Wirtschaftswissenschaften ohne Keynes, Philosophie ohne Rousseau: An Chinas Universitäten soll das Wirklichkeit werden. Der chinesische Bildungsminister Yuan Guiren hat eine Überprüfung ausländischer Lehrbücher angeordnet. Unis sollen "ideologisch gefestigt" und von "westlicher Irrlehre" befreit werden. Man dürfe auf keinen Fall zulassen, dass Materialien, die westliche Werte propagieren, in chinesische Kursräume kämen.

Seit der Öffnungspolitik unter Deng Xiaoping Ende der 1970er Jahre geben sich Chinas Universitäten eigentlich offen für ausländische Einflüsse. Gerade in den Naturwissenschaften, aber auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften, werden ebenfalls nicht-chinesische Autoren gelesen. Für Kristin Shi-Kupfer vom Mercator Institute for China Studies (Merics) aus Berlin ist der aktuelle Vorstoß durch die Regierung unter Xi Jinping trotzdem keine Überraschung, sondern Teil eines länger dauernden Prozesses, der 2008 begonnen hat.

Im Jahr der Olympischen Spiele in Peking hatte sich der derzeit inhaftierte Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo in einem politischen Pamphlet, der Charta 08, für die Transformation des Landes sowie Gewaltenteilung und Meinungsfreiheit ausgesprochen. "Viele Menschen aus unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft haben diese damals unterzeichnet", sagt Shi-Kupfer, die am Merics die Forschungsgruppe Gesellschaft und Medien leitet. Neben politischen Aktivisten unterschrieben Wissenschaftler, Professoren und Privatunternehmer. Das habe der chinesischen Regierung gezeigt, dass es Ideen gab, die ein großer Teil der Bevölkerung unterstützen würde – eine beunruhigende Erkenntnis in der Hauptstadt.

Mit dem Arabischen Frühling 2011, bei dem in mehreren Staaten im Nahen Osten und Nordafrika Bürger gegen ihre autoritären Regime auf die Straße gingen, begann auch in China die politische Verhärtung, sagt Shi-Kupfer. In dem Land gab es keinen breiten Widerstand, trotzdem manifestierte sich diese Entwicklung in dem parteiinternen Dokument Nummer 9, das 2013 an die Öffentlichkeit gelangte. Darin werden sieben Tabuthemen angegeben, die in den Medien nicht länger erwähnt werden dürfen. Darunter Konstitutionalismus, Meinungsfreiheit und Gewaltenteilung. "Das war zwar nicht grundsätzlich neu, aber so systematisch und klar formuliert gab es das bisher nicht", sagt Shi-Kupfer.

Mithilfe des Dokuments Nummer 9 begannen die Propaganda- und Sicherheitsbehörden systematisch einzelne Gesellschaftsgruppen unter Druck zu setzen. Anfangs vor allem Blogger, Rechtsanwälte und Journalisten. Seit Ende 2014 auch Wissenschaftler, die beispielsweise als "Brückenköpfe des Westens" und "Menschen, die einer westlichen Infiltration den Weg bereiten" bezeichnet werden. Der Regierung geht es aber vor allem um Worte wie Meinungsfreiheit, universelle Werte, Gewaltenteilung. Seit jeher sind das sensible Begriffe für das autoritäre System.

In den vergangenen Jahren sind diese im Internet immer stärker zensiert worden. Unis, als ein Ort, von dem 1989 die Demonstrationen auf dem Platz des Himmlischen Friedens ausgegangen sind, sind für die autoritäre Regierung besonders gefährlich. Viele Wissenschaftler und Dozenten haben im Ausland studiert. Allein in Deutschland lernen zurzeit 23.000 chinesische Studenten. Universelle Werte sind für sie keine Fremdwörter mehr. In den vergangenen Jahren hat sich so eine Leerstelle entwickelt. Eine Diskrepanz zwischen dem, für das die Kommunistische Partei steht und der Realität, die für junge Menschen in China, nicht zuletzt durch das Internet offensichtlich geworden ist. Für Shi-Kupfer sind die Entwicklungen deshalb auch ein Versuch zu zeigen: Die Kommunistische Partei ist mehr als eine leere Hülle.

Die Situation an den Universitäten in China ist derzeit unterschiedlich. Viele Professoren fühlten sich an die Kulturrevolution erinnert, sagt Shi-Kupfer. Mao Zedong hatte das Land Mitte der 1960er Jahre zehn Jahre mit ideologischen Kampagnen ins Chaos gestürzt. Universitäten wurden damals geschlossen. Derzeit sollen viele Professoren die Anweisungen noch ignorieren. An einer Universität sollen Studenten aber ihre Bücher von ausländischen Autoren abgegeben haben. Nach Angaben einer Regierungswebsite schickte das chinesische Bildungsministerium kürzlich Fragebogen an Hochschulen. Darin sollen sie Auskunft über ihren Bücherbestand und den Einsatz ausländischer Werke im Unterricht geben. Betroffen sind Hochschulen aus Peking und mindestens sieben anderen Provinzen.