Früherer Opel-Betriebsratschef fürchtet Arbeitsplatzabbau

Früherer Opel-Betriebsratschef fürchtet Arbeitsplatzabbau

Der frühere Opel-Betriebsratschef Klaus Franz erwartet, dass die mögliche Übernahme von Opel durch die französische PSA-Gruppe (Peugeot Citroën, DS) vor allem Arbeitsplätze in Deutschland bedrohen könnte. "Wenn die PSA-Gruppe Opel tatsächlich übernimmt, dann sind das Montagewerk in Eisenach und das Motorenwerk in Kaiserslautern extrem gefährdet", sagt Franz im Gespräch mit der Wochenzeitung DIE ZEIT. Fast 4000 Arbeitsplätze stünden allein dort auf dem Spiel. "Mir blutet das Herz", sagt Franz.

Insgesamt beschäftigt Opel samt Schwestermarke Vauxhall in Europa 35 600 Mitarbeiter.

Merkel will Trump austricksen

Merkel will Trump austricksen

Die Bundesregierung will sich beim G20-Gipfel in Hamburg mit einem Verfahrenstrick gegen mögliche Querschüsse aus Washington wappnen. Nach Informationen der Wochenzeitung DIE ZEIT soll sich der Entwurf für den wirtschafts- und währungspolitischen Teil der Abschlusserklärung auf Punkte beschränken, denen die Amerikaner bei vergangenen Gipfeln bereits zugestimmt haben. So würde es für US-Präsident Donald Trump schwerer, die bisherige Linie zu verändern. Damit wären in diesem Bereich zumindest Rückschritte verhindert, was in Berlin schon als Erfolg gilt. Die G20-Staaten haben Protektionismus stets kritisiert, Trump will die US-Märkte aber stärker abschotten.


Oxfam-Chefin verteidigt umstrittene Reichenstudie

Oxfam-Chefin verteidigt umstrittene Reichenstudie

Die Chefin der Entwicklungshilfe-Organisation Oxfam, Winnie Byanyima, verteidigt in der Wochenzeitung DIE ZEIT ihre jüngst veröffentlichte, aber umstrittene Studie. Danach besitzen acht Reiche so viel wie die untere Hälfte der Menschheit. "Es ist ja leider richtig: Zu viele Arme bleiben arm, doch die Reichen werden immer reicher", sagt Winnie Byanyima im ZEIT-Interview.

Die Studie wurde für ihre Methodik kritisiert. Bei der Berechnung werden auch Schulden berücksichtigt, dadurch gilt ein Student an einer Eliteuniversität als arm, wenn er sich sein Studium mit einem Darlehen finanziert. "Würden wir alle Schulden aus dem Weltvermögen herausrechnen, bliebe die Diagnose dramatischer sozialer Ungleichheit die gleiche. Es brauchte dann 56 reiche Personen, um das Vermögen der unteren 50 Prozent der Weltbevölkerung aufzuwiegen. Man würde in diesem Fall allerdings nicht nur den Studienkredit eines verschuldeten Akademikers ausblenden, sondern auch den Saatgutkredit eines indischen Bauern, der es möglicherweise nie schaffen wird, seinen Kredit abzubezahlen", erklärt Byanyima. "So sehr man über einzelne methodische Fragen sicher diskutieren kann: Die Kernaussage wird von vielen Organisationen geteilt."

Von der deutschen G20-Präsidentschaft erwartet sie sich Fortschritte im Kampf gegen die Armut. "Besiegen Sie die Populisten! Es ist wichtig, dass unsere Länder von guten Politikern gelenkt werden. Von Menschen, die mit anderen zusammenarbeiten", appelliert Byanyima.  "Und kämpfen Sie dafür, dass Ihre Regierung mithilft, die vielen Steuerschlupflöcher zu schließen. Denn gerade für die Länder des Südens ist es fatal, dass ihre Eliten so leicht Geld im Ausland verstecken können."

AfD-Bundesvorstand Gauland: Petry "will die Partei an die CDU andocken"

AfD-Bundesvorstand Gauland: Petry "will die Partei an die CDU andocken"

Brandenburgs AfD-Fraktionschef Alexander Gauland attackiert die AfD-Bundesvorsitzende Frauke Petry: "Frauke Petry will Höcke loswerden, weil sie der Meinung ist, dass wir mit ihm nie politisch ankommen und Teil einer Koalition werden könnten", sagt Gauland in einem Gespräch mit der Wochenzeitung DIE ZEIT. "Sie will die Partei an die CDU andocken", so Gauland, der wie Parteisprecherin Petry im Bundesvorstand der Partei sitzt. Er, Gauland, wolle diese Nähe zur CDU nicht.

Auch Gaulands Vorstandskollege André Poggenburg kritisiert Petrys Entscheidung in der ZEIT scharf. Petry habe sich aus rein taktischen Gründen für Höckes Ausschluss eingesetzt. "Aber sie wird geschädigt aus diesem Konflikt hervorgehen", so Poggenburg, der die AfD-Fraktion in Sachsen-Anhalt anführt. "Wer unliebsame Positionen nicht aushält, hat wahrscheinlich selbst Probleme mit seinem Demokratieverständnis."

Verteidigt wird Frauke Petry dagegen von Berlins AfD-Landeschef Georg Pazderski. "Die Sprache, die Höcke benutzt hat – das Gerede von der ‚Bewegung‘, der ‚Schande‘, das hat viele unserer Wähler an den Sportpalast erinnert", sagt Pazderski. Er stehe zur Aufarbeitung der Geschichte und habe deshalb für den Parteiausschluss von Höcke votiert.

Der Bundesvorstand der AfD hatte am Montag mit neun gegen vier Stimmen entschieden, ein Parteiausschluss-Verfahren gegen Thüringens AfD-Landeschef Björn Höcke einzuleiten, nachdem Höcke im Januar in einer Rede das Berliner Holocaust-Mahnmal als "Denkmal der Schande" bezeichnet hatte.

André Poggenburg und Alexander Gauland, die dem rechten Flügel der AfD zugeordnet werden, hatten sich strikt gegen einen Parteiausschluss von Höcke ausgesprochen. Dass AfD-Politiker auf gezielte Provokation setzen, sei normal, sagt Poggenburg gegenüber der ZEIT. "Wir würden es immer vermeiden, einen Begriff zu verwenden, der wirklich nur in der Nazizeit verwendet wurde", so Poggenburg. Man habe deshalb bislang immer nur zweideutige Formulierungen verwendet.

Studie: Nur wenige Schüler nutzen Computer im Unterricht

Studie: Nur wenige Schüler nutzen Computer im Unterricht

Nur zwei von fünf Kindern haben in deutschen Schulen überhaupt schon mal am Computer gearbeitet. Das geht aus der neuen KIM-Studie ("Kindheit, Internet, Medien") des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest hervor. Die Ergebnisse zum Thema "Computer und Schule" liegen der Wochenzeitung DIE ZEIT exklusiv vor und belegen, wie lebens- und alltagsfern Schule als Lernort für Digitales noch immer ist.

Obwohl Computer  für 6- bis 13-Jährige heute fester Bestandteil ihres Alltags sind, kommen sie in der Schule nur sporadisch zum Einsatz, zwei Drittel aller Kinder in Deutschland nutzen regelmäßig einen Rechner. Nicht überraschend ist, dass Computer an weiterführenden Schulen stärker verbreitet sind als an Grundschulen. Aber auch hier zeigt sich eine Kluft zwischen kindlichem Alltag und Schule: Schon knapp 60 Prozent der Grundschüler zählen sich grundsätzlich zu den Computernutzern – nur eben nicht in der Schule.

Sitzen die Kinder zu Hause vorm Rechner, ist das Gerät weit mehr als nur ein "Spielzeug". Beim Lernen für den Unterricht spielen Computer und Internet eine wichtige Rolle. Drei von vier Kindern recherchieren mindestens einmal pro Woche etwas für die Schule im Netz. Nachrichtentexte nutzen sie ebenso als Informationsgrundlage wie YouTube-Videos. Jedes viertes Kind gibt zumindest an, dass es auf der Plattform wöchentlich Videos zu Schulthemen anschaut.

Bundestagsvize Johannes Singhammer fordert Zurückhaltung der Kirchen in politischen Fragen

Bundestagsvize Johannes Singhammer fordert Zurückhaltung der Kirchen in politischen Fragen

Der Vizepräsident des Deutschen Bundestages, Johannes Singhammer (CSU), fordert Zurückhaltung der beiden großen Kirchen bei politischen Fragen: "Manche fragen sich, ob detailliertere Einlassungen notwendig sind zu Einzelfragen des Mindestlohnes oder den Detailprozessen der Energiewende", so Singhammer in einem Gastbeitrag für die ZEIT-Beilage Christ & Welt. "Bei fast 400 000 Kirchenaustritten allein im Jahr 2015 sollten katholische und evangelische Kirche sich darauf konzentrieren, Menschen zu erreichen und mitzunehmen. Dass politische Lobbyarbeit dafür der richtige Weg ist, ist unwahrscheinlich", schreibt Singhammer.

Und weiter: "Kaum eine Entscheidung in Berlin, des Bundestages oder der Regierung, bleibt unkommentiert." Die Religionsfreiheit verlange nach dem öffentlichen Wort und der Tat der Kirchen. "Dennoch wächst bei nicht wenigen ein Unbehagen über die immer häufigere Bewertung von dem, was gut oder schlecht in der Tagespolitik sei. Weil in der politischen Arena ein zusätzlicher Meinungsbildner auftritt, der nie beabsichtigt, sich freien und gleichen und geheimen Wahlen zu stellen, und seine Autorität auch in politischen Fragen stattdessen von einer höheren Macht ableitet." 

Johannes Singhammer (CSU) ist Vizepräsident des Deutschen Bundestages und Direktkandidat des Wahlkreises München-Nord. 2012 forderte er die Verschärfung des Blasphemie-Paragrafen, nachdem ein islamfeindliches Schmähvideo in einigen Ländern zu gewalttätigen Ausschreitungen geführt hatte.

Dietmar Harhoff von der Expertenkommission Forschung und Innovation kritisiert die Digitalisierungspolitik der Bundesregierung

Dietmar Harhoff von der Expertenkommission Forschung und Innovation kritisiert die Digitalisierungspolitik der Bundesregierung

Anlässlich der Übergabe ihres zehnten Jahresgutachtens an Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) davor gewarnt, die Forschungspolitik aus dem Blick zu verlieren. "Durch Trumps protektionistische Bestrebungen und den EU-Austritt Großbritanniens wird es noch viel wichtiger, dass Deutschland an Innovationskraft zulegt", erklärte der EFI-Vorsitzende Dietmar Harhoff im Gespräch mit der Wochenzeitung DIE ZEIT. "Wenn wir uns jetzt nicht um die digitale Bildung zukünftiger Generationen, mehr Forschung und Gründungen kümmern, werden wir unseren Wohlstand nicht erhalten können."

Mit Blick auf die laufende Legislaturperiode übt Harhoff scharfe Kritik an der Digitalisierungspolitik der Bundesregierung: "Wenn es um Digitalisierung geht, machen sich die Ministerien eher gegenseitig Konkurrenz, als miteinander zu kooperieren! Das bremst ungemein." Aus Sicht der Kommission sollte die Bundesregierung ihre Digitalisierungspolitik deswegen stärker bündeln – etwa in einer Innovationsagentur oder mit einem eigenen Digitalministerium.

Zugleich bekräftigt Harhoff den Appell der Kommission, dass der Staat und die deutsche Wirtschaft bis 2025 noch mehr Geld für Forschung ausgeben sollten als bisher: "Wissen wird im ökonomischen Prozess immer wichtiger und veraltet immer schneller. Deswegen müssen die Forschungsausgaben weiter steigen: Im Jahr 2025 sollte Deutschland 3,5 Prozent seines BIP dafür ausgeben." Aktuell sind es laut der Kommission rund drei Prozent – und damit deutlich mehr als noch vor zehn Jahren.

Damit mehr Geld für Forschung bereit gestellt wird, sprechen sich Harhoff und die Kommission für steuerliche Vergünstigungen für Unternehmen aus, die Geld in Forschung investieren: "Innovationen finden schnell Nachahmer. Mit der Folge, dass es für die Pioniere unattraktiv wird, neue Technologien zu entwickeln. Also sollte der Staat zusätzliche Anreize schaffen", sagt Harhoff.

Harhoff äußert in dem Gespräch auch die Sorge, dass vielversprechende Jungunternehmen ins Ausland abwandern könnten: "Etliche deutsche Start-ups wurden schon von US-Konzernen aufgekauft, weil sie ihr Wachstum in Deutschland nicht finanzieren konnten", so Harhoff, der sich deswegen für eine bessere Förderung innovativer Start-ups ausspricht.

Dietmar Harhoff, 58, ist Vorsitzender der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) der deutschen Bundesregierung und Direktor am Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb.

Günter Netzer: "Ich bin nicht gut in Buchhaltung"

Günter Netzer: "Ich bin nicht gut in Buchhaltung"

Günter Netzer hat als Manager gelernt zu delegieren: "Was man nicht kann, muss man delegieren. Ich bin nicht gut in Buchhaltung, also machen das andere für mich", so der ehemalige Profifußballer, Manager des HSV und ARD Sportkommentator in der Wochenzeitung DIE ZEIT. "Das hat mir kein Chef beigebracht, sondern ich mir selbst." Die ZEIT sprach zum Auftakt einer Serie zum Thema Chefs und Führung mit namhaften Persönlichkeiten aus Sport, Kultur und Wirtschaft.

Darunter auch Profiboxer und Unternehmer Wladimir Klitschko (40): "Ganz ehrlich, ich möchte nicht als Chef bezeichnet werden. Meine Trainer haben mich immer auf Augenhöhe behandelt. Genauso mache ich es mit meinen Mitarbeitern", so Wladimir Klitschko.

"Schwierig umzusetzen war der Rat eines ehemaligen Chefs, sich immer zu fragen, was gut oder schlecht gelaufen ist. Wenn man an der Spitze steht, scheint dafür nie Zeit zu sein. Aber gerade da muss man sie sich nehmen!", so René Obermann, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom.

Johannes Kahrs (SPD) fordert: Neues Deutsches Hafenmuseum auf altem Gelände

Johannes Kahrs (SPD) fordert: Neues Deutsches Hafenmuseum auf altem Gelände

Das neue Deutsche Hafenmuseum soll auf dem Gelände des jetzigen Hafenmuseums und des 50er Schuppens an der Elbe in Hamburg gebaut werden. Das fordert der SPD-Politiker Johannes Kahrs in einem Gastbeitrag der aktuellen Ausgabe von ZEIT:Hamburg. "Ein anderer Ort ist für das Deutsche Hafenmuseum auch gar nicht vorstellbar", schreibt der haushaltspolitische Sprecher der SPD-Bundesfraktion. "Ein halbes Dutzend Gastronomiebetriebe könnten locker auf dem Museumsgelände an der Wasserkante unterkommen, sogar ein Hotel. Parkplätze sind in ausreichendem Maß vorhanden." Das Gelände sei "geradezu ein Geschenk für Hamburg, weil dort noch viele Teile des alten Industriehafens überlebt haben."

Kahrs sieht in dem Museum auch eine stadtentwicklungspolitische Chance: Er schlägt vor, die beliebte Schiffslinie 62 zwischen Finkenwerder und Landungsbrücken auszuweiten und mit der Zwischenstation Elbphilharmonie bis zum Hafenmuseum auf dem Kleinen Grasbrook zu führen. "Das wäre der Sprung über die Elbe", so Kahrs. "Damit würde das Deutsche Hafenmuseum einen Prozess antreiben, der ohnehin schon im Gang ist: die Verlagerung des Hafens Richtung Westen, die Entwicklung des Kleinen Grasbrooks und die Öffnung von Wilhelmsburg und der Veddel zu einem neuen großen Wohngebiet."

Prominenter Priester liest Gläubigen die Leviten

Prominenter Priester liest Gläubigen die Leviten

Der katholische Priester und Buchautor Thomas Frings kritisiert die Haltung vieler Gottesdienstbesucher in Deutschland. "Das Schlimmste ist die Vergeblichkeit", sagt Frings der ZEIT-Beilage Christ & Welt über den Beruf des Gemeindepfarrers. Dazu gehöre das Wissen, "dass man von den 500 oder 800 Menschen im Erstkommunion-Gottesdienst 95 Prozent sonntags nicht wiedersieht." Fragwürdig seien überdies Trauungen, in denen "das Paar und die Hochzeitsgesellschaft mehr schlecht als recht durch eine unbekannte Zeremonie stolpern", so Frings weiter. Kirche müsse auch Erwartungen an die Menschen stellen dürfen. "Unter den jetzigen Bedingungen kann ich meine Aufgabe langfristig nicht mehr erfüllen, ohne vielleicht Schaden an der Seele zu nehmen", sagt der Priester, der sich inzwischen in ein Kloster zurückgezogen hat.

Frings beklagt auch die fehlende Vorbildrolle der älteren Generation. "Wie viele aus der Großelterngeneration sind ihren Kindern und Enkeln denn heute noch ein Vorbild in gelebtem Glauben?", so der Priester. "Deshalb sind die jungen Menschen, die mit Kirche nichts mehr anfangen können, auch nicht das größte Problem. Es sind die Alten. Die kommen ja ebenfalls nicht." Gleichzeitig habe sich aber die Kirche auch eine falsche Vorstellung von den Gläubigen gemacht. Es habe die Hoffnung bestanden, "wenn wir möglichst wenig von ihnen wollen und möglichst keine Ansprüche stellen, dann kommen sie irgendwann zurück", so Frings, "doch sie kamen nicht."

Thomas Frings ist Großneffe des ehemaligen Kölner Erzbischofs Kardinal Joseph Frings. 2016 legte er sein Amt als Gemeindepfarrer nieder und ging als Priester in ein niederländisches Kloster. Am 19. Februar erscheint sein Buch "Aus, Amen, Ende? So kann ich nicht mehr Pfarrer sein" im Herder Verlag.

Performancekünstler Lindsay Kemp: David Bowie konnte nicht tanzen

Performancekünstler Lindsay Kemp: David Bowie konnte nicht tanzen

David Bowie habe überhaupt nicht tanzen können, sagt der Performancekünstler Lindsay Kemp. Der heute 78-Jährige hatte Bowie Mitte der sechziger Jahre unterrichtet. "Die simpelsten Bewegungen fielen ihm schwer", erinnert er sich im ZEITmagazin. "Nehmen Sie dagegen Mick Jagger, der ist eine Naturbegabung, dem fiel seine Körpersprache zu. Bowie musste sich das alles hart erarbeiten."

Kemp begann als Tänzer und Pantomime und arbeitete auch mit Kate Bush. Eine Weile war er mit David Bowie, der damals am Anfang seiner Karriere stand, zusammen. "Ab und an wohnten wir zusammen. Es war sehr aufregend und ebenso anstrengend. Alles war unberechenbar."

Kemp habe sehr gelitten, wenn Bowie andere Freunde oder Freundinnen gehabt habe. "Bowie legte sich grundsätzlich nie auf was Längerfristiges fest. So war er eben. Es war eher mein Problem, dass er mich so beeindruckte." 

Lindsay Kemp ist heute noch als Choreograf und Regisseur tätig.

Jazzpianist Michael Wollny: Hysterie und Aufgeregtheit sind „Zeichen dieser Dekade“

Jazzpianist Michael Wollny: Hysterie und Aufgeregtheit sind "Zeichen dieser Dekade"

Michael Wollny, 38, Jazzpianist, findet, dass die Welt sehr laut geworden ist, auch das politische Geschrei. Im ZEITmagazin sagt er: "Es gibt so eine künstliche Aufgeregtheit, und es gibt die Verzweiflung. Ich glaube, die Tatsache, dass alles aufgeregter und hysterischer wird und dabei die leise Verzweiflung hin und wieder übermalt wird, das ist ein Zeichen dieser Dekade." Als Musiker müsse er für solche Vorgänge "Antennen haben, sie irgendwie absorbieren oder umwandeln oder zurückspielen."

Das erste Stück seines erfolgreichen und inzwischen ausgezeichneten Albums "Nachtfahrten" sei gar nicht geplant gewesen: "Und im Studio dachte ich plötzlich, okay, jetzt passt dieses Stück. Wir haben versucht, es so leer wie nur irgendwie möglich zu machen. Das Einzige, was das Stück von der ursprünglichen Komposition formal unterscheidet, ist ein eingefügter Takt des Schlagzeugs, der ist völlig leer, er verlängert nur die Pause. Und dieser Moment wurde dann fast so eine Art Leitmotiv für die ganze Produktion: Wir machen weniger als je zuvor", so Wollny.

Auf die Frage, wie aus Inspirationen das Notwendige, die Kunst werde, antwortet Wollny: "Es ist immer gefährlich, Notwendiges machen zu wollen. Ich zitiere gerne den Schweizer Kulturjournalisten Peter Rüedi: In der Kunst wie in der Erotik bleibt einem nichts so sehr versagt wie das, was man unbedingt erreichen will. Deswegen glaube ich auch, dass Ablenkungsmanöver so toll sind: wenn man beim Konzert nicht versucht, ganz große Kunst zu machen, sondern eher einen schönen Ton zu produzieren. Oder auch mal mit dem Flügel kämpft oder mit der Rückmeldung, die der kleine Finger gibt. Das Detail ist wichtig, das große Ganze entsteht am ehesten nebenbei."

Ein improvisiertes Solokonzert, so Wollny, sei eine totale Überforderung. "Ich gehe hin, und eineinhalb Stunden vertraue ich darauf, dass ich immer eine neue Idee habe, wie es weitergeht. Und wenn man das drei, vier Mal gemacht hat, entsteht dann im besten Fall ein Vertrauen, dass diese Überforderung immer lösbar bleibt."