Mein Studium begann ich kurz vor meinem 21. Geburtstag, ich hatte mich für Wirtschaftswissenschaften entschieden. "Kein Ding für den King" war mein Motto. Ich wollte endlich meine Freiheit genießen.

Aufgewachsen bin ich mit zwei Brüdern, die sehr intelligent sind und schon früh gezeigt haben, dass einmal etwas Großes aus ihnen wird. Ich war das Sandwich-Kind. Meine Mutter machte sich eigentlich nur Sorgen: "Wo warst du?", "Was hast du getan?", "Weißt du, was du studieren willst?"

Als ich in meiner ersten eigenen Wohnung ankam, war ich glücklich wie nie. Die Welt stand mir offen und ich war endlich alt genug. Ich kannte die Geschichten der anderen, die alle feiern gingen und Spaß hatten.

Selbstüberschätzung lag mir besonders zu Beginn des Studiums. Mit meinem Vorsprung würde ich alle ausstechen, ich war noch 13 Jahre zur Schule gegangen und zwei Jahre im Ausland gewesen. Da war mir nicht klar, dass die neue Generation bereits in der Schule auf Langzeitlernen gedrillt war.

Die Ernüchterung kam bereits in der ersten Klausurenphase. Als mir von meinem Professor vor Weihnachten ans Herz gelegt wurde, ich sollte doch das Fest ausfallen lassen, dazu wäre keine Zeit, habe ich nur gelacht.

Ich kannte die Sprüche meines Vaters: "Ich war nie in der Vorlesung. Total langweilig." Oder: "Wieso hast du so viele Ordner? Ich hatte im ganzen Studium nicht einen."

Pünktlich am 24. saß ich weinend unterm Weihnachtsbaum und konnte mich vor Verzweiflung nicht mehr retten. Sieben Klausuren sollte ich Anfang Februar innerhalb von einer Woche schreiben.

Die nächsten sechs Wochen verbrachte ich zu Hause, genau dort, wo ich doch so gerne ausgezogen war, und versuchte noch zu retten, was zu retten war. Von meiner Mutter kam mindestens einmal am Tag der Ausruf: "Das war’s. Ich melde dich persönlich ab, das ist doch nicht normal!" Sie entführte mich des Abends in klassische Konzerte, wo Bach und Schiller gespielt wurden, und dachte, sie täte mir einen Gefallen. Ich versicherte ihr, wie dankbar ich war, während ich im Hinterkopf nur darüber nachdachte, was ich den Tag über gelernt hatte. Ich durfte mich nicht in der Musik verlieren, sonst würde ich alles vergessen. Nachts habe ich nicht geschlafen. Ich bin meist um 23 Uhr ins Bett gegangen, habe bis acht Uhr morgens die Wand angestarrt, wiederholt, was ich am Tag gelernt hatte, und bin dann wieder aufgestanden.

Im zweiten Semester wohnte ich wieder zu Hause wegen meiner Panikattacken. Die meiste Zeit verbrachte ich mit meiner Mutter und wir taten die banalsten Dinge, wie Spiele spielen. Ab dem dritten Semester kehrte ich nur noch für die sechs Wochen vor den Klausuren zurück nach Hause. Bis dahin hatten wir ein gutes System aufgebaut. Ich fuhr morgens früh mit meiner Mutter los und half beim Einkauf, dafür setzte ich mich sofort danach ans Lernen. Wir aßen mittags und abends zusammen und machten Pläne für die Zeit nach den Klausuren. Einmal am Tag musste ich einen Ausflug nach draußen machen, um mich abzulenken.

Meine Klausurphasen habe ich tatsächlich gemeistert. Momentan mache ich meinen Abschluss. Ich gehöre zu den wenigen, die überhaupt Klausuren bestehen und das sogar im Erstversuch. Meine Noten sind unterirdisch. Wir haben im Laufe der Semester fast 1.000 Kommilitonen verloren. Ich sehe meine Freunde nie, lerne nicht mehr als ich muss, sonst weiß ich zu viel, was mich die Klausur kosten könnte. Make-up trage ich nicht mehr und aus dem eitlen Mädchen vom Anfang ist jemand geworden, der in Joggingsachen in die Uni geht. Ich sitze im Vorstand einer studentischen Initiative, arbeite am Institut für Statistik und habe einen Nebenjob in der Au-Pair-Agentur, mit der ich in Amerika war. Das Studium hat mich tatsächlich mein Leben gekostet. Meine Brüder sind genauso exzellent in Physik und Biochemie geworden, wie ich es ihnen vorher gesagt habe.

Dieser Text ist Teil der Serie "Studenten und Eltern". Uns interessiert: Wie erleben unsere Leser ihren Auszug beziehungsweise den ihrer Kinder, wie die Zeit während des Studiums? Welche Probleme gibt es, welche schönen Erlebnisse? Schicken Sie uns Ihre Geschichten an leser-studium@zeit.de. Die besten Einsendungen werden als Leserartikel Teil dieser Serie.