"Am Institut sollte man körperliche Qualen erdulden müssen"

Wir brauchen die Literaturinstitute, weil der Deutschunterricht in den Schulen einen kreativen Umgang mit Sprache eher bestraft als belohnt. Mir haben die Lehrer in den Deutscharbeiten meist wohlwollend noch eine Vierminus gegeben. Sie haben gesagt: Interessant, aber nicht den Vorgaben entsprechend. In Hildesheim dürfen wir eine eigene Stimme sprechen lassen, einen individuellen Schreibstil kultivieren. Mit fortschreitendem Studium lernen wir, an der Dramaturgie eines Textes zu feilen und schließlich einen Roman zu verfassen, der gemäß seiner eigenen Regeln und Gesetzmäßigkeiten als homogene und lesbare Einheit funktioniert.

Trotzdem ist die deutsche Gegenwartsliteratur nicht nur ekelerregend brav, sie ist obendrein langweilig bis zur Unlesbarkeit. Das Problem liegt in dem allgemeinen Trend, sich möglichst nicht angreifbar zu machen. Das Motto dahinter lautet: Lieber ein vorsichtiges Projekt fehlerlos umsetzen, als sich beim Versuch, etwas Gewaltiges zu schaffen, eine Ungereimtheit zu erlauben. Keine Kunstepoche wird schneller vergessen sein als die gegenwärtige.

Die Schreibschulen sind nicht die Verursacher unserer Feigheit, sollten aber mit radikaleren Methoden gegensteuern. In Hildesheim können wir leider einen Schreibstudiengang absolvieren, indem wir während der gesamten Zeit nur eine einzige Kurzgeschichte verfassen. Ein kleines Exposé und 15 Seiten Textprobe reichen für eine Bewerbung. Ich will, dass man körperliche Qualen erdulden muss, um die Eignungsprüfung zu bestehen! Wer das übersteht, hat auch etwas zu erzählen und will nicht bloß die richtigen Kontakte knüpfen, um feingeschliffene Belanglosigkeiten auf dem Buchmarkt zu platzieren

"Das Institut unterstützt alle sozialen Milieus"

Ich komme aus der Provinz, bin ein Arbeiterkind. Um mein Schreiben zu professionalisieren wollte ich ans Literaturinstitut in Leipzig. Austausch, Inspiration, Kritik, das geht nirgendwo so intensiv wie an Schreibschulen. Deswegen finde ich es auch so wichtig, dass es diesen Ort gibt, weil man hier seine eigene Stimme finden kann, so wie man auf Musikschulen musizieren lernt. Schreiben ist ja irgendwie musizieren mit Worten.

Ich schreibe gerade an meinem Abschlussroman, daraus besteht unter anderem der Masterstudiengang. Wir treffen uns im Seminar und besprechen unsere Texte – das hilft mir sehr, weil in meinem Jahrgang so verschiedene Leute sind und alle ganz unterschiedliche Zugänge und Themen haben. Und es ist gar nicht wichtig, wo jemand herkommt oder was jemand vorher gemacht hat. Das Institut ermöglicht eher den sozialen Ausgleich, weil es die Chance derer vergrößert, die nicht schon im Akademikermilieu aufgewachsen sind.