Wir sind alle so beziehungsunfähig, weint ihr. Entspannt euch. In welchem Jahrhundert lebe ich, dass ich mich dafür rechtfertigen muss, wenn ich gerade alleine bin?

26 Jahre. 40 Quadratmeter, Küche, Bad. Kein Ehemann. Keine Kühe. Keine Kinder. Oma und Opa waren in dem Alter echt weiter.

Hach, seufzt ihr, die Enkel. War das einfach. Früher. Ihr, meine Freunde, hasst eigentlich Sätze, die mit früher anfangen, als alles besser war. Das sagen nur alte Leute. Und es stimmt auch nicht, außer es geht um die Liebe.

Wir haben Ansprüche, die seien nicht zu erfüllen, sagt ihr, an Intellekt, Aussehen, Karriere, Witz, Körpergröße, Haarlänge, Bartwuchs, Kinderwunsch.

Immer suchen wir was Besseres, sagt ihr.

Eure Omas und Opas sind heute noch glücklich verheiratet.

Glaubt ihr! Habt ihr sie mal gefragt? Ob damals das Herz geklopft oder der Verstand genickt hat?

Ich muss nicht mehr jemanden heiraten, der seit 21 Jahren in der gleichen Straße wohnt und dessen Bruder gerade meine Cousine geschwängert hat. So was gibt's nur noch bei GZSZ.

Heute sei dafür die Auswahl zu groß. Das findet ihr schlimm. Das macht euch Angst. Niemand wolle sich mehr festlegen.

"Wahrscheinlich bin ich beziehungsunfähig", sagte einer von euch mal. Er ist seit 1,5 Jahren Single – nach sieben Jahren Beziehung.

Wer nicht in einer Beziehung ist, ist also beziehungsunfähig. Das ist die neue Regel in der Liebe. Michael Nast, der mit seinen Kolumnen über die Liebe und das Leben Millionen Leser erreicht, hat darüber ein Buch geschrieben: Generation beziehungsunfähig. Ich möchte es nicht lesen. Es macht mir Angst. Es reicht, wenn meine Freunde daraus zitieren.

Dabei weiß niemand so richtig, ob die Menschen heute glücklicher oder unglücklicher sind als früher. Und kommt mir nicht mit der hohen Zahl an Scheidungen. Wer sagt eigentlich, dass Scheidungen ein Maßstab für unglückliche Liebe sind? In diesem Früher, von dem ihr sprecht, schwieg oder schrie man sich eben 30 Jahre lang an, wenn es nicht mehr passte.

Und wer sagt, dass eine Zahl an Sexualpartnern, die eins pro Jahr übersteigt, ein Zeichen für Beziehungsunfähigkeit ist? "Nutte", sagte einmal jemand zu einem Freund.

In welchem Jahrhundert lebe ich eigentlich, dass ich mich dafür rechtfertigen muss, wenn ich gerade alleine bin? Mich ständig fragen lassen muss, ob der eine oder der andere nicht doch der Richtige ist.

"Ich weiß nicht, worüber ich mit dem reden soll."

"Aber gib ihm doch noch eine Chance."

"Warum?" 

"Vielleicht entwickelt sich ja noch was."

Nur weil jemand keine ansteckenden Krankheiten hat, muss ich ihn noch lange nicht heiraten. Warum nicht gleich eine arrangierte Ehe?

Ich möchte mir nicht vorstellen, wie Papa mir jemanden aussucht. So wie das letzte iPad für Mama: Gebraucht sollte es sein, Aussehen egal, Hauptsache Testsieger irgendwo und möglichst viele Empfehlungen aus ominösen Internetforen.

Am Ende hatte das iPad nur WLAN. Mama brauchte es vor allem auf der holländischen Landstraße. Sie hat es nie genutzt.

Meist ist es doch einfach so: Wir sind nicht verliebt. Das mag rationale Gründe haben, manchmal mag es etwas mit Ansprüchen zu tun haben, meistens ist es einfach nicht zu erklären.

Deshalb bin ich aber nicht beziehungsunfähig. Ich bin allein, weil ich's kann. Weil ich jung bin. Weil ich nicht heiraten muss, um jemand zu sein. Aber vor allem: weil ich nicht verliebt bin.

In der Schule war es auch schon so. Da wollten alle einen Freund. Man nahm, was so auf dem Schulhof rumstand, und nannte das erste große Liebe.

Es folgte Phase 2. Erstes Semester. Alle sind Single. Man lernt diesen und jenen Typen kennen. Die sagen von sich, es tue ihnen leid, aber sie seien gerade beziehungsunfähig. Deine Freundinnen sagen: "Nicht schlimm, du wolltest ja auch nichts Ernstes, oder?" Natürlich nicht. Später wird uns klar, dass schon der beziehungsunfähige Mann ein Mythos ist. Er steht einfach nicht auf dich. Und du eigentlich auch nicht auf ihn. Ist nur hart fürs Ego.

Phase 3: Studium fertig. Der Markt leert sich. Jeder Mann, jede Frau, mit der man jetzt zusammenkommt, könnte der oder die letzte sein.

Phase 4: Wieder allein. Oh mein Gott. Ich krieg' keinen ab. Wie kann das sein? Die Gesellschaft ist schuld. Wie immer.

Und natürlich Tinder.

Ihr seid 26, 29, 32. Kommt mal runter!

Klar folgt jetzt wieder ein Satz, der mit früher beginnt. Früher, ohne Tinder, als die Menschen einem noch an der Bar tief in die Augen blickten, wie schön das war.

Ist mir nie passiert. Anderen auch nicht. Ich habe nur eine Freundin, die ihren Freund so kennengelernt hat. In einer Schwulenbar in Jordanien.

Es ist ja eher so, jemand bringt jemanden mit, zur Party, zum Geburtstag, auf die Reise. Alles Zufall. Da muss man sich nichts vormachen. Kann klappen, muss aber nicht. Jetzt gibt es halt eine Option mehr, als App auf dem Smartphone.

Das ist unromantisch?

Natürlich.