Nachdem Jackie ihre Geschichte der Reporterin Sabrina Erdely vom Magazin Rolling Stone erzählt hatte, zitterte Erdely. Und sie wusste: Dies könnte ein dramatischer Fall sein, um zu zeigen, wie schlimm das Problem von sexueller Gewalt an Unis ist und wie diese Unis damit umgehen.

Jackie hatte ihr erzählt, wie sie auf einer Verbindungsparty von sieben Männern vergewaltigt worden sei. Drei Stunden lang. Der siebte bekam keinen hoch, die anderen reichten ihm eine Bierflasche, die er Jackie gewaltsam einführte, heißt es im Artikel.

Fünf Monate später ist klar: Der Vorfall hat so nie stattgefunden. Erste Zweifel wurden schon kurz nach der Veröffentlichung bekannt, in dieser Woche nun erschien ein Report, der aufzeigt, welche journalistischen Fehler die Reporterin machte. Und das waren einige. So verließ sie sich auf ihre einzige Quelle: Jackie. Mit etwas Recherche hätte sie zum Beispiel herausgefunden, dass es an besagtem Tag gar keine Party der namentlich genannten Verbindung gab. 

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht

Nun hat Jackie ein Problem. Nun hat das Magazin ein Problem. Was in der Debatte aber leicht vergessen wird: Nun haben vor allem die Opfer sexueller Gewalt ein Problem, und zwar, wenn von einem Einzelfall auf alle geschlossen wird: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht.  

Der Rolling Stone schreibt in seiner Stellungnahme: "Sexueller Missbrauch ist ein ernstes Problem an Unis und es ist wichtig, dass Opfer von Vergewaltigungen sich trauen, an die Öffentlichkeit zu treten. Es macht uns traurig, dass unser Versagen sie davon abhalten könnte." Selbst die betroffene Studentenverbindung sprach das Problem an: "Diese falschen Anschuldigungen waren extrem schädlich für unsere ganze Organisation, aber wir können nur versuchen, uns vorzustellen, wie weit das die Opfer von sexueller Gewalt zurückwirft."

Die Opfer kämpfen seit Jahren dafür, dass das Missbrauchsproblem am Campus endlich wahrgenommen wird. Viele Unis nahmen die Fälle lange nicht ernst oder zogen keine Konsequenzen. Dazu kommt, dass einige Opfer unter Drogen gesetzt wurden und so ein Missbrauch schwer zu beweisen ist. US-Präsident Barack Obama hatte deshalb im Januar eine Task Force eingerichtet. Seitdem kommen immer mehr Fälle an die Öffentlichkeit, an den Unis entsteht ein Bewusstsein für das Problem. Und auch die Politik reagiert. In Kalifornien wurde zum Beispiel ein Gesetz erlassen, das sich speziell auf Universitäten bezieht und neu definiert, was als Vergewaltigung gilt. Nun müssen Frauen (und auch Männer) ihr klares Einverständnis zum Sex gegeben haben.     

Skeptikern geht das zu weit. Sie fürchten um die Rechte Beschuldigter, die plötzlich nachweisen müssen, dass der Geschlechtsverkehr einvernehmlich war, und sie fürchten um die Zukunft der Studentenverbindungen, deren Partys oftmals als Tatort gelten. Das Problem werde aufgebauscht. Anwälte erzählen, sie würden männlichen Studenten raten, lieber keinen Sex auf dem Campus zu haben, wenn sie ihre Karriere nicht gefährden wollten.