Das Elitestudium hat er abgebrochen, sein Blog heißt "anti-uni.com". Ben Paul stellt sich Bildung selbst zusammen. Kann er das Gesicht einer deutschen Bewegung werden?

Er lächelt fast schüchtern. So rebellisch sieht er gar nicht aus, dabei trägt sein Blog den plakativen Titel anti-uni.com. "Gehen wir ein bisschen spazieren", sagt Ben Paul. Er läuft los durch Berlin-Kreuzberg und erzählt von seinem Leben, das überhaupt nicht mehr so brav ist, wie er manchmal noch wirkt.   

Education hacker nennt Paul sich, nach der Bewegung aus den USA. Er ist 23 Jahre alt und hat vor zweieinhalb Jahren das Studium an einer Elite-Uni abgebrochen. Jetzt ist er ein Student ohne Uni. Aber das reicht ihm noch nicht.

Dale Stephens beschreibt die amerikanischen Education hacker in seinem Buch Hacking your Education. Seine These: Junge Menschen sollen sich ihre Bildung selbst zusammenstellen, denn die Vorstellung, man könne nur mit einem Uni-Abschluss erfolgreich sein, sei völlig veraltet. Stephens gab der Idee, die Autodidakten schon lange hegen, ein neues Gesicht und eine Geschichte. Er verließ mit zwölf Jahren seine Schule, bildete sich selbst, besuchte nur kurz ein College und gründete 2011 Uncollege, eine Plattform, auf der Menschen das Lernen lernen sollen.

Für Deutschland wäre Ben Paul gern der Student ohne Uni, das Gesicht, die Geschichte einer Bewegung. Und wie es sich für eine Bewegung gehört, grenzt er sich erst einmal ab und erzählt, wie Bildung nicht sein sollte: Die Uni bilde junge Menschen vor allem für die Wissenschaft aus, einige Professoren in Fächern wie Marketing oder Entrepreneurship hätten nie praktisch gearbeitet. Der Arbeitsmarkt aber verlange nach Menschen, die kreativ seien, die gelernt hätten, eigene Ideen zu entwickeln, Projekte zu verwirklichen.   

Die Gesellschaft glaube noch, erst komme ein gutes Abitur, dann eine gute Uni-Note und dann der Traumjob. "Schönspielerei" nennt er das. Die Unternehmen, sagt Paul, merken das mehr und mehr. Sie wählten nicht mehr den aus, der die beste Abschlussnote habe, sondern den, der sich jung allein durch schwierige Situationen gekämpft habe. Auch ohne Uni.

Einzelkämpfer vernetzen

Paul trinkt aus einer großen Glasflasche mit breitem Verschluss, er zeigt auf die Buchstaben, die um das Gefäß laufen: Soulbottle. Da könne man Leitungswasser praktisch abfüllen und trotzdem sehe die Flasche stylisch aus. Die Geschäftsidee eines Freundes, erzählt er, der auch nicht mehr zur Uni gehe. Natürlich.

Paul geht weiter, wechselt mal die Straßenseite, dreht mal einfach um, hört nie auf zu erzählen. Er kennt viele solche Geschichten. Deshalb hat er das Blog gegründet. Er will die Einzelkämpfer vernetzen, sichtbar machen. In einem der vielen Artikel erzählt Till, 21 Jahre, er kontaktiere jede Woche Koryphäen aus der Psychotherapie, um von den Besten zu lernen. Im nächsten Text schreibt Robert, der gerade als Unternehmer in Polen arbeitet, er belege gerne Moocs (massive open online courses) von Harvard oder vom MIT. Da könne er sich aussuchen, was er wann und wie schnell lernt.

Doch wohin man klickt, schreibt Ben Paul von Ben Paul. Mal in der ersten, mal in der dritten Person, meistens mit Bild. "Über Ben" erzählt die Geschichte hinter der Idee und hinter dem Gesicht, ein bisschen selbstironisch, in lockerem Ton. Hier in Kreuzberg fällt ihm das schwerer. Paul, der eigentlich so gerne über Paul spricht, reiht monoton einen Satz an den anderen, wenn er von der Zeit erzählt, als er noch nicht dagegen war. Er scheint ein bisschen müde von den alten Anekdoten.