"Ich gebe auf", schreibt eine Studentin in ihrem offenen Brief, den das Campusmagazin The Harvard Crimson in dieser Woche veröffentlicht hat. Die junge Frau, die anonym bleiben möchte, berichtet, sie sei auf dem Campus Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden. Die Universität aber erkenne den Fall nicht als solchen an und verweigert die Unterstützung. Ihre Geschichte öffentlich zu machen, sieht die Studentin als letzten Ausweg.

Der Text trifft damit den Kern einer andauernden Debatte um Vergewaltigungen und sexuellen Missbrauch an amerikanischen Universitäten. Seit Monaten stehen die Hochschulen in der Kritik: Sie würden Opfer abweisen, Zahlen verheimlichen und Untersuchungen verhindern.

Während die Studentin die Ereignisse in nüchternen Worten niederschreibt, sitzt der junge Mann, der sie zum Sex gezwungen haben soll, nur wenige Tische weiter. In der Nacht sei sie damals betrunken von einer Party in das Zimmer des Bekannten getaumelt. Der habe ihr T-Shirt ausgezogen, sie in Nacken und Brust gebissen und sie anschließend genötigt, ihn oral zu befriedigen. Sie habe zunächst protestiert, sich dann aber aus Angst gefügt.  

Die junge Frau schreibt, sie habe den Übergriff sofort gemeldet. Kurz darauf habe ein Mitglied der Verwaltung ihr mitgeteilt, es würde wenig Hoffnung auf eine Untersuchung geben. Der Fall gelte nicht als sexueller Missbrauch, wie er in den Richtlinien der Uni beschrieben ist. Die Definition wurde im Jahr 1993 festgelegt und seitdem nicht verändert. Sie besagt: Unter sexuellen Missbrauch falle alles, was "ungewollte Berührungen sexueller Natur zusammen mit physischer Gewalt oder Androhung von körperlichen Verletzungen" umfasst. Es folgt die Formulierung, dass es sich auch um eine Vergewaltigung handle, wenn das Opfer nicht fähig ist, "den Unwillen auszudrücken aufgrund von Drogen, Alkohol oder anderen Faktoren". 

Das reicht offenbar nicht, um den Fall der Studentin zu stützen. Die Gruppe "Our Harvard can do better" fordert bereits seit Längerem, die Richtlinien zu ändern. An anderen Universitäten müssen Männer oder Frauen aktiv "Ja" zum Sex sagen, ansonsten liegt ein Missbrauch vor. Damit sollen Opfer geschützt werden, die sich nicht mehr wehren können, weil sie unter dem Einfluss von Alkohol und Drogen stehen. Sie haben es dann auch bei einer möglichen Untersuchung leichter, den Missbrauch nachzuweisen. 

Der jungen Studentin wurde gesagt, sie könne den Fall an der Uni zwar eröffnen, aber vermutlich würde er fallengelassen. Dieses Risiko war ihr zu groß, wie sie schreibt. Sie habe Angst gehabt, dass dem Täter offiziell Recht gegeben würde. Zuletzt hatte sie zumindest erreichen wollen, dass der junge Mann das Haus wechselt. Doch auch diesem Wunsch sei die Uni nicht nachgekommen.  

Scott Berkowitz, Gründer der Organisation RAINN (Rape, Abuse and Incest National Network), sagte dem Fernsehsender ABCNews, dass derlei Vorgehen der Hochschulen typisch sei. Er könne nicht beurteilen, ob sich die Uni in diesem speziellen Fall falsch verhalten habe, aber die Vorwürfe der Harvard-Studentin würden vielen anderen gleichen.