Was zählt wirklich an der Uni? Klausuren, Freunde, Partys, Erinnerungen? Unsere Autoren erzählen, was sie heute bereuen und anders machen würden. Neun Geständnisse.

Vor Gras hatte ich zu viel Respekt, Alkohol hat mir nicht geschmeckt

Ich habe nie gekifft, sondern nur geraucht. Ich hatte keinen Vollrausch mit Filmriss und Kopf in der Kloschüssel, sondern nach zwei Gläsern Wein Kopfschmerzen. Ich habe Männer auf Partys kennengelernt, mit nach Hause genommen und an der Wohnungstür wieder weggeschickt. Ich habe mir nie die Haare abrasiert oder zerrissene Strumpfhosen getragen.

Vor Gras hatte ich zu viel Respekt und Alkohol hat mir nicht geschmeckt. Für One-Night-Stands fand ich mich entweder zu schade oder ich hatte Schiss vor dem Morgen danach. Meine Ohren fand ich zu groß für eine Glatze, und meine Beine zu dick für zerlöcherte Strümpfe.

Das Studium ist auch dazu da, um Geschichten für das eigene Buch zu sammeln. Das Buch, aus dem man später vorlesen kann. Den Kindern oder Enkeln, zumindest aber den engsten Freunden oder der kleinen Schwester. Deshalb muss man es krachen lassen, muss Dinge erleben, die erzählenswert sind und die man später kaum noch erleben wird, für die man sich vielleicht ein bisschen schämt, die man eigentlich aber unglaublich cool und verwegen findet.

Ich habe das – zum Teil jedenfalls – erst verstanden, als ich schon in der Bibliothek saß und an meiner Diplomarbeit geschrieben habe. Also ein paar Jahre zu spät. Kann man natürlich alles nachholen, macht man auch, aber als Studentin klingt vieles davon einfach ein bisschen cooler.

Steffi Dobmeier hat Journalistik und Amerikanistik an der Uni Leipzig studiert und arbeitet jetzt am Newsdesk von ZEIT ONLINE. 

Ich schaute Indie-Filme, aber las nicht die Unabhängigkeitserklärung

Mit 23 Jahren war ich auf dem besten Weg, als Experte für die USA zu gelten – dabei hatte ich nicht mal die Unabhängigkeitserklärung gelesen. Oder die Verfassung. Oder irgendeinen anderen nennenswerten Text, der nicht aus dem 20. Jahrhundert stammte. Ich hatte mich für Amerikanistik eingeschrieben, weil mich Gegenwartskultur interessierte. Altenglische Texte lesen, wie meine Anglistikfreunde, oder lateinische, wie die Historiker, war mir zu blöd. Stattdessen schaute ich Hollywood- und Indiefilme und diskutierte über Popmusik und Geschlechterverhältnisse. Das war gut – aber auch ziemlich faul, ignorant und selbstgenügsam.

Kurz vor Studienende, im Austauschjahr in Washington, D.C., verblüffte mich, wie viele Amerikaner immerzu über die Gründerväter aus dem 18. Jahrhundert redeten. Und dass der amerikanische Bürgerkrieg zwar hundert Jahre länger her ist als der Vietnamkrieg, aber heute noch mindestens ebenso präsent. In meinen letzten zwei Semestern versuchte ich, den Stoff aus 200 Jahren nachzuholen. Hat nur so mittelgut geklappt, aber immerhin: Ich habe begriffen, dass Gegenwart nicht ohne Geschichte zu haben ist. Dass man den Kanon nur kritisieren kann, wenn man ihn kennt. Und dass es sich einfach lohnt, einiges von dem alten Scheiß zu lesen, der auf den ersten Blick so gar nichts mit dem eigenen Leben zu tun hat.

Oskar Piegsa hat Amerikanistik an der Uni Hamburg studiert. Er arbeitet als Redakteur bei ZEIT CAMPUS und als freier Autor und Kritiker. 

Der Prüfungskanon war ein Schock – so kurz vorm Examen.

Mein Tipp: im ersten Semester mal rausfinden, was in den Prüfungen verlangt wird! Ich habe das leider nicht gemacht. Munter studierte ich vor mich hin, Romanistik auf Magister, und besuchte schöne Seminare zu spannenden Themen: "Filme aus dem Paris des 20. Jahrhunderts", "Medien in Frankreich" oder "Vampirliteratur im Wandel der Jahrhunderte". Super fand ich auch moderne Literatur, wie Michel Houellebecqs Elementarteichen oder den werbe- und gesellschaftskritischen Roman 39.90 (Originaltitel 99 Francs) von Frédéric Beigbeder.    

Diese anstrengenden Klassiker von Diderot oder Molière mied ich stringent. Bis zu diesem einen Tag im achten (!) Semester. Da kursierte auf einmal eine Literaturliste mit vielleicht 100 Titeln im Hörsaal. Alle Werke sollten wir bis zum Examen gelesen haben, denn aus denen setzten sich die Prüfungsaufgaben – mündlich wie schriftlich – zusammen. Darunter auch Gedichte aus dem Mittelalter.

Noch nie hatte irgendjemand, den ich kannte, von dieser Liste des Grauens gehört. Ich kannte keine zehn der genannten Werke. Ein halbes Jahr lang haben wir uns zu viert wöchentlich getroffen und uns gegenseitig diese Bücher bis spät in die Nacht vorgestellt. Zum Glück hatte ich aus meinem Studienjahr in Montpellier noch diese kleinen blauen Heftchen, die Frankreichs Literatur-Klassiker zusammenfassen. Für Schüler. Rigoros lernten wir das Abi-Wissen auswendig.

Aber so etwas kann in Zeiten nach Bologna nicht mehr passieren, oder? Ich würde im Studium jedenfalls wieder Vampir-Romane lesen, Filme gucken, Zeitungen und Modemagazine studieren. Aber es wäre schön gewesen, wenn irgendein Seminar, irgendein Referat oder irgendeine Hausarbeit in all den Jahren auch für die Prüfungen relevant gewesen wäre. Tant pis! Schade!

Dagny Lüdemann, heute Wissen-Ressortleiterin bei ZEIT ONLINE, studierte Biologie und Französisch auf Magister in Hamburg und Lettres Modernes an der Université Paul Valéry Montpellier.