mitschreiben kann sie oft alleine. Wenn es schnell gehen muss, hilft einer ihrer sieben Assistenten. Die werden dafür bezahlt, Bücher aus den hohen Regalen zu holen oder Seiten zu kopieren. Zu Hause kochen sie für Tanja, waschen, putzen und helfen im Badezimmer.

Vollkommen normal würden an der Uni die meisten Menschen mit ihr umgehen, sagt Tanja. Die meisten, nicht alle. Da sind die Dozenten, die ihr mündliche Prüfungen ausreden wollen. Das sei zu anstrengend für Tanja. Die sagt: "Es wäre mehr Arbeit für mich, noch eine zusätzliche Hausarbeit zu schreiben." Ja, das sei anstrengend – für die Dozenten.  

Dann ist da der Mann im Bewerbungsgespräch für die Stelle in einer großen Firma. Er fragt sie: Können Sie denn schon lesen? Tanja lacht. Sie studiert Literaturwissenschaften.  

Bücher sind ihre eine Liebe, das Internet ist die andere. Deshalb bloggt die Studentin über Literatur und twittert über die kleinen und großen Hürden des Alltags. Im Netz muss sie nicht warten, bis die Menschen verstehen, dass sie normal intelligent ist, auch wenn sie langsamer spricht. Hier kann sie Tweets in jedem Tempo abfeuern. 448 Follower lesen aktuell mit. Während sie spricht, klingeln, surren und vibrieren ständig Nachrichten. 

Die Geschichte von Tanja und dem Internet beginnt in der Schule, in einem kleinen Dorf im Harz. Sie beginnt mit Mobbing.

Einmal, erzählt Tanja, haben ihre Mitschüler mit dem Lehrer diskutiert, ob sie mit auf die Klassenfahrt kommen soll. "Die haben mich behandelt, als ob ich nicht anwesend wäre." Niemand hat sie nach ihrer Meinung gefragt. Die Schüler sagten, sie fühlten sich durch die Mitschülerin im Rollstuhl "behindert", erinnert Tanja sich.

Die Ablehnung trieb die Jugendliche ins Netz. Zu Hause loggte sie sich in öffentliche Chatrooms ein. Ein Username reichte, schon wusste niemand, dass sie im Rollstuhl sitzt. "Ich habe das nicht ausgenutzt", sagt sie, "aber ich brauchte das damals einfach, diese Zuwendung, bei der meine Behinderung keine Rolle gespielt hat."

Nach dem Abi wollte sie einfach weg. "In dem Kaff hatte ich keine Chance." In Bochum sei das ganz anders. "Ich habe Vertrauen gefasst und Freunde gefunden" – online und offline. Tanja klingt selbstbewusst, lacht oft. Viele der nicht so schönen Geschichten erzählt sie erst auf Nachfrage. Sie will kein Mitleid. Sie erzählt einfach, wie es ist, klar, kurz, deutlich.