: Joachim Kaiser

Einst hießen sie Gruppe 47

Er rief, und alle, fast alle kamen. Die Gruppe zog ins Fischerhaus, Berlin-Grunewald. Welche Gruppe? Hier begegnet eine Schwierigkeit.

Stimmen zu Bölls Roman

Die Meisterschaft der Führung der Fäden, die häufige Brechung des Stoffes durch Reflexion, die feingesponnenen symbolischen Bezüge, das Ineinander von Mirakelwelt und satter Sinnlichkeit, von Intellektualität und Naivität des Gefühls und am Grunde die dichterische Vision vom guten Menschen und seiner Wirklichkeit haben uns ein reifes Meisterwerk beschert.

Mein Kandidat: H. Böll

Der bundesdeutsche PEN-Club hat in letzter Zeit unter neuem Management (Böll Präsident, Thilo Koch Generalsekretär, dazu Joachim Kaiser) sein früheres Image als eine Art Akademie mehr oder minder hochwichtiger Literaturpersönlichkeiten fortgeschrittenen Alters so sehr verändert, verjüngt, aktiviert, daß er in guter Zusammenarbeit mit Dieter Lattmanns Schriftstellerverband jetzt wirklich ein erfreulicher und wichtiger Faktor im literarischen Leben der BRD geworden ist.

P.E.N. und Pornographie

Sie hatten nur den kleinen Saal der Meistersingerhalle gemietet. Denn im Grunde war sich der Vorstand des P.E.N.-Clubs gar nicht sicher, ob a) Podiumsdiskussionen überhaupt und b) das Thema Pornographie heute noch gehen, wieviele Leute also an einem Freitagabend zu einer Diskussion über Pornographie kommen würden.

Nur ein Tagebuch?

Nichts ist für eine menschliche Hervorbringung verräterischer, als wenn darin zu viele und zu schöne „schöne Stellen“ vorkommen, die nicht zu einem Kunstwerk zusammenschießen.

ZEITMOSAIK

Mit ihrem ungeliebten, unverständlichen Hochschulgesetz versuchen die hessischen Hochschulen auf verschiedene Weise fertig zu werden.

ZEITMOSAIK

Bejubelt wurden Kortners „Clavigo“ und Peter Steins „Tasso“: Goethe siegte in Berlin. Die Wiener Aufführung von Wolfgang Bauers „Change dagegen und die Stuttgarter Palitzsch-Inszenierung von „Diese Geschichte von Ihnen“ drohten in einem Buh-Konzert unterzugehen.

Präsident Böll

Die Schriftsteller tun sich zusammen. Die Erkenntnis hat sich durchgesetzt, daß der einzelne heute, vom Schreibtisch her Pfeile schleudernd oder meinetwegen auch Bonbons werfend, wenig vermag.

Anmerkungen der Redaktion

(1) Der Fakt ist eben nicht erwiesen. Um bei Schneiders Beispielen zu bleiben: Frischs „Gantenbein“-Roman wurde 1964 in einer Erstauflage von 15 000 Exemplaren ausgeliefert; die Gesamtauflage beträgt bisher 190 000.

Ist Carmen eine Emanzipierte?

Karl Böhm endlich wieder einmal am Münchner Opernpult nicht nur dirigierend, sondern eine Aufführung ganz einstudierend; der Hausherr und Regisseur Günther Rennert mit intelligenter Leidenschaft auf Mérimées, Bizets und Felsensteins (dessen deutsche Übertragung benutzt wurde) Spuren; die jäh und strahlend berühmt gewordene Tatiana Troyanos in der Titelrolle: das mußte doch die „Carmen“ dieses Opernjahres, wenn nicht sogar dieses Opernjahrzehnts werden.

Pendereckis Priester-Passion

Man hatte Außerordentliches erwartet. Seit zehn Jahren gehört ja der Pole Krzysztof Penderecki zu den berühmten, spätestens seit der Uraufführung seiner Lukas-Passion, also seit 1966, zu den wenigen weltberühmten Komponisten seiner Generation.

dumm, schlecht, denkfaul, was?

Sollte das Gespräch wahrheitsgemäß überliefert worden sein, so kann man sich auch vorstellen, wie es geführt wurde. Beide haben bestimmt gelächelt, als sie die heiligen Kühe des Abendlandes, Frankreichs und aller Romanisten gesprächsweise schlachteten.

Handkes Dramaturgie

Die Literaturgeschichte dient oft genug, dazu, als Börse für sogenannte Ewigkeitswerte zu fungieren: Barockwerte etwa haben in den letzten Jahren spürbar angezogen, Klassiker wurden schwächer notiert, andere Epochen unterlagen heftigen Kursschwankungen.

Die „Zauberflöte“ ist doch spielbar

Nicht immer entspricht dem Ruhm und der zweifellosen Beliebtheit eines Meisterwerks auch eine genauso gute Aufführbarkeit. „Don Giovanni“, „Zauberflöte“ und „Carmen“ zum Beispiel gehören gewiß zu den populärsten und großartigsten Stücken der Opernliteratur; nur wird beinahe jede Darbietung dieser angeblichen Reißer zum sanften Reinfall oder, günstigstenfalls, zum Remis.

Die Sorgen des PEN

Gedanken anläßlich einer unbefriedigenden Generalversammlung in Mannheim / Von Rudolf Walter Leonhardt

Nach der kurzen Amtszeit Monks am Deutschen Schauspielhaus ließe sich, wie so oft in den letzten Jahren, die Annonce aufgeben:: Intendant gesucht

Josef Aufricht, also immerhin der Berliner Theatermann, an dessen Bühne Ende der zwanziger Jahre die „Dreigroschenoper“ ihre glanzvolle Feuertaufe erlebte und Ödön von Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ uraufgeführt wurden, berichtet in seinen Lebenserinnerungen, welchen Schock es ihm bereitet habe, als sich New Yorker Zeitungen auf einen „1000-Dollar-Tenor“ freuten.

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