Lieber Papa, dein Geld zahlt meine Selbstverwirklichung. Ich verprasse es an der Biomarktkasse, drohe im Studium zu scheitern. Du hast Verständnis. Ein Liebesbrief

Lieber Papa,

Du sagst nicht, dass ich undankbar bin. Du hast Verständnis ­– Verständnis dass ich versuche, mich mit dem ersten und nun mit dem zweiten Studium selbst zu verwirklichen. Schon früh ist der Wunsch gekeimt, etwas Sinnvolles zu tun, etwas Kreatives. Erst Fotodesign, dann Dokumentarfilmregie. Studiengänge, die bei vielen Menschen Begeisterung und einigen anderen Kopfschütteln hervorrufen.

Zeit, ehrlich zu sein: Ich verbrenne dein Geld für mein Burn-out. Erst war da dieses Gefühl: niemals Faul sein. Ich habe mich in wenig Schlaf und viele Projekte gestürzt. Nur wer viel gibt, aus dem wird etwas. Ich habe mich irgendwann selber überholt.

Studium ist für mich vor allem der Erkenntnisgewinn über Leben und Lebensumstände. Ich bin so beglückt gewesen, diese Freiheiten zu haben – und jetzt ist es so, dass ich bei der Bitte um mehr Geld in Weinattacken vor dem Laptop zusammenklappe. Ich komm' mir vor wie ein asoziales undankbares Stück. Während du mit Anstrengung in deinen Job gehst, schaffe ich es nach zehn Stunden Schlaf immer noch nicht aufzustehen. Das Monster heißt Erschöpfung und ich kämme ihm jeden Morgen die Haare. Ich wünschte, ich könnte eine andere Studentin und eine andere Tochter sein.

Ich bin mit dem Studium älter und alles um mich herum auch irgendwie teurer geworden. Während andere schon seit Jahren auf eigenen Beinen stehen, hangle ich mich von Nebenjob zu Nebenjob. Ich kann nur für die Miete sorgen, der Rest kommt von Dir.

Gefühlt lasse ich Deinen Stundenlohn an der Bio-Supermarktkasse. Ich versuche gesund, ökologisch und fair einzukaufen. Ich muss nicht für eine Familie sorgen. Ich will ein guter Bürger sein, ein fairer Mensch, habe eine angelesene Ahnung von den Produktionsbedingungen unserer Lebensmittel. Egal was ich tue, es bleibt ein schlechtes Gewissen.

Du hast mich in den vergangenen Jahren nicht oft gesehen. Ich habe aber immer zu den Ausstellungen und Filmvorführungen geladen. Wollte ich mich feiern? Nein, ich hab mir einen Druck gemacht, der nie von deiner Seite kam. Ich wollte beweisen, dass das alles schon gut und all die Arbeit wertvoll ist. Weißt du was? Das tut mir leid.

Du hast nicht gefragt was ich denn dann später mal arbeite. Stattdessen habe ich mich das selber in deiner Anwesenheit gefragt und versucht Antworten zu geben, du hast zugehört und mir gesagt, ich sei immer für Überraschungen gut. Du freust Dich, dass ich etwas mache, womit Du nie Kontakt hattest. Dein Lachen ist mir in Erinnerung. Ich glaube, du hast dich gefreut und ich hatte Sorge, dass ich immer nur eine Überraschung bleibe. Die Frau aus der Torte, und was wenn die Party vorbei ist?

Das Konzept "Studieren" bedeutet für Studenten auch, anzunehmen, dass man Hilfe benötigt. Wir brauchen Unterstützung. Nach dem Studium geben wir das dann zurück. Hier klappe ich das Bilderbuch zu. Was wenn ich mit dem scheitere, was ich da tue? Gerade kann ich mir nur versprechen, vor dem Schlafengehen die Zähne zu putzen.

Dies ist nun ein umständlicher Liebesbrief. Danke für all deine Unterstützung, auch wenn ich mich wegen und mit dem Studium an die Wand gefahren habe. Durch das Studium erst zu lernen geliebt zu sein, mit 27, nie zu spät.

In Liebe, deine Tochter

Dieser Text ist Teil der Serie "Studenten und Eltern". Uns interessiert: Wie erleben unsere Leser ihren Auszug beziehungsweise den ihrer Kinder, wie die Zeit während des Studiums? Welche Probleme gibt es, welche schönen Erlebnisse? Schicken Sie uns Ihre Geschichten an leser-studium@zeit.de. Die besten Einsendungen werden als Leserartikel Teil dieser Serie.