Ich habe 316 Freunde bei Facebook. Manche sind tausende Kilometer entfernt, ein paar habe ich noch nie persönlich getroffen. Die allermeisten meiner Bekanntschaften habe ich über mein Studium kennen gelernt. Wir langweilten uns nebeneinander in Seminaren oder merkten in der Toilettenschlange, dass wir beide am Wochenende auf dem gleichen Konzert waren. Zack, Anfrage verschickt. Mein Account folgt einer Politik der offenen Tür.  

Dozenten und Professoren sind nicht unter meinen Onlinefreunden. Warum eigentlich? Egal, wie eng der Kontakt über die Semester geworden ist: Den Professor zum Facebook-Freund machen zu wollen ist irgendwie so, als würde man den coolen neuen Referendar an der Schule zu seinem 18. Geburtstag einladen. Ein bisschen peinlich für beide Seiten. Und irgendwie aussichtslos, denn eine große Freundschaft wird sowieso nicht entstehen. Welchen Zweck sollten die digitalen Bande zu einem Dozenten überhaupt haben?

Ein Anruf bei Martina Dressel. Sie hat Ratgeber verfasst, die Namen haben wie "Erfolgreich kommunizieren im Web 2.0." – und arbeitet als Dozentin an der TU Dresden. Die erste Überraschung: Sie rät nicht generell von den Freundschaften ab, nennt aber eine Voraussetzung: ein sehr gutes Vertrauensverhältnis. "Die Frage ist: Bringe ich den Dozenten in Bedrängnis oder sieht die Person das als Zeichen der Wertschätzung?", sagt sie. Und wenn jemand eine Anfrage an Frau Dressel schickt? "Anders als Xing ist Facebook ein persönliches, privates Netzwerk", sagt sie. Richtig begeistert sei sie nicht, wenn jemand sie hinzufügen möchte.

Das digitale High-Five mit dem Professor funktioniert so also nicht wirklich. Es gibt sie, die jovialen, jung gebliebenen Lehrenden, die abends auch mal auf die Institutsfeier kommen und mit den Studenten Bier aus Pappbechern trinken. Aber Facebook ist einfach nicht das richtige Medium, um Dozenten per Freundschaftsangebot zu zeigen, dass man sie cool findet und in der peer group akzeptieren würde, obwohl sie keine Peers mehr sind.