Sie interessieren sich nur für Credit Points und Scheine. Eine Dozentin klagt über Studenten, die von Unis umsorgt werden. Ein Buchauszug

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Kulturpessimistische Dozenten behaupteten, der Wissensdurst und der Wissenspegel seien zurückgegangen. Die Kanzler in die richtige Reihenfolge zu bringen und dabei Ludwig Erhard nicht zu vergessen, den historischen vom dialektischen Materialismus zu unterscheiden, die drei Gewalten zu benennen und über vierte und fünfte nachzudenken – Fehlanzeige. "Finden Sie das nicht wichtig?", frage ich nach der ersten Wissensstandserhebung in die Runde. "Wenn es zu Ihrer Zeit schon Wikipedia und Google gegeben hätte, hätten Sie diese Daten auch nicht auswendig gelernt", ist die Antwort. Wikipedia und Google sind immer die Antwort. "Aber wenn Sie in einem Funkloch, bei Stromausfall oder leerem Akku über die deutsche Innenpolitik diskutieren wollen, müssen Sie doch ein paar Dinge im Kopf haben. Schon aus Interesse an der Politik", entgegne ich dann. "Adenauer, Brandt, Kohl, konstruktives Misstrauensvotum rauf und runter, das alles interessiert uns nicht, das ist zu lange her", sagen jene beiden, die sich überhaupt bis zu diesem Grad am Gespräch beteiligten. Das klingt so, als habe sie jemand in die Wüste verbannt. Auch wenn zum Beispiel Bundespräsidentenrücktritte und -Neuwahlen immer wieder Aktualität ins Seminar spülten, änderte das nichts an dem Gefühl der Studenten, von den Wassern des Lebens abgeschnitten zu sein.

Niemand lobt in einem politikwissenschaftlichen Seminar flammend das Grundgesetz, niemand schimpft auf das "Schweinesystem", niemand schwärmte für Hans Magnus Enzensbergers medienwissenschaftliche Essays oder wenigstens für einen aus Funk und Fernsehen bekannten Parteienforscher. Nur einmal, in einem Seminar über Medientheorien, bekannte sich ein junger Mann dazu, fast alle Schriften des Sprachwissenschaftlers Noam Chomsky gelesen zu haben. Der Student witterte Manipulation und vermachtete Sprache allerorten, er nahm jedes Referat der Kommilitonen und jeden meiner Sätze auseinander. Das war anstrengend, aber auch anregend. "Du nervst, kannst du nicht mal die Klappe halten?", ließen ihn einige Mitstudenten schnell wissen. Die Mehrheit schwieg. "Intellektueller" wird in dieser Atmosphäre zum Schimpfwort. Nicht links, nicht rechts – der Verzicht auf die Selbsteinordnung kann die Sinne schärfen. Wer sich nicht sofort positioniert, gibt der Neugier eine Chance. Könnte ihr eine Chance geben, muss es heißen. Das ideologische Feuer von einst wurde mit stillem Wasser gelöscht. Übrig geblieben ist Pragmatismus. Man könnte auch sagen: Überraschungsresistenz.