Jede siebte Studentin wurde nach einer Umfrage an englischen Universitäten sexuell missbraucht.

"Ihr grölt. Kippt ein Bier nach dem anderen. Es war ein richtig gutes Turnier, so wie ihr es schon lange nicht mehr hattet. Ihr singt ein bescheuertes Trinklied. Bis eben gehört euch die Uni-Kneipe ganz alleine. Dann kommen zwei junge Mädchen rein, sie wirken verschüchtert, setzen sich an einen Tisch ans andere Ende. Was tut ihr?" 

Vor Nik Kirby sitzen neun Jungs vom Oxford University Tennis Club und wissen nicht so recht, was sie sagen sollen. Kirby, Doktorand der politischen Philosophie an der Uni, trifft sich jede Woche mit Uni-Sportgruppen und bespricht solche Szenarien: Studenten, die sich daneben benehmen, sich mit Witzen über sexuelle Gewalt brüsten, ihren Kommilitoninnen hinterherpfeifen, sie anfassen oder bewerten. Der Good Lad Workshop – wörtlich das Seminar für gute Kerle – sei aber kein Benimmkurs, sagt Kirby. Hier sollen Studenten sich Gedanken darüber machen, wie sie sich in unangenehmen Situationen verhalten wollen. In Ruhe, ohne Gruppenzwang und im Schutz der alten Seminarräume falle das leichter als in der Realität, glaubt Kirby.   

Die Szene, die Nik Kirby beschreibt, ist frei erfunden und harmlos verglichen damit, was sich tatsächlich an englischen Universitäten abspielt. Fast täglich berichten englische Medien über Fälle, die mit universitären Bildungsidealen wenig zu tun haben: Elite-Studenten, die durch die Straßen Oxfords ziehen und davon singen, junge Mädchen zu vergewaltigen; Uni-Partys, die Namen haben wie "Vorstandschefs und Businessschlampen" oder "Nerds und Nutten"; Mädchen, die es normal finden auf diesen Partys begrapscht zu werden; studentische Vereine, die ihre neuen Mitglieder als Willkommensgruß auf einem überdimensionalem Penis Rodeo reiten lassen und ein Uni-Magazin, das in einem Artikel über "Sexuelle Mathematik" schreibt: Wenn das Mädchen noch nicht willig sei, sollten die Leser bedenken, dass 85 Prozent aller Vergewaltigungen ohnehin nie angezeigt würden. Das sei doch eine gute Quote.

Die Zeitschrift, die diesen Artikel vor zwei Jahren veröffentlichte, wurde mittlerweile eingestellt – sonst hat sich kaum etwas geändert. An Englands Unis herrscht eine Kultur der wilden Kerle, eine Lad Culture, wie sie hier gemein genannt wird. Gelebt wird diese Kultur von – vornehmlich männlichen – Studenten, die vor allem drei Interessen teilen: Alkohol, Sport und Sex. So fasst es ein Bericht der nationalen Studentenvertretung (NUS) zusammen. In That’s what she said haben Forscher und Studentenvertreter 40 Frauen in qualitativen Interviews zu ihren Erfahrungen von Lad Culture befragt.

Zwar seien es keineswegs nur männliche Studenten, die ständig auf der Suche nach dem nächsten Rausch oder sexuellen Abenteuer sind. Doch sind es vor allem Frauen, die darunter leiden. Während Lad Culture lange als jugendlicher Blödsinn abgetan wurde und selbst viele Studentinnen sich als Teil dieser Kultur sehen, erkennen die Gender-Forscher des Uni-Berichts einen klaren Zusammenhang zwischen einer stark sexualisierten und männlich dominierten Universitätskultur und den zunehmenden Fällen sexuellen Missbrauchs auf dem Campus

Jede siebte Studentin, das hat die letzte nationale Umfrage der Studentenvertretung herausgefunden, wurde an englischen Universitäten schon sexuell missbraucht, weit über die Hälfte der befragten Studentinnen wurde schon mal "begrapscht, gekniffen oder bedrängt". Auf der Internetseite It happens here können Studenten anonym von sexistischen Erfahrungen an der Universität Oxford berichten. Mehr als 50 waren es im letzten Semester. 

An der Universität Cambridge hat die Frauenvereinigung (CUSU) deshalb in diesem Jahr erstmals Kurse zu "sexuellem Einverständnis" angeboten. Dort sollen Studenten lernen, wann Geschlechtsverkehr wirklich einvernehmlich ist: Wenn keiner aktiv nein sagt, ist das genug? Wie kann man Zustimmung oder Ablehnung sonst noch äußern? Und kann überhaupt noch die Rede von Einverständnis sein, wenn einer oder beide Geschlechtspartner sich bis zur Besinnungslosigkeit betrunken haben? Aktuell wird an der Uni diskutiert, ob die Kurse als Pflichtprogramm für Erstsemester angeboten werden sollen.