WGs sind im besten Fall wie eine Familie. Doch wenn auf jedes freie Zimmer Dutzende Bewerber kommen, können sich Bietende fast alles erlauben. Besuch beim Speedcasting

Steffi ist der erste Gast. Sie setzt sich erst mal. "Hier muss ich mich ja wohl nicht mehr wegbewegen. Die Leute kommen bestimmt zu mir", sagt sie. Und sie hat recht. Steffi wird heute zu den begehrtesten Personen des Abends zählen, denn Steffi hat ein Zimmer. Es ist 16 Quadratmeter groß und kostet 365 Euro.

Immer mal wieder organisiert das WG-Suchportal Dreamflat ein Speedcasting in Berlin. An diesem Abend können Suchende und Bietende sich in lockerer Bar-Atmosphäre kennenlernen. Von den rund 50 Anwesenden bieten nur fünf ein Zimmer an. Alle anderen suchen.

Das Zusammenleben von mehreren Menschen in einer Wohngemeinschaft galt lange als günstige und attraktive Art des Wohnens, vor allem für Studenten. Man teilt sich die Kosten für Küche, Bad, Internet und Strom – und irgendwann die intimsten Momente.

Der Mitbewohner ist da, während sich vor lauter Liebeskummer eine ganze Flasche Fusel leert. Er ist schuld, wenn die Milch leer ist und wieder mal kein Klopapier im Haus. Und es gibt ganz bestimmt einen Zusammenhang zwischen Mitbewohnern und der nicht zu Ende geschriebenen Hausarbeit. Es ist so viel schöner, einen Kaffee zusammen zu trinken. Und dann noch einen. Und dabei den Ausbau der Küche zu planen, der sowieso nie umgesetzt wird. Eine Wohngemeinschaft kann sein wie eine Familie, bei der man sich die Mitglieder zwar meist aussuchen kann, aber was lässt sich nach einem ersten Treffen schon über einen Menschen sagen?

Wie ist er morgens drauf? Flutet er beim Duschen das Bad? Und wer sind die komischen Menschen, die er in die gemeinsame Küche einlädt? Die Kunst in einer WG ist es aber, die gegenseitigen Macken auszuhalten, sich ein wenig anzupassen und auch mal die Meinung zu sagen. Und das alles in der richtigen Dosis. Das erfordert etwas Bereitschaft zum Zusammenhalt, Solidarität eben. Diese Solidarität droht derzeit zu kippen, weil die Nachfrage so groß und das Angebot so klein ist.

In der Bar in Friedrichshain sitzt Valerie etwas abseits. Sie kommt aus Kiew. Währenddessen ist Steffi umringt von drei jungen Männern und einer Frau. Alle sind interessiert an Steffis Hobbys und unterstreichen intensiv, was für einen unkomplizierten und ordentlichen Mitbewohner sie abgeben. Alle wollen ihr Zimmer.

Valerie hat eigentlich keine Lust, mit den anderen um Steffi und ihr Zimmer zu buhlen. Sie hat in den vergangenen neun Monaten viermal die Wohnung gewechselt. Jetzt ist sie hier, weil sie wieder raus muss. Ständig wohnt sie nur zur Zwischenmiete.

Wenn sie sich vornimmt, eine Wohnung zu suchen, stellt sie sich alle 15 Minuten den Handywecker. Dann aktualisiert sie jedes Mal die Seite und hofft, die Erste zu sein, die auf neue Angebote reagiert. Meist antworten nur ältere Menschen, oder solche, die ein Foto von ihr verlangen.

Die meisten Wohnungssuchenden an diesem Abend kommen aus dem Ausland, aus England, der Ukraine, Spanien, Indien, Frankreich, Indonesien. Auf eine englische Mail kommt noch seltener eine Antwort als auf deutsche, sagen einige von ihnen. Einer, der ein Zimmer anbietet, bestätigt das. Es sei halt einfacher, Deutsch zu sprechen. Dieser Abend ist ihre Chance, mit Sympathie und gleichen Interessen die sprachliche Hürde auszugleichen.