Hört endlich auf, unsere Generation als unpolitisch zu beschimpfen! Wir helfen Flüchtlingen, weil das selbstverständlich ist. Und wir werden dieses Land verändern.

Bis vor Kurzem haben wir selbst geglaubt, dass wir so unpolitisch sind, wie ihr uns immer vorgeworfen habt."Ich muss ehrlich sagen, dass ich mich ein wenig für mich selbst schäme. Wie ich immer groß getönt habe, dass ich ja sozial bin. Aber wenn es dann hart auf hart kommt, bin ich auch nur ein Instagram-Girl mit Cappuccino in der Hand", bloggt die 20-jährige Sahra, die in Berlin an der Universität der Künste studiert. Aber jetzt ist Flüchtlingskrise.

Sahra ist der Prototyp der Generation, über die ihr Soziologen, Professoren, Bildungsminister, Eltern und Spiegel-Titelgeschichten-Schreiber so gerne urteilt. Unsere Generation, meine Generation, ist angeblich unpolitisch, egoistisch, narzisstisch. Wir interessieren uns nur für uns und das iPhone. Generation Y. Generation Egotaktiker. Generation Weichei.

Forscher der Uni Konstanz stellen ganz wissenschaftlich einen "Tiefstand in der Wichtigkeit des Politischen für Studierende" fest. Bildungsministerin Johanna Wanka macht sich Sorgen: "Gerade zum 25. Jahrestag des Mauerfalls möchte man eindringlich an die junge Generation appellieren, die politische Freiheit in unserem Land zu nutzen und gerade auch für die Belange von Studenten aktiv zu werden." Und Dozentin Christiane Florin lamentiert in einem Buch: "Niemand lobt in einem politikwissenschaftlichen Seminar flammend das Grundgesetz, niemand schimpft auf das ‘Schweinesystem’, niemand schwärmt für Hans Magnus Enzensbergers medienwissenschaftliche Essays oder wenigstens für einen aus Funk und Fernsehen bekannten Parteienforscher."

Gerade ist die Shell-Jugendstudie drauf gekommen, dass es so schlimm nun auch wieder nicht ist. Eine "Trendwende beim politischen Interesse" hat sie ausgemacht. Doch die nächste Statistik, in der dieses politische Interesse meiner Generation wieder um ein paar Prozentpunkte sinkt, das nächste Sachbuch, das mit dem Wort Generation beginnt, das nächste Interview mit einem Jugendforscher, all das kommt bestimmt.

Der Fehler liegt darin, dass ihr unser Politischsein nicht versteht. Es lässt sich nicht in Prozentpunkten vermessen. Ihr definiert, was politisch überhaupt ist. Ich soll in Umfragen ankreuzen: Ich interessiere mich stark für Politik. Soll ich auch freitags zum Stammtisch und sonntags zur Demo? Oder Parteimitglied werden? Das ist nicht unserer Verständnis.

Hashtaggen von dort, wo die Flüchtlinge sind

Schaut doch mal genauer hin. Sahra, das Instagram-Girl, bloggt nicht mehr. Keine Zeit. Seit Wochen läuft sie zum Lageso, dem Berliner Amt vor dem Flüchtlinge campieren und kollabieren. Hier helfen Studenten, Berufstätige und Rentner, die Zustände ein bisschen erträglicher zu machen. Eine zweite junge Frau sitzt zu Hause am Laptop und schickt Sahra SMS mit Adressen von Menschen, die sich bereit erklärt haben, jemanden für die Nacht aufzunehmen. Sahra koordiniert private Notunterkünfte für Flüchtlinge vor Ort, nächtelang, ohne eine Hilfsorganisation im Rücken; und ja, manchmal macht sie dabei auch ein Selfie.

Ihr lächelt müde? Eine nette Helden-Geschichte, ein Einzelfall; der Rest twittert höchstens ein bisschen #refugeeswelcome aus seiner Altbauwohnung. Ihr wollt nicht glauben, dass es viele von uns gibt, die nicht an sich, sondern an andere denken. Die sich über iPhones für alle noch mehr freuen würden als über ihr eigenes.

Also schaut nochmal genauer hin. Auf all die, in deren Altbauwohnungen Flüchtlinge schlafen. Auf die, die hashtaggen, aber von unterwegs, von den Hauptbahnhöfen, an denen die Flüchtlinge ankommen, vom Lageso, von der Anti-Nazi-Demo, von der Lan-Party, an deren Wand ein Plakat mit Strichlisten hängt. Bevor nicht jeder zehn Facebook-Nazis bei der Polizei angezeigt hat, geht’s nicht in den Club. Vielleicht sind wir keine ganze Generation, die plötzlich politisch ist, aber wir sind genug.