Ewa hat gerade keine Lust auf neue Leute, Johanna konnte mit alten Bekannten nicht über ihre Homosexualität sprechen. Fünf Geschichten über Freunde in der Ferne

Wer fürs Studium umzieht oder ein Semester ins Ausland geht, lässt oft Freunde in der Ferne zurück. Das kann schmerzhaft, aufregend oder befreiend sein:

Nur zwei alte Freundinnen wissen, dass ich lesbisch bin

Seitdem ich in Berlin wohne, habe ich kaum noch Kontakt zu meinen Freunden von früher. Das war eine bewusste Entscheidung. Ich wollte mich in einer fremden Stadt, in der mich keiner kennt, neu definieren. Meinen Bachelor habe ich in Mainz gemacht. Aber die Stadt wurde mir zu klein. Es fiel mir schwer, einen guten Zeitpunkt zu finden, zu dem ich Bekannten und Freunden erzähle, dass ich lesbisch bin. Erst einmal wollte ich die Leute kennenlernen, um zu vermeiden, nur als Lesbe definiert zu werden. Kam die Frage auf, ob ich einen Freund habe, meinte ich oft nur: Nein. Nichts weiter. Das war ja genau genommen auch nicht gelogen.

Dass ich eine Freundin hatte, habe ich damals betrunken auf Partys erzählt. Da war die Stimmung entspannter und ungezwungener. Manchmal kamen sehr persönliche Fragen zurück: Wann hast du das gemerkt? Aber auch: Wie haben Frauen eigentlich Sex? Du siehst ja gar nicht lesbisch aus? Das hat mich total gestört, weil es so respektlos war. Ich hatte auch Freunde, die beleidigt waren. Sie haben nicht verstanden, dass ich so lange nichts gesagt habe. Dabei ist Outing ein wahnsinnig privater Prozess und hat in diesem Moment nichts mit ihnen zu tun.

Mit Männern war es schwierig, befreundet zu sein, was ich schade fand. Wenn ich mich mit ihnen treffen wollte, dachten die natürlich gleich, das wäre ein Date. Einmal war ich mit einem Typen was trinken. Irgendwann hat der mit mir geflirtet und meine Hand genommen. Das war mir total unangenehm. Da habe ich einfach über Frauen geschwärmt, in der Hoffnung, er merkt etwas.

In dem kleinen Ort, in dem ich aufgewachsen bin, wissen nur zwei alte Freundinnen, dass ich lesbisch bin. Die anderen nicht. Zu vielen ist der Kontakt abgebrochen, weil sie weggezogen sind. Wenn wir uns mal treffen, sprechen wir über das Wetter, das Studium – unwichtiger Smalltalk eben. Wir haben uns alle zu sehr auseinandergelebt, da will ich einfach nicht über private Dinge sprechen.

Nach meinem Bachelor wollte ich unbedingt nach Berlin. Auch hier muss ich mich jedes Mal aufs Neue outen, aber mittlerweile mag ich das sogar. Ich konnte von Anfang an viel offener über meine Homosexualität reden. Die Menschen reagieren total entspannt, zucken mit der Schulter und finden es normal, dass ich lesbisch bin.

Johanna

In diesem Moment hätte ich so gerne ihre Stimme gehört

Schon Wochen vor Weihnachten habe ich die Tage gezählt, bis ich wieder nach Hause fahre. Ich war wie eines dieser Spielzeuge, die man hinten aufdrehen kann und die dann immer die gleiche Leier abspulen: Bald sehe ich meine alten Freunde wieder, bald sehe ich sie wieder.

Vor einem halben Jahr kam ganz plötzlich die Zusage für eine Doktorandenstelle in Graz. Es ging alles so schnell, ich hatte kaum Zeit, mich von allen richtig zu verabschieden. Kurz nach meinem Umzug war ich ziemlich traurig – meine liebsten Menschen waren auf einmal so weit weg. Mit Bus, Auto oder Bahn sind die nicht mal eben erreichbar. Wenn ich neue Leute kennenlerne, erzähle ich oft Anekdoten von meinen alten Freunden in Deutschland. Die anderen halten sich da eher zurück. Ich sollte langsam mal damit aufhören.

Irgendwie habe ich gerade keine Lust, neue Freunde zu suchen. Mein Herz hängt eben noch zu sehr an meinem alten Freundeskreis. An freien Wochenenden telefoniere ich mit ihnen und bin oft auf Facebook aktiv – viel öfter als früher.

Telefonfreundschaften hatte ich aber schon vor meinem Umzug. Mit zwei Freundinnen, die ich im Ausland kennengelernt habe, bin ich schon jahrelang eng befreundet – dank unserer Telefonhörer. Unsere Wohnorte haben da keine Rolle gespielt, ich kann mich immer auf sie verlassen. Wenn ich weinen muss, rufe ich oft eine von beiden an.

Vor Kurzem ging das aber nicht. Meinem Vater ging es ziemlich schlecht. Er lag im Krankenhaus. Eigentlich wollte ich mit kaum jemandem darüber reden. Eines Abends musste ich aber meine Ängste loswerden. Meine Freundin aus Göttingen ist Ärztin – mit ihr kann ich viel offener über solche Themen sprechen. Als ich versucht habe sie anzurufen, ging sie nicht dran. Ich habe ihr noch eine SMS hinterher geschickt, doch sie reagierte nicht auf meine Nachricht. Sie war total im Stress, hatte lange Schichten im Krankenhaus. Das wusste ich. In diesem Moment hätte ich so gerne ihre Stimme gehört.

Ewa Adamkiewicz

Einmal im Monat treffen wir uns auf Skype

Vor meinem Bachelor habe ich ein Jahr in Indonesien gelebt und dort an einem Schulprojekt mitgearbeitet. Mit vielen Leuten von dort bin ich bis heute noch eng befreundet. Die meisten haben allerdings keinen eigenen Laptop. Mit dem Handy zu telefonieren ist auch schwer, dafür reicht ihr Guthaben oft nicht aus. Deshalb organisieren sie größere Skype-Dates, damit ich alle einmal auf dem Bildschirm zu sehen bekomme.

Einmal im Monat treffen sie sich bei einer Freundin, die einen Laptop hat. Sie sagen mir vorher Bescheid, damit wir dann skypen können. Natürlich ist es nicht leicht, innige Gespräche mit jedem zu führen. Meist reicht es nur für ein kurzes Hallo. Will sich einer von ihnen etwas länger mit mir unterhalten, werde ich in einen anderen Raum getragen.

Beim letzten Skype-Date erzählte mir ein Freund, dass er das Auto von dem Vater eines Freundes in den Graben gefahren hat. Jetzt hat er Schulden. Aber die Verbindung war schlecht, ich habe ihn erst nicht verstanden. Dann habe ich ihn eine gefühlte Ewigkeit angestarrt, weil der Bildschirm eingefroren war. Das muss für ihn total unangenehm gewesen sein. Dabei hätte ich ihm so gerne auf die Schulter geklopft und gesagt, dass alles gut wird.

Von meinem Alltag oder Studium erzähle ich nicht viel. Keiner von ihnen war je in Deutschland. Meinen westlichen Lebensstil können sie sich nur grob über Fernsehbilder und Erzählungen vorstellen. Deshalb diskutieren wir vor allem über neue Ereignisse oder Klatsch aus Indonesien. Das ist unser gemeinsamer Lebensraum, da kennen wir uns alle aus. 

Oft mache ich mir bei den Telefonaten Notizen, damit ich beim nächsten Gespräch wieder weiß, was passiert ist. Wie läuft der Computerladen? Wie geht es der kranken Mutter? Die sind immer begeistert, wie viel ich mir merken kann.

Anna Retzer