Studenten sind von der Uni-Bibliothek fasziniert - und nutzen sie für den ein oder anderen Flirt.

Meine geliebte Bib,

du bist das Herz jeder Uni. Du bist groß, klug, geheimnisvoll. Du presst das Wissen der vergangenen Jahrhunderte zwischen die Klappen deiner Bücher und produzierst neues Wissen in den rauchenden Köpfen und dampfenden Laptops. Wir Studenten sind davon fasziniert. Zumindest in den ersten Semestern wollen wir alle mal über deine schalldämpfenden Teppiche laufen und mit den Fingern in einem der Wälzer herumblättern, die so sehr nach Weltliteratur riechen. Wir stehen vor den monströsen Kopierern, Scannern und Druckern Schlange und nehmen die Flut an noch warmem Papier entgegen, die uns das Gerät entgegenspuckt. Ungefähr ein bis zwei Semester sind in etwa nötig, bis wir verstehen, dass ein Tablet billiger ist.

Zu Beginn unserer Beziehung zu dir, liebste Bib, sind wir bereit, eine Menge Zeit und Geld in dich zu investieren. Vor den Schließfächern formiert sich zu allen Tages- und Nachtzeiten eine Menschenkette, länger als die Schlange vorm Berghain jemals war. Und jedes Mal müssen wir vorher einen Kaffee kaufen, damit wir ein Zwei-Euro-Stück in eines dieser Schließfächer werfen können. Ohne Spind haben wir keinen Ort für unsere Taschen und Taschen sind in der Bib verboten. Wie so ziemlich alles. Essen ist verboten. Der gerade gekaufte Kaffee ist verboten. Reden ist verboten. Lachen ist verboten. Handys sind verboten. Regenschirme sind verboten. Dreck machen ist verboten. Alles, was Spaß macht, ist verboten.

Halt stopp, flirten ist erlaubt. Nirgendwo lässt sich Intelligenz so schön zur Schau stellen wie hinter einem Laptop-Deckel, die rechte Hand auf der Tastatur, die linke in einer aufgeschlagenen Anthologie. Es gibt eine App namens bibflirt. Und ja, manchmal stoßen hinten in der vierten Etage zwei Menschen mit den Schultern an die Rücken deiner Bücher. 

Doch erschrick nicht, meine liebe Bib, wir Studenten sind auch ein gemeines Pack. Am Jura-Institut zum Beispiel. Da verschwinden während der Prüfungszeit Bücher von ihren Plätzen und wichtige Seiten aus den Büchern. Und wir nutzen dich gnadenlos aus. Wir kommen nicht nur wegen des intellektuellen Flairs hierher, sondern einfach, weil uns zu Hause die Mitbewohnerin mit leckerem Kuchen oder langweiligen Geschichten vom Arbeiten ablenkt. Weil in vier Tagen Abgabe ist. Weil wir STRESS haben. Weil wir uns von dir und unseren Sitznachbarn beobachtet fühlen. Zu Hause müssten wir unglaublich dringend Fenster putzen, sobald ein Referat ansteht. Trotzdem fühlen wir uns wohl, eingehüllt in die anonyme Solidarität der Mitleidenden und den Geruch nach alten Seiten. Das fühlt sich so wahnsinnig wissenschaftlich und damit ein bisschen wichtig an. Auch für alle Drittsemester, die gerade ein bedeutendes Werk über Bionik im Straßenbau nach dem Vorbild von Schleimpilzen schreiben.   

Jede Bibliothek ist das Herz der Uni. Aber du, meine liebe Philologische Bibliothek der FU Berlin, bist auch das Hirn. Dein Architektenpapa hat dir diese Form geschenkt. Wir nennen dich liebevoll brain. Du lässt mich eintauchen in die Gänge deines Gedächtnisses und manchmal verirre ich mich in den Winkeln deines Gewussten und Unbewussten. Dann vergesse ich, dass deine Wände blass und ungemütlich sind. Wikipedia behauptet dagegen, dein Körper erinnere "an einen voluminösen, sanft gewölbten silbrig-glänzenden Tropfen". Tropfen? DU TROPFST! Und zwar von der Decke. Das ist gar nicht mal so praktisch für eine Bibliothek. Ein Gang durch deinen Eingangsbereich ist ein Slalomlauf – immer hübsch um die weißen Plastikeimer herum. Liebste Bib, du bist ein Gehirn und du bist nicht ganz dicht. Das ist einfach zu schön. Dafür liebe ich dich. Jeder Tag, an dem ich dich mit zitternden Händen, nassen Füßen und pochendem Gehirn verlasse, ist ein wunderbarer Tag. 

Deine Muriel 

Welche Erfahrungen haben Sie in der Uni-Bibliothek gemacht? Haben Sie die Nächte durchgepaukt, Kaffee in die Bibliothek geschmuggelt oder laut auf ihrem Bücherberg geschnarcht? Ärgern Sie sich über herausgerissene Seiten oder lassen Sie vielleicht selbst das ein oder andere Exemplar mitgehen? Erzählen Sie uns Ihre Anekdoten; entweder per Kommentar unter diesem Artikel, als Facebook-Kommentar oder als E-Mail an leser-studium@zeit.de. Die schönsten Einsendungen veröffentlichen wir kommende Woche.