: Joachim Kaiser

Zeitmosaik

Die Jugendlichen erleben die Gesellschaft als freigebig und geizig zugleich: freigebig im Warenangebot und in der wirtschaftlichen Versorgung, geizig im Gewähren von Chancen für eine freie emotionale und geistige Lebensgestaltung.

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So weit sind wir mittlerweile gekommen. Junge Leute lernen in der Schule Literatur als etwas kennen, was ihnen mühsam erklärt wird und worüber sie sich dann mühsam äußern müssen und was Prüfungsstoff ist.

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Normale Autoren veröffentlichen normale Bücher und freuen sich, samt ihren Verlagen, wenn möglichst bald möglichst sinnvolle, eingängige Reaktionen und Rezensionen herauskommen.

Kritik in Kürze

„Alles geht weiter“, Gedichte von Ludwig Fels. Gleich im ersten Gedicht seines dritten Lyrikbandes grenzt sich der Autor vom akademischen Biedermeier der Gebildeten ab und besteht auf seinen eigenen Klassen-Erfahrungen.

Die verpatzte Chance

Die Freiheit stirbt an ihrer Verteidigung: Dieser Satz Thomas Manns, gesprochen über McCarthys Amerika, drängt sich ins Gedächtnis, denkt man nach über den „Fall Mandel“.

Wie einer Schriftsteller wurde

Schicksal, Zufall oder Modell? Der Weg eines unbekannten Dorfschullehrers zum Autor von acht Büchern mit einer Gesamtauflage von 200 000 Exemplaren

Deutschland, deine Preise

Das muß man zweimal lesen, ehe man es glaubt: Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht 1976 die (bisher noch) angesehenste literarische Auszeichnung, den Georg-Büchner-Preis (zehntausend Mark), dem Schriftsteller Heinz Piontek.

Kunstkrüppel

Das mußte ja schlecht ausgehen. Im Theater an der Wien, bei der Uraufführung von Thomas Bernhards sechstem Bühnenspiel, „Die Berühmten“, durch das Burgtheater: ein gedrängtes Parkett von – nein, nicht Zuschauern, sondern Voyeuren, Schlüssellochguckern, ängstlichen Spähern aus Salzburg, schadenfrohen Spionen aus Wien, schaulustigen Gaffern aus Deutschland.

Schriftsteller in Heines Geburtsstadt

Als erstes wurde die Öffentlichkeit ausgeschlossen, sprich: die Kollegen von der Presse. Das hat schon seine kleine Tradition und auch seine feine Ironie.

Ist Raddatz Marx-Buch ein Plagiat?: Harichs Overkill

Die Marx-Biographie von Fritz J. Raddatz, kritisiert von Kommunisten, Antikommunisten (Golo Mann), Exkommunisten (Wolfgang Leonhard, Manès Sperber), liberalen Marx-Sachverständigen (Iring Fetscher), wäre eins von vielen Büchern geblieben, die eben Einwände auf sich ziehen – wäre ihr nicht einen Tag vor Erscheinen der vermutlich brillanteste und blutigste Verriß zuteil geworden, der in den letzten Jahrzehnten in deutscher Sprache geschrieben wurde.

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1951 veröffentlichte er einen der Schlüsselromane der fünfziger Jahre, den „Fänger im Roggen“, in dessen Hauptfigur Holden Caulfield sich eine Generation verunsicherter Jugendlicher wiedererkannte.

Ein Fußtritt für den Konsulenten

Einer der auf der Bühne Beteiligten drückte es so aus: „Man sang wie gegen eine Wand aus Eis. Gleich von Anfang an. Keinerlei Stimmung kam auf.

Die Kultur-Boutique der Presse

Um diesen Essay über das Feuilleton „feuilletonistisch“ zu beginnen: Ich versetze mich zurück in die Zeit der „Trümmerjahre“; internationale Studentenbühnenwoche in Erlangen; ich war einer der jüngeren Kriegsheimkehrer, aber diesen im äußeren und geistigen Habitus einigermaßen entsprechend; man trug Klamotten, wie sie die jeunesse protestee unserer Zeit oft nur mit Mühe in den Revolutionsboutiquen zu beziehen vermag; im Brotbeutel die Rotationsdrucke, die uns eine neue geistige Welt eröffneten – etwa Kafka, Brecht, Hemingway, Faulkner, Langgässer.

Der Regisseur als Zuschauer

Obwohl vorerst nur vereinzelt im Kino eingesetzt, hat der neue Film von Rudolf Thome schon eine ganze Flut von Kritik und Gegenkritik hervorgerufen und bei einigen Feuilletonschreibern einen geradezu bekenntnishaften Eifer freigesetzt.

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Von dem Kuchen, der wochenlang auf der Anrichte des Festivals stand, haben die Deutschen das größte Stück genommen. Möge es der Elf und den Millionen ihrer Bewunderer gut bekommen! Übermut, dieses süße Gift, könnte schlimme Folgen haben .

Jung Siegfried auf Altherrenjagd

Die hierin spitz oder grob Erstochenen sind sämtlich Angehörige der vorangegangenen Rezensenten-Generation: Neben Reich-Ranicki liegen die Leichen von Horst Krüger und natürlich Joachim Kaiser und Friedrich Luft; auch Heißenbüttel und Jens sind zu beklagen, aber am meisten zerrupft werden Baumgart und Walser, der schleunigst aus Amerika zurückkehren sollte, denn inzwischen ist zu lesen: „Wie man in Ärsche so kriecht, daß es aussieht, man trete rein“; dieses Talent habe Walser in den sechziger Jahren zur Perfektion entwickelt, meint Hermann Peter Piwitt in einem auch sonst kessen Aufsatz „Klassiker der Anpassung“.

Kritik in Kürze

„Kritik der Literaturkritik“, herausgegeben von Olaf Schwencke. Im Frühling 1971 fand in der Evangelischen Akademie Loccum ein Kolloquium statt, das die Laster des Rezensionswesens reflektierte (so sagt man doch?), und hier sind die Reflexionen – von hoher Abstraktion, aber geringer literarischer Fülle – in einem Protokollband versammelt.

Orchester-Olympiade in München: Gold für die Wiener und Berliner

Alte Familien sind bekanntlich, laut Münchhausen, sehr charakteristisch: „Hat jedes alte Geschlecht seinen eigenvererbten Zug / Die Stuarts hängen am Weibe, die Orlows kleben am Krug I Die Sándors leben in Sattel und Bügel viel hundert Jahr / Aber lachen können am besten die Grafen von Beaumanoir.

Das waren noch Zeiten

Gewiß, „eine bedeutende Schrift ist, wie eine bedeutende Rede, nur Folge des Lebens; der Schriftsteller so wenig als der handelnde Mensch bildet die Umstände, unter denen er geboren wird und unter denen er wirkt“ – aber Goethe, der 1795 so materialistisch argumentierte, rückte ebenso deutlich wie entschlossen von den „Umwälzungen“ ab, die eine Veränderung der gesellschaftlichen und literarischen Situation hätten bewirken können, und hielt sich lieber an „eine Art von unsichtbarer Schule“, in der „fast jedermann gut schreibt“.

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