Plan von der Zukunft: Christoph Lüdemann im Kreise von Einheimischen in Ruanda. © Jakob Skatulla / L'appel Deutschland

Ehrenamtliches Engagement ist bei Studenten nicht gerade im Trend, befindet der Dritte Freiwilligensurvey, eine Studie des Bundesfamilienministeriums: Engagierte sich Ende der neunziger Jahre noch fast jeder zweite Student im Alter zwischen 20 und 24 Jahren ehrenamtlich, standen 2009 nur noch vier von zehn Studenten derselben Altersgruppe im Dienst einer guten Sache. Den Grund vermuten die Autoren im verschulten Bachelor-System, das einfach zu viel Zeit fresse. Eine Schlussfolgerung, die Christoph Lüdemann ad absurdum führt: Der 29-jährige Student der Universität Witten-Herdecke hat 2013 den Verein L'appel Deutschland gegründet, der in Ruanda und Sierra Leone Hilfe zur Selbsthilfe leistet. Seitdem arbeitet Lüdemann, der für seinen Einsatz gerade vom Deutschen Hochschulverband (DHV) und vom Deutschen Studentenwerk (DSW) als "Student des Jahres" ausgezeichnet wurde, bis zu 40 Stunden pro Woche neben der Uni für den Verein. Und das, obwohl er mit Humanmedizin und Wirtschaftswissenschaften gleich zwei maximal fordernde Fächer parallel studiert. Warum soll man sich diesen Stress antun, Herr Lüdemann? "Weil man im Ehrenamt Dinge lernt, die man an keiner Uni lernt":

1. Führen lernen

"Der Verein L'appel Deutschland, den ich 2013 gegründet habe, hat mittlerweile 30 ehrenamtliche Mitarbeiter, die mit mir zusammen daran arbeiten, Projekte in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Infrastruktur in Ruanda und Sierra Leone anzustoßen. Durch die Gründung eines gemeinnützigen Vereins entwickelt man ein Verständnis für den Aufbau einer Organisation – man entwickelt Führungsqualitäten. Die Führungsrolle war für mich als Student ungewohnt. Anfangs bin ich dabei permanent an Grenzen gestoßen. Mit vielen meiner Mitarbeiter bin ich privat total gut befreundet. Trotzdem musste ich sie mit Bestimmtheit darauf hinweisen, wenn sie mal eine Deadline nicht eingehalten haben. Das Private vom Professionellen zu trennen, damit muss man erst mal klarkommen. Dafür war das Ehrenamt eine erste gute Schule."

2. Sich seines Wertes bewusst werden

"Als Ehrenamtlicher muss man vor allem eines lernen: um Geld zu bitten. Das war für mich anfangs eine große Hürde, die ersten Gespräche, in denen ich andere Menschen um Spenden für meinen Verein bitten musste, waren sehr unangenehm. Heute weiß ich, warum das so war. Ich stand zwar schon damals voll und ganz hinter L'appel Deutschland, war aber nicht selbstbewusst genug, Geld dafür aktiv einzufordern; stattdessen habe ich im Gespräch darauf gewartet, dass es mir angeboten wird. Den Fehler mache ich heute nicht mehr. Heute bin ich mir bewusster darüber, dass der Wert meines Vereins, die Investition in unsere, in meine Arbeit voll und ganz rechtfertigt."

3. Ein Netzwerk aufbauen

"L'appel Deutschland stößt immer wieder neue Projekte in armen Ländern an. Im Norden Ruandas haben wir in der Stadt Kiruhura eine Krankenstation aufgebaut, die die medizinische Versorgung der ländlichen Bevölkerung sicherstellt; in Sierra Leone soll eine Ganztagsschule entstehen, die dort nach der Ebola-Epidemie dringend notwendige Bildung ermöglicht. Als Ehrenamtlicher ist man so ständig immer wieder neu in Kontakt zu den unterschiedlichsten Menschen, die in den verschiedensten Professionen und Positionen arbeiten. Wie von selbst ergeben sich so viele nützliche Kontakte, die man am besten in einer Übersichtsliste festhält und quasi Buch darüber führt, wen man von Zeit zu Zeit mal wieder anhaut, damit der Kontakt nicht einschläft. Die Liste dient auch dazu, zu gucken, welche Kontakte man untereinander verknüpfen könnte. Vor allem muss man aber mit jedem einzelnen Kontakt richtig umgehen. Mit einem Stahlunternehmer, der mich bei einem Bauprojekt unterstützen will und der in Zahlen denkt, muss ich anders reden, als mit einem Arzt, mit dem ich mich eher ideell verbinde. Das lehrt einen kein Customer-Relationship-Seminar an der Uni."