ZEIT ONLINE: Frau Vassiliou, jedes Jahr reisen immer mehr Studenten mit einem Erasmus-Stipendium ins Ausland. Woher kommt diese Begeisterung?

Androulla Vassiliou: Erasmus hilft jungen Menschen zu verstehen, was es heißt, ein Europäer zu sein. Wenn wir zu Hause bleiben, fühlen wir uns als Deutsche, Griechen oder Italiener. Im Ausland öffnen wir uns für andere Kulturen.

ZEIT ONLINE: Erasmus heißt nun Erasmus plus und vereint vor allem die verschiedenen Programme für Studenten, Auszubildende und Berufstätige. Was ist wirklich neu?

Vassiliou: Wir wollen enger mit Unternehmen zusammenarbeiten und Allianzen gründen, um Studenten den Übergang in den Beruf leichter zu machen. Außerdem öffnen wir das Programm für Länder außerhalb Europas. Wir fördern nun zum Beispiel deutsche Studenten, die in China studieren möchten. Die dritte Neuerung soll Masterstudenten unterstützen, die an einer Universität im Ausland studieren möchten. Wer kann sich das schon leisten? Wir bieten ihnen keinen eigenen Kredit, aber kooperieren mit nationalen Banken und bürgen. So helfen wir Studenten, die keine Garantien ihrer Familie vorweisen können.

ZEIT ONLINE: Unterstützen Sie damit nicht die Verschuldung junger Menschen?

Vassiliou: Nein. Wir wollen keine großen Schulden schaffen, wie es amerikanische Universitäten tun. Wir bürgen nur bis zu einer Obergrenze von 12.000 Euro für einjährige Master und 18.000 Euro für zweijährige. Durch unsere Bürgschaft sind die Zinsen gering und der Kredit muss nicht sofort zurückgezahlt werden.

ZEIT ONLINE: Wie viele Studenten werden von dem neuen Programm profitieren?

Vassiliou: Für die nächsten sieben Jahre haben wir von der EU ein Budget von 15 Milliarden Euro, das sind sieben Milliarden mehr, als vorher zur Verfügung stand. In Deutschland soll das 600.000 jungen Menschen helfen.

ZEIT ONLINE: In Ländern wie Spanien leiden viele Studenten und junge Berufsanfänger noch immer unter der Krise. Wie kann Erasmus ihnen überhaupt helfen?

Vassiliou: Im Ausland lernen sie Fähigkeiten, die ihnen niemand in der Schule beibringt. Junge Menschen müssen raus, auf sich alleine gestellt sein, weit weg von ihrer Familie. Ich kam damals aus Zypern, von dieser kleinen isolierten Insel, nach England. Das war ein Schock. Ich musste meine eigenen Entscheidungen treffen, aber das hat mich stark gemacht. Solche Fähigkeiten helfen später bei der Jobsuche. Wir veröffentlichen im Sommer eine Studie, die zeigt: Wer im Ausland studiert, erhöht seine Jobchancen.

ZEIT ONLINE: Auch wenn es gar keine Jobs gibt?

Vassiliou: Es gibt viele offene Stellen, aber nicht genug Bewerber, die qualifiziert sind. Deshalb ermutigen wir vor allem die Länder im Süden, Berufsschulen zu gründen. Und viele junge Menschen können jetzt nach Deutschland kommen, um hier eine Ausbildung zu machen. Wenn sie dann zurückkommen, haben sie es leichter auf dem Arbeitsmarkt. Mit Erasmus werden junge Menschen außerdem unabhängiger und bauen vielleicht ein eigenes Unternehmen auf. Das schafft wiederum Arbeitsplätze.