BWL oder Computerwissenschaften. Mozemel Aman zögert noch, was er ab Oktober studieren soll. Wo, das weiß er schon: An der Berliner Kiron University. Der 19-Jährige hat keine Wahl. An staatlichen Hochschulen kann er sich nicht einschreiben, weil seine Deutschkenntnisse nicht ausreichen. Dazu kommt sein afghanischer Schulabschluss, der dem deutschen Abitur nicht gleichgestellt ist.  

Um studieren zu dürfen, müsste Aman ein Jahr lang ein Studienkolleg besuchen. Dort wiederum werden Sprachkenntnisse vorausgesetzt. "Selbst wenn ich richtig schnell Deutsch lerne und gleich einen Platz in einem Studienkolleg bekäme, bräuchte ich mindestens zwei Jahre." 

Flüchtlinge, die in Deutschland studieren wollen, müssen ihre Identität, ausreichende Deutschkenntnisse, einen Schulabschluss in ihrem Herkunftsland, sowie eine vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) geprüfte Schutzwürdigkeit nachweisen. Zwar dürfen Asylsuchende in einigen Bundesländern mittlerweile als Gasthörer an Seminaren und Vorlesungen teilnehmen, für ein reguläres Hochschulstudium mit Abschluss müssen sie aber nach wie vor alle geforderten Unterlagen vorlegen. Das dauert oft mehrere Jahre, weil bestimmte Dokumente aus Kriegs- und Krisengebieten der Welt schwer zu besorgen sind. Auch Studieninteressierte wie Aman, die in Deutschland bereits als schutzwürdig anerkannt sind, haben deshalb kaum Aussicht auf einen baldigen Studienplatz. 

"Die Warterei ist völlig unnötig", sagt Markus Kressler, einer der beiden Gründer der Kiron-Universität. Warum sollten Flüchtlinge, die sich bilden wollen, dies nicht sofort tun? Die "sinnlose Warteschleife" will Kresslers Hochschule durch eine simple Regelung umgehen: Kiron-Studenten haben zwei Jahre Zeit, sämtliche Unterlagen nachzureichen. Zur Immatrikulation benötigen sie nicht einmal einen Ausweis. "Wer nach Deutschland geflüchtet ist, kann sich bei uns einschreiben", verspricht Kressler. Bislang haben sich mehr als 15.000 Menschen bei Kressler und seinem Team beworben. Ein Großteil von ihnen stammt aus Syrien. 

Im Oktober startet die Universität mit 1.000 Erstsemestern. Es ist ein bildungspolitisches Experiment. Besteht Kresslers Pionier-Jahrgang den Praxistest, könnte das Modell Kiron Tausenden Asylsuchenden blitzschnell den Zugang zu Bildung verschaffen. Über die evangelische Kirche und Nichtregierungsorganisationen könnte die Kiron-Uni in einer Woche "locker" 100.000 Studenten akquirieren, behauptet Kressler.  

Und diese sollen dann einen staatlich anerkannten Abschluss erhalten können. Dafür gibt es zwei Phasen im Studium: Erst Onlinekurse, dann Campus-Feeling. Die Kiron-Studenten beginnen mit einem Studium Generale und wählen danach eine Fachrichtung. Bisher gibt es fünf Studiengänge, alle auf Englisch: Computerwissenschaften, Ingenieurwissenschaften, Wirtschaftswissenschaften, Architektur und Intercultural Studies. Die Onlinekurse, sogenannte Massive Open Online Courses (Moocs), belegen die Studenten bei internationalen Plattformen wie edx, coursera, iversity oder dem Anbieter des Potsdamer Hasso Plattner Instituts, openHPI. 

Bestehen die Studierenden alle Kurse und sammeln genügend Leistungspunkte, wechseln sie nach zwei Jahren auf eine der 15 deutschen und ausländischen Universitäten, die bereits ihre Kooperation zugesichert haben. Darunter die Universität Heilbronn oder die University of Westafrica*. Die Partner-Universitäten rechnen die Onlinekurse an und verleihen den Kiron-Studenten später den Abschluss. Das ist auch in ihrem Interesse. Deutsche Unis haben hohe Abbruchquoten, vor allem bis zum dritten Jahr. Die Unis könnten mit den Flüchtlingen freie Plätze auffüllen. Mehr Studierende und mehr Absolventen bedeuten zumindest für deutsche Hochschulen aber auch: mehr Geld aus dem jeweiligen Landesministerium.  

Auch für die Kiron-Universität ist die Kooperation von Vorteil. Sie kann Hochschul-Abschlüsse anbieten, obwohl sie selber keine Titel verleihen darf, da sie nicht staatlich anerkannt ist. Das Problem: Der Uni fehlt eine finanzielle Absicherung. Ein Student kostet die Kiron University rund 400 Euro im Jahr – inklusive Prüfungsgebühren für Onlinekurse, Bibliothekennutzung sowie ein gebrauchter Laptop mit Wlan-Stick. So sollen Flüchtlinge, die keinen Computer besitzen, an den Onlinekursen teilnehmen können. Auch dann, wenn sie in ihrer Unterkunft keinen Internetzugang haben.  

Die Kosten für den ersten Studien-Jahrgang soll eine Crowdfunding-Kampagne reinholen. Das Ziel: 1,2 Millionen Euro. Mittelfristig soll dafür aber der Staat aufkommen. "Wenn die Regierung erst merkt, wie günstig wir Flüchtlingen ein Studium ermöglichen können, wird er uns schon unterstützen", sagt Kressler. 

"Gebildete Einwanderer sind auch für Deutschland gut", sagt Kiron-Student Mozemel Aman. "Wir wollen dem Land schließlich etwas zurückgeben."     

*Anmerkung 22. September: In einer ursprünglichen Version wurde die Macromedia Hochschule als Partner für staatlich anerkannte Abschlüsse genannt. Die Hochschule gibt an, sich vielmehr zum Beispiel in der Durchführung gemeinsamer Veranstaltungen zu engagieren.