Unser Autor hielt sich für klüger als seine Eltern. Jetzt sucht er seinen Platz: bürgerlich-konservative Eltern hier, links-rebellische Student_*-Innen da.

Seit Beginn des Studiums wähne ich mich in einem intellektuellen Höhenflug. Die Wahrheit ist allerdings: Ich bin krank geworden. Die Krankheit würde ich als akademische Hybris bezeichnen. Dass ich Hybris statt Überheblichkeit sage, ist natürlich eines der Symptome.

Es ist noch gar nicht so lange her – ein halbes Jahr ungefähr – da schrieb ich diese Zeilen, weil ich mich für klüger als meine Eltern hielt, um einiges klüger. Da war ich derjenige, der ihnen die Welt erklären musste. Ich, der angehende Intellektuelle, der Denker, Beine übereinander geschlagen, das Kinn aufgestützt. Brecht statt Bohlen.

Ich ärgerte mich, dass meine Eltern von den wirklich wichtigen Dingen im Leben – wie Helmuth Plessners exzentrischer Positionalität (um nur ein Beispiel zu nennen) – keine Ahnung hatten. Sie meinten, sie könnten das mit Lebenserfahrung kompensieren. Denn die schärfe den Blick mehr als jede Enzyklopädie oder jeder selbstverliebte Professorenmonolog. Eins vorweg: Ich bin kein Arbeiterkind und wir wohnen nicht im Plattenbau. Und ein vertrockneter, spröder Konservativer wollte ich auch nie werden.

Mittlerweile – ich lebe immer noch zu Hause – kann ich meine Eltern allerdings immer besser verstehen. Sie kennen mehr vom Schmutz des kleinbürgerlichen Alltags, den Abstiegsängsten. Sie verstehen die besorgten Bürger, über die sich vom Geld der Eltern gepuderte Studenten und Studentinnen lustig machen. Meine Eltern zeigen mir, dass Idealismus und Realität in den wenigsten Fällen zusammenpassen. Dadurch habe ich einen anderen Blick auf die Spezies der Studenten bekommen.

Als ich vor Kurzem einer Studierenden sagte, dass alle Studenten irgendwie links seien, erwiderte sie: "Wäre ja auch schlimm, wenn nicht!" Mhm, dachte ich, was sagt das über die so enorm individualistische und streitfreudige Studentenschaft aus? Die Einstimmigkeit erschreckt mich oft – in Diskussionen, die keine mehr sind. Wäre es wirklich so schlimm, wenn nicht alle Studenten irgendwie links seien? Wäre die Welt schlechter? Das studentische Gewissen zumindest schon.

Umgeben von Rotweinkommunisten

Der gemeine Student ist links. Und ethisch unfehlbar. Er schimpft über Realpolitik und jegliche Äußerungen von bayerischen Spitzenpolitikern. Er klaut heimlich Flyer mit Bundeswehrwerbung aus den Altstadt-Kneipen, um sie dann selbstgerecht zu entsorgen. Hach, Widerstand kann so einfach sein. Gerade in der Flüchtlingskrise kann der Student auftrumpfen: Er zeigt, wie tolerant er ist, gegenüber Syrern, Albanern, Irakern – gegenüber Stimmen, die zur Einwanderung Bedenken äußern, nicht.

Er zieht sich den Nike-Trainingsanzug an, um bei einem Lauf für Menschenrechte mitzumachen. Ob es politisch Verfolgte im Iran interessiert, wenn deutsche Studenten schwitzen? Ich weiß nicht. Er klickt sich auf seinem iPhone durch Online-Petitionen gegen schlechte Arbeitsbedingungen in der Dritten Welt. Er klagt über Hartz IV, Austerität und den bösen Neoliberalismus. Gleichzeitig weht der bürgerliche Habitus, der wohlriechende Atem des Mittelstandes durch die Flure der deutschen Universitäten. Die angehenden Akademiker nehmen einen tiefen Zug und freuen sich, dass moralische Hoheit und ein finanziell unbeschwertes Leben ja doch zusammenpassen.

Ich fühle mich umgeben von Rotweinkommunisten.

Irgendwer sagte mal: "Wer mit 20 nicht links ist, hat kein Herz. Wer mit 40 noch immer links ist, keinen Verstand."

Ist es so einfach? Habe ich weder Herz noch Verstand? Ich gehe zu Vorträgen über Simone de Beauvoir bei den lokalen Anarchos (spannend!). Ich unterhalte mich mit Wissenschaftlern, die aufgrund ihrer AfD-Mitgliedschaft beinah ihren Job verloren hätten (aufschlussreich!). Ich kaufe heimlich Bücher von Rudi Dutschke, Herbert Marcuse und Rosa Luxemburg (wichtig!). Aber gucke mindestens genauso heimlich Videos über ostdeutsche Frührentner, die auf Dresdener Plätzen abends die Deutschlandfahne schwingen und nicht ganz so nette Dinge über Refugees sagen (bemitleidenswert?). Und das alles nur um zu erfahren, ob ich einer bin, ein Student, ein typischer. Und? Bin ich einer?