: Vladimir Nabokov

Die zweitbeste Lösung

Das zerfallene Jugoslawien beschäftigt uns zur Zeit aus anderen als literarischen Gründen. Und zuvor, in den Zeiten scheinbaren Friedens, hatten wir seine kulturelle Gegenwart auch nicht sonderlich bemerkt. Hatten vielleicht Ivo.

Ralph Gätkes literarische „Animiertexte“: Kafkas Komik

Ralph Gätke ist ein Bibliothekar, der nicht bloß datengestützt Bücherfluten kanalisiert und verwaltet, sondern auch gezielt liest und die Frucht seiner Lektüren in hellen Essays öffentlich macht, womit er bereits 1986 angenehm aufgefallen war, als er seine Leseempfehlungen „Schöne Helden“ publizierte.

Der Große Unbekannte

Kinder, die in verrosteten Waschmaschinen hausen; ein Geheimagent, der sich stolz als beseelter Automat entpuppt; Jazz- und Rock-Subkulturen, die, 24 Stunden am Tag bekifft, in Geheimgängen unter gigantischen Müllhalden leben; ein amerikanischer Sergeant, der immer dann stramme Erektionen bekommt, wenn die Nazis V-2-Raketen nach England in Marsch setzen; Feste und Partys, die zwingend bis zwanghaft zu Orgien ausarten; ein Kampfflugzeug, das mit Cremetörtchen abgeschossen wird; Verfolgungsjagden wie bei Tom & Jerry oder Roadrunner, aber nicht durchs Fantasy-Land des Zeichentrickfilms, sondern durchs besetzte Nachkriegsdeutschland; ein erotomanischer Schönheitschirurg, der seiner Patientin das Lustzentrum in die Nase verpflanzt; eine Tänzerin der Jahrhundertwende, die mit einer mechanischen Puppe masturbiert – die Apokalypse als Slapstick, der Weltlauf als Comicstrip für Erwachsene, messerscharf ausbalanciert zwischen Grauen und hysterischem Gelächter.

Filme

Der Film ist eine kleine schmutzige Komödie aus dem unabhängigen New York. Realisiert hat ihn Autor, Regisseur und Darsteller Spike Lee, der zusammen mit Jim Jarmusch an der New Yorker Filmhochschule studierte, mit Freunden und einem lächerlich geringen Budget von fünfundsechzigtausend Dollar.

Roman mit Geheimnis: Hat Nabokov doch seine Finger im Spiel gehabt?: Ein Autor wird gesucht

umfaßt den Zeitraum von 1915 bis 1919 und hat die postpubertäre Entwicklung des aus bescheidenen Verhältnissen stammenden Gymnasiasten (und späteren Schriftstellers) Wadim Maslennikow zum Gegenstand, der in exzessiven Ausschweifungen die „Schule der Gefühle“ absolviert, wobei er, bald schon die Leere aller Lehren erkennend, sich vom kaltschnäuzigen Muttersöhnchen und Musterschüler zum fiebernden Hysteriker und Tagträumer wandelt.

Mein Taschenbuch: Peter Bichsel: „Der Leser. Das Erzählen“

Vladimir Nabokov schrieb einmal: „Wer eine Geschichte ‚wahr‘ nennt, beleidigt Kunst und Wahrheit zugleich.“ In seinen Frankfurter Poetik-Vorlesungen geht Peter Bichsel das Problem Wahrheit und Literatur etwas weniger apodiktisch an: „Die Frage an den Geschichtenerzähler, ob seine Geschichte wahr sei, basiert auf zwei Irrtümern.

Nadine Gordimer: Von kühlem Zauber

Irgendwann einmal, das weiß sie, wird es in Südafrika ein Vorher und ein Nachher geben. Vorher: die Zeit der Apartheid, der strikten Rassentrennung, die die Existenz der Menschen bis in die kleinen Alltäglichkeiten hinein von den Zufällen der Hautfarbe und des Wohnorts abhängig macht; Bürger als Funktion in einem Apparat von offensichtlichen und subtilen Diskriminierungen und Reglementierungen.

Lüge, Wahrheit und Wahnsinn

Er heißt zynisch, aber nicht unpassend „Eine Reise ins Licht“ und ist Rainer Werner Fassbinders dreißigster Film in neun Jahren.

Kritik in Kürze

„Die Mutprobe“, Roman von Vladimir Nabokov. Die Neuerscheinung eines Toten in Händen zu halten, macht befangen. Unvoreingenommenheit will sich beim Lesen nicht einstellen, Vladimir Nabokov, diesen Sommer in Montreux gestorben, schrieb zeitlebens nur von sich: Seine Helden – das hätte er immer selber sein können, Reisender, Heimatloser, Weltenwanderer, Melancholiker, Hedonist, Könner und Kenner, immer begabt und nie besessen, Amateur im Wortsinn, Liebhaber des Lebens.

Vladimir Nabokov ist tot: Zumutungen an das Denken

Einmal, in seinem Roman „Fahles Feuer“, hat er einen Verrückten auch einen angenehmen Tod erträumen lassen: „Der ideale Sturz ist der aus einem Flugzeug, Ihre Muskeln entspannt, Ihr Pilot perplex, den gefalteten Fallschirm abgestreift, abgeworfen, abgeschüttelt – leb wohl, schutka (kleiner Parachute)! Und abwärts geht’s, aber die ganze Zeit fühlen Sie sich ausgestreckt und getragen, während Sie in Zeitlupe wie eine schläfrige Purzeltaube Ihre Saltos schlagen und sich lässig auf den Eiderdaunen der Luft lümmeln oder faul umdrehen, um Ihr Kissen zu umarmen, jeden letzten Augenblick des weichen, tiefen, todgepolsterten Lebens genießend, die grüne Schaukel der Erde mal über, mal unter sich, und dann die wollüstige Kreuzigung, da Sie sich in der wachsenden Hatz, im nahenden Sausen strecken, und dann das Auslöschen Ihres geliebten Körpers im Schoße des Schöpfers.

J.M-M.: Ehren-Doktor

Nun haben sie unserem Freunde Heinrich Maria Ledig-Rowohlt in St. Louis den Ehren-Doktor-Hut der Washington-University aufs Haupt gedrückt.

Paradies und Hölle des Fleisches

Alle Romane Nabokovs (sechzehn ohne „Ada“) waren bisher kurz, schlank, oft gespickt mit höhnischen Seitenhieben auf die unförmigen Erzählapparate für mittlere Leser, worunter Nabokov vor allem Familienromane wie Galsworthys „Hindsight Saga“ (wie er die „Forsyte Saga“ nennt), die „Buddenbrooks“ oder Dostojewskij verstand.

Fernsehen: Attrappen-Labyrinth

Vladimir Nabokov hatte mit den Verfilmungen seiner Romane bisher wenig Glück. Zwar sind seine Bücher sozusagen mit den Augen und einem immensen visuellen Gedächtnis geschrieben und durch und durch szenisch angelegt; trotzdem lassen sie sich keineswegs einfach abphotographieren.

Einladung zur Lektüre

Gegen die anrüchige Komplicenschaft zwischen Kritiker, Buch und Leser ist jedenfalls dann nichts zu sagen, wenn sich aus ihr eine dringende Empfehlung zur Lektüre ergibt.