Bin ich eine gute Mutter? Was sollen verstaubte Rollenmodelle? Unsere Autorin pendelt zwischen Uni und Tochter. Und hat plötzlich doch Angst, zu viel zu verpassen.

Meine Tochter ist krank. Kitakeime. In zwei Tagen wird sie aber wieder ihren Raketenantrieb zünden. Nur ich bin völlig am Ende. Ein klitzekleiner Kinderkeim lässt mich eine Woche kaum aus dem Bett kommen. Ich weiß jetzt, was Gliederschmerzen sind: ein Haufen Unbekannter, der aus einer dunklen Limousine mit getönten Scheiben steigt, seinen Baseballschläger zückt und auf mich einprügelt.

Das Perfide an diesen Kitakeimen ist, sie erwischen das Kind und einen Erwachsenen. Einer bleibt halbwegs aufrecht, damit er die Pflege der Familie in Angriff nehmen kann und muss, und in diesem Fall ist das mein Freund. Er hat also ein fiebriges Kind zu beruhigen, seine Hausarbeit zu schreiben, den Abwasch zu erledigen und den Einkauf. Ich liege auf dem Sofa und wimmere nach einem raschen Ende.

Mit einem halb geöffneten Auge verfolge ich dann, wie das Familienleben ohne mich so läuft. An sich läuft es nicht schlecht.

Das zuzugeben, ist schmerzhaft. Klar, ich freue mich, dass mein Freund auch ohne meine Hilfe alles erledigt. Aber es ist ein bisschen wie mit dem Kapitän, der mit seinem Schiff untergehen muss. Was macht aber das Schiff, wenn nur der Kapitän untergeht? Vielleicht sinkt es gar nicht? Das jedenfalls habe ich festgestellt. Oder es ist einfach so, dass ich gar nicht der Kapitän bin?

Im Grunde weiß ich ja, dass ich keinen Anspruch darauf habe.

Ich pendle zwischen der Stadt, in der wir leben, und der Stadt, in der ich studiere. In guten Wochen bin ich drei Tage nicht zu Hause und in schlechten Wochen fünf. Ich verpasse also ständig. Egal auf welcher Seite. Es fühlt sich an, als wäre man nie richtig da und immer schon fast wieder weg.

Mittwoch ist Elterncafé, aber da bin ich in der Studentenstadt, und am Wochenende ist Werkschau, aber da bin ich wieder zu Hause. Und dann kommen noch die Fest- und Feiertagsfrühstücke und Aktivitäten in der Kita, zu denen ich mich immer zu spät melde.

Da ist es irgendwie klar, dass nicht ich diejenige bin, die unseren Familienkahn durch den stürmischen Alltag schippert.

Damit komme ich klar, dachte ich. Was sollen irgendwelche verstaubten Rollenmodelle? Wir machen das eben so, wie wir wollen und müssen!

Und dann ist Ins-Bett-geh-Zeit und Mama darf nicht ins Bett bringen – das muss Papa machen. Oder die Kleine rennt sich eine Beule und weint und Papa kann besser trösten, oder sie schreit nachts "kuscheln" und dreht sich von Mama weg. Dann geht es nicht mehr um Rollenmodelle oder antiquiertes Verhalten, dann geht es darum, den Preis zu zahlen. Meine Freiheiten und meine Uni haben jetzt eine Schattenseite, die ich nicht habe kommen sehen. Oder ich habe sie gesehen, aber fühlen konnte ich sie nicht.

Ich stelle mir die Frage: Bin ich eine gute Mutter? Was bedeutet das überhaupt, eine gute Mutter zu sein, oder überhaupt Mutter zu sein? Manchmal denke ich, dass ich das alles gut hinbekomme: Uni, Kind, Mann, Freunde, Sport, Schreiben, Haushalt, Pendeln, Zukunftspläne schmieden … Und manchmal, da weiß ich gar nicht, wie ich irgendwas auf die Reihe bekommen soll. Wahrscheinlich ist das bei allen so, beruhige ich mich dann.

Ich weiß, dass niemand perfekt ist, dass ich das nicht von mir erwarten kann. Leider. Leider heißt, dass ich es trotzdem will. Und scheitere. Daran, dass ich nicht auf jede Party kann. Dass nach dem Faschingsschminken mein Kind nicht aussieht wie ein fröhlicher Frosch, sondern wie Chucky, die Mörderpuppe. Dass ich nicht die besten Noten habe. Oder das Kapitel nicht fertig geworden ist, und auch nicht der Essay, und ich nicht, auch nach zwei Jahren nicht, in die alte Jeans passe.

Während ich hustend auf dem Sofa liege und darüber nachdenke, wie viele Sachen ich sofort erledigen muss, wenn ich wieder gesund bin, und dabei die dämliche Werbung im Kopf habe, die mir sagt, dass Mütter sich nicht freinehmen, sondern Schmerzmittel, sitzt meine Kleine auf dem Teppich, liest ihr "Baggerbuch" und zeigt mir sämtliche Straßenreinigungs- und Baufahrzeuge, von denen ich ohne dieses Buch niemals die korrekten Bezeichnungen wie "Wassertankwagen" und "Abrollkipper" gewusst hätte. Und plötzlich wird mir klar, dass es sogar dumm wäre, perfekt zu sein, dann gäbe es doch nichts mehr zu lernen: über Fahrzeuge, darüber, dass meine Kleine auch als ziemlich grotesker Frosch Spaß an Fasching hat, und dass sie nicht weniger Mama zu mir sagt, nur weil ich krank bin.