Egon Bahr: Über Wehners Ruchlosigkeit geweint
Egon Bahr, Weggefährte und enger Vertrauter Willy Brandts, nennt Herbert Wehner, den einstigen Bundesminister für gesamtdeutsche Aufgaben und Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion einen Verräter. "Es erstaunt mich bis heute, wie wenig ins öffentliche Bewusstsein gedrungen ist, dass Wehner und Honecker in einem Punkt völlig einer Meinung waren: Beide wollten das Nebeneinander der beiden deutschen Staaten untereinander bestimmen, solange es sie gab. Das Ende der Teilung war nicht vorgesehen", sagt Bahr im Interview mit dem ZEITmagazin.
"Breschnew beschimpfte Honecker, weil der gegen die neue Linie der sowjetischen Politik agiert und den Spion Guillaume nicht ,abgeschaltet’ habe. Wehner wollte mit Honecker, mit dem er seit dreißig Jahren befreundet war, den Status quo stabil halten. In ihren Konzepten waren Brandt und Wehner Feinde", so der 91-Jährige Bahr.
"Wehner war ein toller Mann, er war eine große Führungsfigur, überzeugt davon, dass er intelligenter war als Brandt und Schmidt, als Honecker sowieso. Und er war natürlich intelligent genug, um zu wissen, dass er das ihm zustehende Amt des Bundeskanzlers wegen seiner Vergangenheit nie erreichen konnte. Also hat er mit großem Können die drei erfolgreich manipuliert", erinnert sich Bahr im Gespräch.
Bahr erzählt auch von dem Tag, als Willy Brandt wegen der Guillaume-Affäre zurück trat. Nach dem Rücktritt Brandts sagte Wehner seinen berühmten Satz: "Willy, du weißt, wir alle lieben dich." Dazu Bahr: "Das aus diesem Mund und an diesem Ort – da tat sich ein solcher Abgrund von Heuchelei auf, dass ich nicht mehr konnte. Ich habe nicht über den Rücktritt geweint, das ist Quatsch. Ich habe über Wehners Ruchlosigkeit geweint."
Über seine Freundschaft zum ehemaligen Bundeskanzler Brandt äußert sich Bahr ebenfalls im ZEITmagazin: "Man konnte Willy Brandt nur nahekommen, wenn man ihm nicht zu sehr nahekommen wollte. Das macht für mich bis heute Freundschaft aus. Ich frage nicht, ich bohre nicht nach, ich will nicht alle Geschichten kennen. Wenn ein Freund sie erzählen will, wird er sie erzählen, wenn nicht, dann nicht."
Bahr, der unter anderem Minister für besondere Aufgaben im Kanzleramt, Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Bundesgeschäftsführer der SPD und Direktor des Instituts für Friedensforschung in Hamburg war, erinnert sich im Gespräch auch an sein frühestes Kindheitserlebnis: "Meine Großmutter saß an meinem Bett und sagte: ,Ich glaube, das hier ist ein Floh oder eine Laus. Der Junge wird mal weit rumkommen.’"



