Alles angepasste Langweiler, diese BWLer. Unser Autor träumte vom Intellektuellendasein – und studierte Geschichte. Kurz vor Studienende möchte er sich entschuldigen.

Liebe BWL-Studenten, zuallererst: fettes Sorry. Als ihr mir von euren Plänen nach dem Abi erzählt habt, dachte ich: BWL, das ist was für Langweiler, Angepasste und alle, denen nix Besseres einfällt. Ich rauchte selbst gedrehte Zigaretten auf illegalen Partys. Mein Studium sollte meinen unangepassten Charakter unterstreichen und den Grundstein für mein zukünftiges Intellektuellendasein legen. Also studierte ich Geschichte.

Ich sah mich in meiner hellen Altbauwohnung sitzen, besser ausgestattet als ein Manufactum-Katalog, die Feuilletonseiten der großen Onlinemedien routiniert durchklickend, der schaumig aufgeschlagene Cappuccino nur einen Handgriff entfernt. Jetzt, nach vier Jahren Bachelorstudium (hey, ein Jahr Erasmus wird ja wohl erlaubt sein!), wäre mein Traum wahr geworden – hätte ich mal BWL studiert.

Für Historiker sieht es auf dem Arbeitsmarkt nämlich schlecht aus, Archivare und Kuratoren haben eine verdammt lange Lebenserwartung. Wollte ich aber sowieso nicht werden. Sondern Journalist. Dazu die Bundesarbeitsagentur: "Da die sprach- und kulturwissenschaftlichen Studiengänge sehr beliebt sind, könnte perspektivisch die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt noch anwachsen." Danke dafür.

Das nächste Motivationsschreiben

Handel, Vertrieb, Logistik, klar, das klingt nicht halb so gut wie Foucault, Bourdieu und Habermas. Betriebswirtschaft wird nicht als Suhrkamp-Taschenbuch verlegt – aber sie bezahlt den studentischen Altbautraum. Im Café sehe ich euch vor mir in der Schlange und beneide eure eng sitzenden Anzüge, während ihr von euren Projekten und der ersten eigenen Wohnung erzählt. Ich gehe wieder nach Hause und tippe das nächste Motivationsschreiben. Hätte ich mal BWL studiert.

Dann müsste ich jetzt nicht als Praktikant durch deutsche Redaktionen touren und das Geld meiner Eltern ausgeben. Ich würde, wie ihr, Cashflows diskontieren und Unternehmen an die Börse bringen. Dafür kann ich Geschichte als Prozess begreifen und diskursanalytisch durchschauen. Sehr intellektuell alles.

Aber mein unangepasstes Image hat gelitten. Ich rauche nicht mehr und gehe gern früh ins Bett. Ich stecke das Hemd in die Hose und liebäugele mit einem Paar Bootsschuhe. Ich habe sogar einen Bausparvertrag. Ich fürchte, ich bin erwachsen geworden.

Oder ist das nur die Scheißangst, die ich seit dem ersten Semester mit mir herumtrage? Die dafür sorgt, dass ich mir immer wieder die gleichen Fragen stelle: Bin ich gut genug? Merkt denn keiner, was für ein Hochstapler ich bin? Sie kommen immer wieder, wenn es um die großen Dinge geht: Hoffentlich klappt es mit dem nächsten Praktikum. Will ich wirklich noch mal umziehen? Jetzt noch die Bachelorarbeit. Und dann? Der Sprung ins Erwerbsleben. Hätte ich mal BWL studiert.

Was will ich eigentlich?

Ihr BWLer sitzt jetzt in meinem Altbautraum mit meinem Cappuccino in der Hand. Ihr habt immer volle Kraft voraus studiert. Ich habe mich treiben lassen. Ich habe in Frankreich gelebt und mich an der autoritären Uni dort wie ein Depp behandeln lassen. Bin vier Mal umgezogen, habe mich in WGs als Diplomat bewährt und beim Alleinwohnen putzen gelernt. Bei der Unizeitung saß ich nächtelang in der Redaktion. Ach, studiert habe ich nebenbei auch noch.

Vielleicht habe ich gar nicht das Falsche studiert, sondern den falschen Traum gehabt. Und die richtigen Fragen gestellt. Nicht: Was sollte ich machen? Sondern: Was will ich eigentlich? 9-to-5 und Altbautraum? Nee. Ich will als Reporter dahin reisen, wo die Geschichten passieren – und nicht mit Cappuccino in der Hand davon lesen. Ich will mich fremd und verloren fühlen, und daran wachsen. Zur Not den Bausparvertrag eincashen. Oder einfach pleite sein.