: Karl Steinbuch

Gerhard Szczesny 70

Für die „dialektische“ Verschiebung der Begriffe links und rechts, sowie für das Auseinanderdriften bundesdeutscher Intellektueller während der letzten 25 Jahre, scheint mir Gerhard Szczesnys curriculum vitae Zeichen gesetzt zu haben.

Spät(h)zündung

Eine Brise ist es, ein laues Lüftchen, das sanft gen Norden weht. Fast hätten wir sie nicht bemerkt, doch die Windrichtung ist so ungewöhnlich, daß wir mit einer neuen Großwetterlage rechnen müssen.

Sonnenschein: Bienenstock und Schweinezucht

Im Verwaltungsgebäude hängt zwischen Tür und Fenster eine gerahmte Urkunde. Die „Arbeitsgemeinschaft Selbständiger Unternehmer“ verleiht damit ihre goldene „Plakette für beispielhafte freiwillige Publizität“ der Accumulatorenfabrik Sonnenschein, Die Urkunde stammt vom Mai 1972.

Die Macht des Mittelmaßes

Das Fanal hat nicht lange gebrannt; das Signal zum Aufbruch ist rasch verhallt. Wenn heute, ein Jahr nach der Wiederwahl des Kabinetts Kohl/Genscher und nicht einmal anderthalb Jahre nach seiner Begründung, von der politischen „Wende“ die Rede ist, dann schwingt selbst bei eher Wohlmeinenden ein Unterton des Spotts mit, gelegentlich wohl auch der Resignation.

Zeitmosaik

Beunruhigt von der Beschlagnahme des Films „Das Gespenst“ durch die Stuttgarter Staatsanwaltschaft und den sich mehrenden Akten verbaler und administrativer Kulturfeindlichkeit weist das P.

Zeitmosaik

Als Lavater den Caligiostro fragte, worauf seine Wirkung beruhe, antwortete dieser: in herbis, in verbis, in lapidibus. – Motto für die Alternativen: Gras freß ich, Großmaul bin ich, Steine schmeiß ich.

Moral des Friedens

Ausgerechnet die Polen sollen sich wieder einmal dem Zwang der Großordnung fügen, und ausgerechnet wir Deutschen bringen mit bitterem Mitleid Walesa die Grenzen der Freiheit im Nuklearzeitalter bei? Das wäre ein unziemlicher Zynismus, den sich das historische Gespenst, das wir immer gern Weltgeist genannt haben, mit beiden erlaubte.

Der vertuschte Klassenkampf

Das war nicht immer so. Helmut Schelsky – gemeinhin nicht als Linksradikaler bekannt – warb 1961 für „die Notwendigkeit, die Schulpolitik zu politisieren“.

Alternativen der Opposition: Was die Union dem Volke bietet

in Betracht zieht. Denn der dickleibige Band versammelt 36 Autoren, die in Originalbeiträgen – mögen sie manchmal auch von Ghostwritern stammen – auseinanderlegen, was die Union, sollte ihr der Wahlsieg beschieden sein, besser oder anders zu machen gedenkt.

Zeitspiegel

Auf dem CSU-Parteitag in München schmückten die bayerischen Unionschristen ihre Strauß-Geburtstagsfeier mit professoralen Referaten.

Von rechts gesehen

Was man heute vage die „Tendenzwende“ nennt, Ernst Topitsch vorsichtig einen „sachten Klimawechsel“, Hermann Lübbe selbstsicher „eine Wende zur Vernunft und zur Pragmatik der Vernunft“, ist zunächst einmal eine verständliche Reform-Ernüchterung bei all denen, die unsere Gesellschaft evolutionär verbessern, gewissermaßen die Adenauer-Republik rosa anstreichen wollten, und sich unvermutet von Systemüberwindung, Sozialismus, blutroter Revolution bedroht sahen – oder doch glaubten.

Braucht die CDU einen neuen Kurs?

Der Rat ist mit Vorsicht zu genießen: Die CDU solle doch endlich eine konservative Partei werden. Mit Vorsicht vor allem dann, wenn der Ratschlag von politischen Konkurrenten stammt.

Die Herren von der anderen Seite

Was ist der Schriftsteller? Ein Übersetzer. Was übersetzt er? Das Wort Freiheit. Aus welcher Sprache übersetzt er es und in welche? In die eigene.

Kein Zwang zum Glück

Man mag darüber streiten, ob die SPD gut daran tat, 1972 einen neuen, noch wenig präzisierten Begriff wie den der Lebensqualität in ihr Wahlprogramm aufzunehmen.

Unser Seller-Teller

Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 360 S., 26,– DM Der abschließende Teil der Kristlein-Trilogie, der „Sturz“, zeigt Zerstörungen und Gefährdungen der Walserschen Schlüsselfigur als Zerstörungen und Gefährdungen eines in das Angestelltendasein, in das Geldverdienen, in seine Familienverhältnisse, in die Zumutungen und Entbehrungen seiner Freundschaften und sexuellen Angsterlebnisse Verwickelten: Die Stärke von Walsers Anselm Kristlein ist seine sensible Schwäche, vor der die Wirklichkeit, die sozial geprägt ist, aber nicht nur eine soziale Wirklichkeit darstellt, als dauernd lebensgefährdende und dadurch zu Literatur stimulierende tödliche Zumutung erscheint.

Unser Seller-Teller März 1973

„Wenn Du dieses Hauses Schwelle betrittst, bist Du bei glücklichen Menschen. Sonst ist nichts Merkwürdiges hier, außer der Hütte selbst.

Warner, Weismacher und Wichtigtuer

Rechtzeitig zur Wahl kommt das Lamento der Renegaten und Dissidenten gedruckt auf den Büchertisch. Gemeinsam warnen sie, geben Notsignale, wollen die Demokratie, wenn nicht gar gleich das Vaterland retten.

Hysterie der Angst

Zuweilen meint man, daß die Wirklichkeit nicht mehr in unser Weltbild paßt, daß wir sie jedenfalls mit den Kategorien der Vernunft nicht mehr erklären können.