Dr. med. von der Leyen. Nach den bisherigen Maßstäben der Gerichte wäre der Doktorgrad wohl weg. © Michael Kappeler / dpa

Frage: Herr Dannemann, VroniPlag Wiki wird in diesem Monat fünf Jahre alt. Ist das ein Grund zu gratulieren?

Gerhard Dannemann: Wer will, kann gratulieren zur weltweit größten, qualitätsgesicherten Dokumentation von Plagiaten in mittlerweile 165 Hochschulschriften und zu einem gesteigerten Bewusstsein für die Gefahr wissenschaftlichen Fehlverhaltens.

Frage: Soeben hat die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) die zahlreichen fundierten Hinweise von VroniPlag Wiki in den Wind geschlagen. Ursula von der Leyen habe nur Fehler gemacht. Ist das für Sie und Ihre Mitstreiter nicht frustrierend?

Dannemann: Das Ergebnis stört mich weniger als die Begründung. 32 von der MHH festgestellte Plagiate auf 67 Seiten, oft in den Text eingepasst. Die Verfasserin hat schriftlich versichert, die Regeln eingehalten zu haben und zitiert anderswo auch richtig: Dass die MHH da "keine Anhaltspunkte für eine bewusste Täuschung" sehen kann, widerspricht gleichermaßen dem gesunden Menschenverstand und der Rechtsprechung. Die lehnt auch einhellig die von der MHH praktizierte Reduktion der Arbeit auf einen angeblich intakten "wissenschaftlichen Kern" ab. Bewertet wird stets die eingereichte Arbeit, nicht eine hypothetische nach Abzug aller Plagiate.

Frage: Wenn Doktorierte sich gegen den Entzug ihres Grads gewehrt haben, hatten sie nie Erfolg. Den Gerichten reichen weit weniger Fundstellen als etwa der MHH. Warum nehmen die Richter die Wissenschaft ernster als manche Wissenschaftler?

Dannemann: Ich halte es für wahrscheinlich, dass die MHH hier den Weg des geringsten Widerstandes gegangen ist: Lieber die Rechtsprechung passend hinbiegen als Frau von der Leyen zu beschädigen oder gar eigene Verantwortung der Hochschule für die Fehler zu übernehmen. Da steht die MHH leider nicht ganz allein.

Frage: Offenbar wollen viele Fakultäten den betroffenen Doktoreltern nicht weh tun. Braucht Deutschland also eine unabhängige Prüfstelle?

Dannemann: Viele Universitäten nehmen wissenschaftliches Fehlverhalten sehr ernst und gehen konsequent dagegen vor. Es müsste also möglich sein, dass die Hochschulen das Problem selbst in den Griff bekommen. Aber viele andere tun sich sehr schwer damit, vor allem bei Fehlverhalten von noch aktiven Wissenschaftler(inne)n. Manchmal sitzen die Hochschulen, die über den Entzug entscheiden, letztlich zu dicht dran und fürchten, ihr Ruf könnte leiden, wenn sie wissenschaftliches Fehlerverhalten feststellen. Das ist natürlich grundfalsch: Fehlverhalten gibt es überall. Man kann es nicht vollständig verhindern. Eine Universität schädigt aber ihren Ruf, wenn sie dagegen nicht einschreitet, sondern es unter den Teppich kehrt.

Frage: Wie etwa die Universität Innsbruck.

Dannemann: Ja, sie hat sich kürzlich bei der Evaluierung der Juristischen Fakultät eine handfeste Rüge für das Vertuschen von Plagiaten eingehandelt. Ich denke mittlerweile, am meisten Fehlverhalten gibt es an den Hochschulen und den Fakultäten, die meinen, damit kein Problem zu haben. Insgesamt wäre da eine zentrale Institution wohl hilfreich, weil sie den nötigen Abstand schaffen und auf eine einheitlichere Anwendung der allgemein anerkannten Maßstäbe hinwirken könnte. Das Beispiel Österreich, wo es eine solche Institution schon gibt, zeigt aber auch, dass das ein langfristiges Unterfangen ist.

Frage: Der Wissenschaftsrat will eine nationale Plattform schaffen, in der die Ombudsleute der Hochschulen für wissenschaftliches Fehlverhalten sich vernetzen und gemeinsame Bewertungsmaßstäbe entwickeln. Hätte es diese Stelle und die dort erarbeiteten Standards schon gegeben, hätte Leyen ihren Doktorgrad dann sicher verloren?

Dannemann: Entschieden hätte ja trotzdem die MHH. Aber eine solche Stelle hätte wohl das Augenmerk auf geltendes Recht und auf mögliche Defizite in der Betreuung und Begutachtung der Arbeit gelenkt. Wenn nun der Betreuer Frau von der Leyen zum Plagiieren geradezu ermutigt hätte – das will ich gar nicht unterstellen, ist anderswo aber schon vorgekommen – hätte man mit gutem Grund davon absehen können, den Doktorgrad zu entziehen.

Frage: Welche statistische Bilanz zieht VroniPlag Wiki nach fünf Jahren?

Dannemann: Im VroniPlag Wiki sind Plagiate in neun Habilitationsschriften, 155 Dissertationen und einer Masterarbeit öffentlich dokumentiert. Die betroffenen Universitäten werden davon grundsätzlich unterrichtet. In 34 Fällen wurde der Grad entzogen oder zurückgegeben, in 20 dagegen bestätigt, allerdings mehrfach unter Erteilung einer Rüge, Herabsetzung der Note oder unter der Auflage, eine plagiatsfreie Version nachzureichen. In allen anderen Fällen ist eine Entscheidung noch nicht getroffen oder nicht bekannt. Was besonders auffällt: Die 20 Fälle ohne Entzug waren im Schnitt genau so schwer wie die 34 Fälle mit Entzug. Und dass man tendenziell gegenüber plagiierenden Kolleg(inn)en etwas großzügiger ist als gegenüber plagiierenden Politiker(inne)n.