Theologe Stephan Goertz bescheinigt katholischer Kirche einen "Umschwung" im Umgang mit Homosexuellen

Der Moraltheologe Stephan Goertz bescheinigt der katholischen Kirche in Deutschland einen "Umschwung" im Umgang mit Homosexuellen. Es sei eine "neue bischöfliche Nachdenklichkeit" erkennbar sowie eine "Abkehr von der bisherigen generellen Verurteilung homosexueller Beziehungen", schreibt Goertz in einem Gastbeitrag für die ZEIT-Beilage Christ & Welt. Der katholische Theologe verweist auf jüngste Äußerungen des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, von dessen Stellvertreter Bischof Franz-Josef Bode sowie des Berliner Erzbischofs Heiner Koch. Diese drei Wortmeldungen innerhalb kurzer Zeit "ließen aufhorchen". Und weiter: "Es ist theologisch legitim und Zeichen von Lebendigkeit, wenn die Kirche im 21. Jahrhundert zu einer neuen Bewertung von homosexuellen Beziehungen gelangt."

Über lange Zeiten habe eine "rigoristische und erfahrungsarme Morallehre die Weiterentwicklung kirchlicher Positionen verhindert", schreibt der Theologieprofessor der Universität Mainz, "hier ist unter Papst Franziskus eine Wende eingetreten". Der moralischen Kompetenz und Urteilskraft der Menschen werde mehr zugetraut. Wenn die Kirche bereit sei, "das Gute und Richtige in homosexuellen Ehen anzuerkennen", würde dies "Verkrampfungen im Umgang mit homosexuellen Seelsorgerinnen und Seelsorgern" lösen, so Goertz weiter. "Sie würde von den menschlichen Qualitäten und nicht den Defiziten von Homosexuellen sprechen. Die Kirche könnte in sich gehen und Abbitte bei denen leisten, in deren Biografien sie in der Vergangenheit gewütet hat." Es sei Zeit für eine "Theologie des Leibes", die die Wirklichkeit und Erfahrungen sexueller Minderheiten nicht länger an den Rand dränge. Die Kirche sei gut beraten, ihre Stellung im Staat nicht für einen "antiliberalen Kulturkampf gegen Freiheitsrechte" aufs Spiel zu setzen.

Stephan Goertz, Jahrgang 1964, ist Professor für Moraltheologie an der Universität Mainz. Er hat das Kompendium "‚Wer bin ich, ihn zu verurteilen?’ Homosexualität und katholische Kirche" herausgegeben. Reinhard Kardinal Marx hatte sich Anfang Januar in der "Herder Korrespondenz" geäußert, sein Stellvertreter, Bischof Franz-Josef Bode, wenige Tage später in der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Der Berliner Erzbischof Heiner Koch hatte im Juni 2017 in einer Pressemeldung der Deutschen Bischofskonferenz Stellung bezogen.