Studentenjobs Das habe ich nicht verdient

Für Geld tun Studenten fast alles. Wie es ist, wochenlang Etiketten auf Flaschen zu kleben und als Aktmodell vor Kunststudentinnen zu posieren

Was ist schlimmer: Hart arbeiten oder sich lächerlich machen? Studentenjobs bieten beides

Was ist schlimmer: Hart arbeiten oder sich lächerlich machen? Studentenjobs bieten beides

Das hier ist mein letzter Studentenjob: Für jeden Buchstaben in diesem Text bekomme ich knapp sechs Cent. Leerzeichen werden mitgezählt. Bis zum Ende dieses Satzes sind das immerhin schon mal 11,62 Euro. Nach dem letzten Punkt wird die Zeit der Studentenjobs für mich vorbei sein, dann schreibe ich meine Masterarbeit und bin fertig mit der Uni.

Grundsätzlich gilt für Studentenjobs: Je mehr Traumberuf, desto weniger Geld. Und Journalismus ist ein Traumberuf für mich. Mehr Geld gibt es für Jobs, die weniger Ruhm bringen – und nichts für die Karriere. Man hat sie schon als Schüler gemacht, als man nicht wusste, was man will, außer in den Urlaub fahren. Weg von zu Hause. Weg von dort, wohin man später als Student in den Semesterferien dann doch jedes Mal wieder fährt. Zu Hause sagen sie dann: "Ist sicher total spannend in Berlinhamburgmünchenköln!" Und du antwortest: "Doch, schon. Immer was los." Und willst eigentlich nur Geborgenheit und Ruhe und genug Geld für die Abende des nächsten Semesters.

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Einer meiner gut bezahlten Studentenjobs war in einer Pharmafirma: Flaschen etikettieren. Die Flaschen wurden in großen, flachen Kartons geliefert, wie Pralinen. Hunderte. Tausende. Nicht genug, als dass sich Maschinen gelohnt hätten, aber genug, um Menschen zu Maschinen zu machen: Karton nehmen, Inhalt auf den Tisch leeren, Aufkleber abziehen, Aufkleber auf Flasche kleben, Flasche zurück in den Karton. Sechs Wochen an einem grauen Plastiktisch, Rücken zur Zimmermitte, Blick aus dem Fenster. Draußen Sommer, drinnen außer mir noch acht ältere Frauen. Alle aus einem Dorf, wie mir bald klar wurde.

Erster Tag: Ich betrete den Raum. Das Radio spielt die Flippers, die Damen lächeln, ich lächele zurück, setze mich. Der erste Flaschenhaufen. Allgemeines Bekleben. Stille. Für drei Minuten. Dann sagt Ursula, genannt Ursel: "Habt ihr eigentlich von dem schrecklichen Unfall gehört, am Samstagabend?" – "Mit dem jungen Pärchen?", fragt Grete, genannt Gretel. Marion, genannt Marion, ergänzt: "Der Junge, das war doch der Sohn von dem..., seine Frau ist mit mir im Turnen." Hanne, Moni und die anderen wissen auch was. Ich versuche, sie zu ignorieren. Mich abzulenken. Wie schnell beklebe ich eine Flasche? Wie viele sind das pro Stunde? Pro Tag? Pro Woche... Ich verklebe mich. Will das Etikett zurechtrücken, zerreiße es, stelle fest: entweder kleben und zuhören oder aufhören. Stelle außerdem fest: Meine Daumenkuppe wird taub, da, wo das Etikett haftet, kurz bevor ich es auf die Flasche klebe. Ich wechsele die Fingerkuppe.

In Woche drei bilden sich Blutblasen an den Fingern

Beim Abendessen fühlt sich das Besteck in meinen Händen an wie Gummi. Nachts träume ich von Pärchen, die, in Bierflaschen steckend, über Straßen aus grauem Plastik rasen. Der Rest der Woche besteht aus Flaschen, Flippers und einer Fortsetzungsgeschichte, bei der immer noch nicht klar ist, wie "der Junge" hieß.

Woche zwei bringt keine Neuerung. Doch Menschen ändern sich schneller als Institutionen. In meinen Fingerkuppen ist kein Gefühl mehr, ich ignoriere die Fortsetzungsgeschichte. In Woche drei bilden sich Blutblasen an den Fingern, und ich ertappe mich dabei, wie ich Personen in der Geschichte wiedererkenne. In Woche vier habe ich Pflaster an den Fingerkuppen und registriere leicht verärgert eine ungewöhnlich lange Stille, als Ursel, Moni und die anderen mal nichts zu sagen haben. In Woche fünf hat sich Hornhaut an den Fingerkuppen gebildet, ich rufe "Genau!" und "Unglaublich!" bei emotionalen Passagen. In Woche sechs nehme ich aktiv an den Gesprächen teil. Wenn die Hornhaut die Flaschen berührt, klackt es leise.

Leser-Kommentare
  1. Guter Artikel. Ich glaube viele Studenten haben das Eine oder Andere schon mal erlebt oder können es auf eigene Erfahrungen und Erlebnisse übertragen.

    Das ein Teil der Studentenschaft schon immer arbeiten musste war / ist glaube ich normal und ich sehe darin auch nichts negatives, schließlich sammelt man so zumindest ein paar praktische Erfahrungen, auch wenn diese der weiteren Karriere nicht unbedingt dienlich sind. Mir hat es jedenfalls gut getan.

    Auf der anderen Seite sehe ich natürlich die Problematik, dass dadurch die Studienzeit verlängert wird, weitere Kosten auflaufen (Studiengebühren, Lebenshaltungskosten etc.) und ggf. auch die eigenen Leistungen geschmählert werden, wenn ich die Zeit, die ich eigentlich für meine Facharbeit(en) oder meine Klausuren lernen sollte, irgendwo arbeiten gehen muss.

    • pmaler
    • 07.07.2009 um 11:34 Uhr

    Bin zwar fern der Studentenzeit und habe mich nie soweit erniedrigen müssen um Geld zu verdienen, aber der Artikel war erheiternd, witzig und gut geschrieben.
    Mal sehen ob man von Herrn Novotny noch weitere Artikel liest...

    • msuess
    • 07.07.2009 um 12:05 Uhr

    Inhalt sowie das Foto :)

  2. ...skurrilster job war servicefahrer für einen vermieter von veranstaltungs- und baustellenklos. blau verkleidet fuhr ich mit einem 7,5 tonner, bestückt mit vier toiletten und einem tank für 1000 liter fäkalien wie eine gierige monströse hummel
    durch hessische städte und den odenwald. unterwegs schlürfte ich mit meinem 15 meter langen saugrüssel, der sich im betrieb wie eine wild gewordene anaconda bebärdete, den nektar aus in fußgängerzonen, vorgärten und baustellen aufgestellten plasteblüten. in der zeit lernte ich einiges. erstens beim autofahren ordentlich abstand halten. die vorstellung womit ich bei einer scharfen bremsung oder einem auffahrunfall zwangsläufig überschwemmt würde war gänzlich unattraktiv.
    zweitens, mit einem rüttelnden, rülpsenden, sich windenden oberschenkeldicken schlauch in der hand wird man in fußgängerzonen unsichtbar.
    drittens stellte ich fest doch nicht ganz so mutig zu sein wie ich immer dachte. nie schaltete ich in innenstädten den saugmechanismus auf pumpen um.

    • TDU
    • 07.07.2009 um 12:50 Uhr

    Dass sich mal alle dran erinnern, wenn es wieder heisst: Abgabenerhöhung zu unser aller Wohl, Entlassungen zu unser aller Wohl, Sozialkürzungen zu unser alle Wohl und ich wünsche allen aufrichtig, dass sie solche Jobs nie beruflich machen müssen, um sogar vielleicht damit eine Familie zu ernähren zu können.

  3. Dabei sollte man bedenken, dass die wenigen Job im Journliasmus, die vielleicht wirklich die Bezeichnung "Traumberuf" verdient haben, äußerst rar und hart umkämpft sind. Die Chance einen solchen zu ergattern sehe ich als sehr gering an, wenn man nicht ein absoluter Überflieger ist, der schon seit seinem Abi dazu immer zur rechten Zeit am rechten Ort auftaucht und sich mit unglaublicher Kontaktfreudigkeit ein enormes Netz an Beziehungen und Kontakten aufbaut....
    Bereits 2003 war jeder 7. Journalist arbeitslos (die Krise wird es kaum verbessert haben), Anspruch und Ansehen des Berufs werden - leider durch das Internet - immer geringer. Heute glaubt schon jeder, der nur in jedem dritten Satz einen Fehler macht, ausgezeichnete Rechtschreibkenntnisse zu besitzen, usw. Die meisten Jobs werden dabei (eben vor allem im Netz) entweder gleich als Praktikum angeboten, oft findet man auch Stellenangebote, bei denen dann steht: eine finanzielle Vergütung ist nicht vorgesehen, oder man findet irgendwo noch einen Job bei dem man 50 oder 60 Stunden in der Woche arbeiten soll. Wenn dann wenigstens das Gehalt stimmen würde! Doch Tarifgehalt findet man heute eben bestenfalls bei den oben erwähnten "Traumpositionen". Ansonsten werden alle Stellen gerne erstmal als "Jungredakteur" ausgeschrieben, wenn sie nicht gleich ganz abgebaut werden.
    Sicher, vereinzelt mag es noch den tollen Job im Journalismus geben, doch den auch zu bekommen, gegen eine starte Konkurrenz ist ein sehr vages Unterfangen.
    Ich selbst habe langjährige Erfahrung bei Tageszeitung und Radio, war früher bei Fußball-WM und Ski-WM, habe ein Buch veröffentlicht, habe Volontariat und eine Fotografen-Ausbildung. Das ist, finde ich, nicht ganz schlecht. Ich war aber auch zweimal ein halbes JAhr arbeitslos, habe massenweise Bewerbungen verschickt ohne Erfolg und verdiene derzeit das gleiche wie vor 10 Jahren (von dem Verlust durch DM und Euro ganz zu Schweigen).
    Sicher, auch heute wird man es wohl weiter schaffen können, aber man sollte sich bewußt sein, wie schwer es werden kann. Dennoch würde ich heute keinem mehr zum Journalismus raten. Allerdings trifft das heutzutage leider auf immer mehr Branchen zu.

  4. Oh mein Gott. Auf Pump liess ich mir einen anthrazitfarbenden Anzug anpassen und bekam das Mikro in die Hand und musste im Baumarkt den Harry Weinford mimen.
    Das war innerlich soetwas von erniedrigend. Und die GF des Baumarktes war auch saudoof. Die hat gar nicht gerallt, wie es goutieren möge, den Gartenhecksler direkt im Anschluss an Katzerfutterprodukte zu bewerben. Am Ende war mir dann alles pfeifegal und ich habe nix mehr ernstgenommen und nur noch angepriesen, versteigert, Kunden abgenervt, auf Mikro herumgeflirtet...und dann das allerbitterste: Am Ende der Aktion tauchte ein Pulk Kumpels inklusive meiner Freundin auf. Tja, da bin ich sprichwörtlich im Baumarktboden versunken.

    Was für ein Pfeif-Job!

    Bitte ersetzen Sie das Sem Pfeif durch den entsprechenden Fäkalausdruck.

    Vergnügte Grüße,
    Tycho.

    _________________________________________________________________
    nec fasces, nec opes, sola artis sceptra perennant.

  5. Ich mache das, was so viele Studenten machen: Ich gebe Nachhilfe. Im Moment habe ich 7 Hauptschüler und ich kann wohl sagen, dass auch die manchmal echt hart sein können. Wenn ich meine Vorberitungszeit, die Unterrichtszeit und die Zeit für Gespräche mit dem Eltern oder Erziehungsberechtigten oder Juzgendamt mal mit meinem Lohn vergleiche, dann komm ich auf eine Zahl, für die ein Pole nicht aufs Erdbeerfeld gehen würde. Naja ein Vorteil bleibt: Ich bin mein eigener Chef und wenn ich wollte, könnte ich alle rausschmeißen. (Allein der Gedanke beruhigt mich so sehr, dass ich auch in harten Stunden niemanden rauswerfe.)

    Das mit dem Toilettenhäuschenfahrer und den Baumarkt-Showmaster fand ich übrigens sehr ulkig.

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  • Quelle DIE ZEIT, 06.05.2009 Nr. 01
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