Sie ist Anfang 30, hat keinen Abschluss, keinen Job. Eine Jura-Studentin erzählt vom Scheitern im Staatsexamen, dem Druck und den Drogen der anderen.

In dieser Woche beschäftigen wir uns in einem Schwerpunkt mit der Frage, ob das Jura-Studium reformiert werden muss.  Lesen Sie hier ein Plädoyer gegen das Jura-Examen und im Folgenden die Geschichte einer Studentin, die das Erste Staatsexamen nicht schaffte. Sie bleibt anonym, ihr Name ist der Redaktion bekannt:

Ich hatte bereits meinen ersten Versuch zur Prüfung des Ersten Staatsexamens nicht bestanden. Das hier war die letzte Möglichkeit, mein Jurastudium erfolgreich zu beenden. Das ganze vergangene Jahr hatte ich auf diesen Moment hingearbeitet. Eine Freundin fuhr mich zum Ministerium. Mir war so schlecht, dass ich mich nicht selbst ans Steuer setzen konnte. Bevor ich den Prüfungssaal betrat, bog ich links ab und verschwand in der Toilette. Die Geräusche neben mir waren eindeutig: Ich war nicht die Einzige, die sich übergeben musste.

Schon als Kind wollte ich Anwältin werden und so begann ich, Jura zu studieren. In der Anfangsphase des Studiums halfen Tutoren, Fachschaften und Dozenten aus, wenn es einmal Probleme geben sollte. Ab dem Grundstudium war man aber zunehmend auf sich allein gestellt. Schon zu dem Zeitpunkt hatte ich Schwierigkeiten, mit dem Stoff mitzukommen. Den Freischuss habe ich verstreichen lassen, um nochmal mehr für die Prüfungen lernen zu können. Meine Freunde und ich haben uns durchgekämpft, den universitären Schwerpunktbereich bestanden und uns für den ersten Versuch des Staatsexamens angemeldet.

Ein Dreivierteljahr vor der Prüfung schloss ich mich von der Gesellschaft aus. In Repetitorien und zu Hause habe ich jeden Tag gelernt, war wie im Tunnel, an dessen Ende die Prüfung immer näher kam. Als ich die Klausuren geschrieben hatte, hing ich in der Luft. Auf einmal war alles vorbei und mir blieb nichts anderes übrig, als zu warten. Vier bis fünf Monate dauert es in der Regel, bis die Ergebnisse verschickt werden. Mein Ergebnis war negativ.

Bevor mich diese Nachricht erreichte, wurde ich schwer krank, was aber nicht mit meinem Studium zusammenhing. Ich hatte mir eine Infektion im Innenohr eingefangen. Ich konnte mein Gleichgewicht nicht mehr halten, auf einmal nicht mehr laufen, und jegliche äußeren Reize lösten Schwindel und Erbrechen aus. Gut zwei Jahre lang lag ich im Krankenhaus. Währenddessen habe ich mir auch noch einen seltenen Knochenbruch zugezogen. Spezialisten mussten gesucht werden, die mich acht Stunden lang am offenen Schädel operierten.

Die letzte Chance

Nachdem ich nach Hause zurückgekehrt war und meine Rehabilitation Fortschritte gemacht hatte, fing ich an, für den zweiten Versuch zu lernen. Das ist der letzte Versuch. Wer den nicht besteht, hat endgültig nicht bestanden – und damit außer dem Abitur keinen berufsqualifizierenden Abschluss.

Ich meldete mich wie schon vorm ersten Versuch zu Repetitorien an. Als ich meine Lerngruppe sah, war ich überrascht. Da waren Leute, die ich noch aus meinem Jahrgang kannte, die immer noch nicht fertig waren – obwohl ich drei Jahre lang zwangsweise aussetzen musste. Die meisten schoben schon seit Jahren ihre Prüfungen vor sich her, aus Panik, den Versuch nicht zu bestehen und endgültig aus dem System zu fallen. Denn im Grunde hat man ja für seinen zweiten Versuch das ganze Leben Zeit. So waren wir eine illustre Runde von Leuten, die alle eigentlich schon seit Jahren fertig sein sollten.

Drei Mal die Woche saß ich beim Repetitor. Den Rest der Zeit lernte ich zu Hause, von morgens bis abends. Außerdem besuchte ich Crashkurse zu bestimmten Themen, die mir nicht so gut lagen. Ich wollte gar keine besonders gute Leistung erzielen, so ein Prädikatsexamen ist sowieso utopisch. Mein einziges Ziel war, die Prüfung zu bestehen. Ich war ungeduldig, die ganze Zeit: Statt dreißig Minuten habe ich lieber nur fünfzehn zu Mittag gegessen, im Supermarkt konnte ich verrückt werden, wenn sich die Schlange vor der Kasse nicht bewegte, und wenn ich mir im Eiscafé doch einmal ein Eis gönnte, dachte ich die ganze Zeit daran, was ich in der Zeit alles zum Verwaltungsrecht lernen könnte.

Die Drogen der anderen

Ich kann verstehen, warum damals so viele Kommilitonen unerlaubte Substanzen genommen haben. Ritalin zum Beispiel, andere haben gekokst. Schon im Hauptstudium und nicht nur auf den Partys wurden die Tabletten wie Smarties verteilt. Das war ein offenes Geheimnis, teilweise wurde über die Pillen geredet, als wären sie Aspirin. Die Leute sagten, man müsse das nehmen, sonst schaffe man die Klausuren nicht. Eine Freundin von mir hat damit einmal angefangen. Ich habe es trotzdem nicht gemacht. Nie hätte ich meine Gesundheit für mein Staatsexamen aufs Spiel setzen wollen. Auch wenn ich die anderen verstehen kann, ich halte es dennoch für Betrug, die Prüfungen nur mithilfe von Substanzen zu bestehen.

Je näher der zweite Versuch des Staatsexamens rückte, desto größer wurde der Druck. Da sagt der eine Übungsleiter, man müsse noch dieses Urteil kennen, das sei wichtig. Der andere empfiehlt einem, sich noch mal intensiv mit jenem Paragrafen auseinanderzusetzen. Der Stoff wurde mehr statt weniger. Dazu kommt, dass nicht nur ich selbst, sondern auch meine Professoren und mein Repetitor mir immer wieder in Erinnerung riefen, dass es hier um die alles entscheidende Prüfung geht. Die letzte Chance. Danach ist es vorbei. Ich war ein Wrack.